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Fehlgeburt – wie weiter?

Gian und Petra Simmen haben drei Kinder verloren

Viele erleben es, kaum jemand spricht darüber. Olympiasieger Gian Simmen und seine Frau Petra mussten sogar mehrere Fehlgeburten verarbeiten. Jetzt erzählen sie, wie sie neue Hoffnung schöpften.

Krattigen, Schweiz, 2020 Petra und Gian Simmen fürs Dossier Fehlgeburt

Petra und Gian Simmen halten trotz Schicksalsschlägen zusammen.

Dominic Nahr / MAPS

Im Ofen von Familie Simmen in Krattigen BE brutzelt eine Lasagne. In Kürze kommen Niculin, 11, Florin, 9, Jamin, 6, und Andrin, 4, aus Schule und Kindergarten und setzen sich mit ihren Eltern Petra, 42, und Gian, 42, rund um den grossen Esstisch. An diesem könnte es auch ganz anders aussehen. Zum Beispiel könnte da ein älteres Kind sitzen als Niculin. Oder eines, das jünger ist als Florin und älter als Jamin. Oder Jonina.

Insgesamt siebenmal ist Petra Simmen schwanger. Eine dieser Schwangerschaften endet in der 13. Woche, eine in der achten. Töchterchen Jonina stirbt kurz vor Geburtstermin wegen einer akuten Plazentaablösung im Mutterleib. «Man fragt sich immer, was gewesen wäre, wenn. Wie diese Familie wohl aussähe, wäre es anders gekommen», sagt Petra. Und: «Jedes Kind, das nicht lebend zur Welt kommen darf, hinterlässt eine Lücke.»

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«Man trauert um Träume, Lebenspläne, Bilder im Kopf. Das ist vielleicht schwierig nachzuvollziehen.»

Petra Simmen

Petra Simmen spricht etwas aus, was im wahrsten Sinne des Wortes politisch nicht korrekt sein darf. Denn laut Bundesgesetz über die Krankenversicherung hinterlässt ein früher Abort keine solche Lücke. Eine Frau gilt in den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft gar nicht als schwanger. Gibt es dann Komplikationen oder erleidet sie einen Abort, behandeln die Krankenkassen dies als Krankheit. Entstandene Kosten müssen je nach Versicherung selbst übernommen werden. Für Petra und Gian Simmen unverständlich. «Es geht nicht nur ums Geld. Mit dieser Regelung impliziert das Gesetz, man dürfe erst ab dem vierten Monat um sein Ungeborenes trauern. Das ist absurd», sagt der Snowboard-Olympiasieger. Viele andere sehen das genauso. Deshalb soll dies nun geändert werden. Einer entsprechenden Motion hat der Nationalrat zugestimmt, diese muss aber noch vor den Ständerat.

Krattigen, Schweiz, 2020Petra und Gian Simmen fŸrs Dossier Fehlgeburt

Petra und Gian Simmen blättern im Erinnerungsalbum ihrer tot geborenen Tochter Jonina.

Dominic Nahr / MAPS

Viele können die Trauer nicht einordnen

Tatsächlich machen Simmens die Erfahrung, dass die Trauer um die tot geborene Jonina auf mehr Verständnis stösst als die zwei früheren Aborte. «Wohl deshalb, weil diese Schwangerschaft nicht zu übersehen war», sagt Petra. Dabei erlebt sie ihre erste Fehlgeburt in der 13. Woche auch als traumatisch. «Die Freude über unser erstes Baby war gross. Wir wollten Gians Mutter an jenem Tag sagen, dass sie Grossmutter wird. Stattdessen musste ich ins Spital, um den Fötus auszukratzen. Das war schlimm.» Aber auch nach der Totgeburt ihrer Tochter können viele Leute die Tränen der Eltern nicht richtig einordnen. Vielleicht deshalb, weil man den kleinen Menschen, den man betrauert, gar nicht wirklich gekannt hat. «Man trauert um Träume, um Lebenspläne, um Bilder im Kopf. Um etwas, das nicht werden darf. Für jemanden, der das nie erlebt hat, ist das vermutlich schwierig nachzuvollziehen», sagt Petra Simmen.

