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Spass statt strenge Hand

Es lebe die (temporäre) Erziehungs-Anarchie!

Spezielle Situationen erfordern spezielle Massnahmen. Aber von Anfang an: Hier steht geschrieben, warum ich es gar nicht so schlimm finde, wenn mein Sohn den gefühlt 100. Virus aus der Krippe nach Hause bringt und warum es mir wichtig ist, dass wir als Familie seine Kinderkrankheiten quasi zelebrieren. Und wie wir das machen.

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Sweet toddler child, playing doctor, examining teddy bear toy at home, isolated background

Kranke Kinder verdienen eine extra Portion Verwöhnung, findet unsere Redaktorin.

Getty Images

Zwei Sachen zum Anfang:

1. Mir ist sehr bewusst, dass man mich nach diesem Text für eine merkwürdige Mutter halten kann. Das ist okay.

2. Sorry an alle AutorInnen von Erziehungsratgebern!

Jedenfalls ist es so, dass ich Mama eines zweijährigen Buben bin. Das Kind verbringt zwei Tage pro Woche in einer Kita. Wer Kita-Kinder hat, weiss: In den ersten drei Lebensjahren sind die Kleinen gefühlt immer krank. Da ein Virus, dort ein Ausschlag, dann wieder Pfnüsel, Husten und Fieber. Gerne und oft von 0 auf 100. Gerade vergangene Woche war es mal wieder so. Kind superfit zu Bett gebracht. Um kurz nach zwei Uhr wachte es mit 39,8 Grad Fieber auf. Über eine Stunde tragen mein Partner und ich dieses wimmernde Häufchen Elend rum, bis es zurück in den Schlaf findet.

Schoggimilch und Zucker-Eier zum Zmorgen!

Ein paar Stunden später wacht das Kind auf. Es ist weinerlich, glüht, will nicht gewickelt werden und will schon gar nicht sein Pischi ausziehen. Hier kommt die von mir hochgelobte Erziehungs-Anarchie ins Spiel. Ist das Kind krank, will ich es sein bestes Leben leben lassen. Es hat ja schon genug zu tun mit dem Bekämpfen des fiesen Käfers, der ihn gerade flachliegen lässt. Deswegen: Will das Kind das Pischi anbehalten, soll es das Pischi anbehalten. Und zwar den ganzen Tag.

Erster zufriedener Moment. Halleluja.

Eine Stunde nach dem Sirup ist das Fieber gesunken, der Allgemeinzustand ist okay. Wie wäre es mit Frühstück? Das Kind ist skeptisch. Auf Früchte und Haferflocken hat es keine Lust. Auf sein Sitzli am Tisch noch weniger. Was es denn sein darf, frage ich. «Schoggimilch», sagt er und kriecht unter den Tisch. 

Soll er bekommen. Hauptsache, er nimmt irgendwas zu sich. Und wenn das unter dem Tisch am besten schmeckt, dann so be it!

Girl playing under the table at home.

Manchmal soll es auch mal ein Snack unter dem Tisch sein dürfen.

Getty Images

Der erste kleine Ausflug des Tages führt uns zum Bäcker unserer Vertrauens. Der Bub will nichts essen. Bis er das Osterhäsli mit den Zuckerstreuseln sieht. Ich, sehr happy, dass er was zu sich nehmen mag, kaufe das Weissbrot-Zuckerding noch so gerne. Er nimmt drei Bissen. Besser als keinen. 

Wieder daheim ist das Fieber erneut angestiegen. Das Kind mag nicht spielen, mag nicht malen, mag nicht in den Schlaf finden. Es will «Sam luege». Und zwar auf dem grossen TV. Wir legen uns zu ihm aufs Sofa, streicheln ihn, halten sein Händchen, während er drei Folgen «Sam, der Feuerwehrmann» schaut und zufrieden an seinem Nuggi nuckelt. 

Dann fällt er in einen tiefen Schlaf. Logisch, wir könnten jetzt aufräumen, Wäsche machen, das Bad putzen. Wir entscheiden uns aber auch für ein Schläfchen. Wir bringen dem Kind am meisten, wenn wir selber fit sind. 

Am Nachmittag und die ganzen restlichen sechs Tage seines Virus gehts genau so weiter: Das iPad machen wir uns zum Freund. Wenn das kranke Kind kindergerechte Lernspiele spielen will, darf es das. Will das Kind statt in seinem Bett auf dem Sofa im Wohnzimmer einschlafen, soll es. Hauptsache es schläft. Wünscht er sich Schoko-Flakes, kriegt er sie.

Wenn nachts das Fieber wieder steigt und das Kind lieber bei uns pfusen will, ist es herzlich Willkommen. Auch darf der Sohn so viel mit unseren Handys spielen und so viele Videos (Fun Fact: von sich selber!) gucken, wie es will. 

Das absolute Highlight erlebt der Bub am vierten Tag seiner Erkrankung. Es geht ihm endlich besser. So sehr, dass er abends um 19.30 Uhr einen Ausflug zum Laden um die Ecke machen will. Statt also Pischi anzuziehen und wie sonst eigentlich jeden Abend, noch ein Büechli zu lesen, stampfen wir los. Kurz vor Ladenschluss kriegt er noch ein Raketen-Glacé, das er durch den Regen stampfend auf dem Heimweg genüsslich schleckt.

Das Kind strahlt. Wir strahlen. Nimm das, Virus!

Dass das Kind an diesem Abend erst kurz nach 21 Uhr schläft, ist uns maximal egal. Um den normalen Schlafrhytmus kümmern wir uns, wenn es wieder ganz gesund ist!

Glücklich sein kann doch keine Sünde sein!

Ich erzähle diese Geschichte aus verschiedenen Gründen. Da ist zum Beispiel eine Freundin, die mich fragt, ob wir unser Kind so nicht «verziehen». Andere Eltern in meinem Umfeld trauen sich nicht, offen zuzugeben, dass auch sie manchmal Regeln Regeln sein lassen und einfach in den Tag leben - mit oder ohne Virus.

Und dann sind da noch all die ungefragten Warnungen vor «Gefahren». Achtung vor zu viel Bildschirmzeit! Oder: Achtung vor Zucker. Wie auch: Bloss nie das Kind mit ins Elternbett nehmen. 

Ich wünsche mir eine Welt, in der Kinder einfach auch mal Kind sein können. Und Chef. Wir für uns haben entschieden, dass das bei uns jeweils so sein darf, wenn der Bub krank ist. Wieso? Lassen Sie mich ehrlich sein: Nicht nur dem Kind, auch uns macht es enorm Spass, wenn wir mal aus dem Alltag und den sonst so fixen Strukturen und Regeln ausbrechen können. Ausserdem sind wir sicher, dass unser Sohn das Kranksein noch lange nicht mit was ganz Schlimmen assozieren wird. 

Woher ich das weiss? Ich bin selber ein Kind, das krank alles durfte. Ich erinnere mich, dass ich jedes Kratzen im Hals fast so feierte wie Geburtstage und Weihnachten. Ein bisschen ist es bis heute so geblieben: Und mal im Ernst: Kann es Sünde sein, wenn man es hinkriegt, selbst bei Krankheit glücklich zu sein? Eben!

Von Maja Zivadinovic am 9. Oktober 2022 - 18:00 Uhr