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Lina Hodel/Grafik SI

Harte Probe für Beziehung

Als Petra ihre Jonina vor zehn Jahren leblos zur Welt bringen muss, gerät der Traum einer grossen Familie ins Wanken. Zerbricht das Bild von Niculin mit seiner kleinen Schwester im Arm. Ein einziges davon gibt es, aufgenommen im Spital nach Joninas Totgeburt. Der älteste der Simmen-Buben hat auch heute den engsten Bezug zu seiner Schwester, geht öfter zu ihr ans Grab, wenn Petra und Gian es pflegen. «Er fragt viel, interessiert sich für Spiritualität, Leben und Tod. Das ist schön. In unserer Kultur hat Sterben keinen Platz. Aber es gehört zum Leben», sagt seine Mutter.

Genau wie Trauer. Und da diese individuell ist, stellt sie die Beziehung des Ehepaars auf eine harte Probe. «Die Trauer kommt in Wellen. Manchmal ist man tieftraurig, manchmal gehts ganz gut», sagt Gian. «Aber man weiss oft nicht, wo der andere gerade steht. Das führt zu Missverständnissen.» Sie sei stolz, dass sie es als Paar geschafft haben, sagt Petra.

Krattigen, Schweiz, 2020 Petra und Gian Simmen fŸrs Dossier Fehlgeburt

Jonina Natalina: Die liebevoll verfasste Geburts- und Todesanzeige ging an Familie und Freunde.

Dominic Nahr / MAPS

«Jonina hat ihren Platz bei uns»

Bei den Schwangerschaften, die auf Jonina folgen, ist Petra nicht ängstlicher als zuvor: «Jedes Kind verdient seine eigene Geschichte und soll nicht Dinge eines anderen übernehmen müssen.» Gian hingegen fürchtet bei Florins Geburt eines: «Die Totenstille, wenn das Baby da ist. Das wollte ich nie wieder erleben müssen.» Florin schreit allerdings sofort los, obwohl er ein Frühchen ist, erzählt der Papa lachend. «Als ob er gewusst hätte, dass das jetzt einfach seine Aufgabe ist.»

Jonina hinterlässt eine Lücke bei Familie Simmen. «Sie hat ihren Platz bei uns, aber wir passen auf, dass sie keine heilige Kuh wird», sagt Petra. Gerade, weil sie das einzige Mädchen gewesen wäre. «Natürlich frage ich mich manchmal, was ich für ein Mädchen-Papi wäre. Ob sie auch so auf Konfrontationskurs gehen würde wie die Buben manchmal», sagt Gian. «Aber wir dürfen unseren Söhnen nie das Gefühl geben, wir hätten lieber ein Mädchen gehabt an ihrer Stelle.»

Krattigen, Schweiz, 2020Petra und Gian Simmen fŸrs Dossier Fehlgeburt

Die Trauer um das tot geborene Kind stellte die Beziehung des Paares auf die Probe.

Dominic Nahr / MAPS

Simmens glauben nicht an Zufälle

Sie sei eigentlich ganz froh, habe es nach Jonina noch drei Buben gegeben, erzählt Petra. «So läuft keiner Gefahr, das Gefühl zu haben, eine Lücke füllen zu müssen. Joninas Platz kann und soll niemand anderes einnehmen.» Simmens glauben, dass die Fehlgeburten kein Zufall sind. «Diese Kinder haben sich meinen Körper sozusagen als Mitfahrgelegenheit ausgesucht und haben uns so ein Stück begleitet. Auch wenn wir den Sinn nicht sehen – es gibt ihn bestimmt», so Petra.

Von Sandra Casalini am 21.02.2020
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