1. Home
  2. Family
  3. Familien-Geschichten
  4. Nach Totgeburt von Ronaldo und Georginas Baby: Traucherfachfrau ordnet Schicksal ein
Trauerfachfrau ordnet Ronaldos Schicksal ein

«Ich bestärke Eltern, das verstorbene Baby mit nach Hause zu nehmen»

Christiano Ronaldo und seine Freundin Georgina Rodriguez erleben zurzeit das Schlimmste, das Eltern passieren kann. Bei der Zwillingsgeburt haben sie ihren Sohn verloren - nur das kleine Mädchen hat überlebt. Anna Margareta Neff Seitz, Leiterin Fachbereich & Beratung, Hebamme und Trauerfachfrau von kindsverlust.ch erklärt, was mit einem Paar passiert, das sein Kind gehen lassen muss.

Artikel teilen

Cristiano Ronaldo und Georgina Rodriguez

Cristiano Ronaldo und Georgina Rodriguez haben ihren Sohn verloren.

WireImage

Weltstar Cristiano Ronaldo (37) und seine Partnerin Georgina Rodriguez (28) müssen einen schrecklichen Schicksalsschlag verkraften. Wie der Fussballer über seinen offiziellen Instagram-Account mitgeteilt hat, ist der gemeinsame Sohn verstorben. Rodriguez war mit Zwillingen schwanger, doch nur das Mädchen hat dem Post zufolge überlebt.

«Mit tiefster Trauer müssen wir mitteilen, dass unser Junge verstorben ist», heisst es in der Nachricht. «Es ist der grösste Schmerz, den Eltern fühlen können. Nur die Geburt unseres Mädchens gibt uns die Kraft, diesen Moment mit etwas Hoffnung und Freude zu erleben.» Das Paar bedankt sich bei allen Angestellten des Krankenhauses für deren «Betreuung und Unterstützung». An ihren verstorbenen Sohn gerichtet heisst es weiter: «Du bist unser Engel. Wir werden dich immer lieben.»

Wie aber ist es hinter den Kulissen, wenn man einen solch herben Verlust verkraften muss? Wir haben mit Anna Margareta Neff Seitz, Leiterin Fachbereich & Beratung, Hebamme und Trauerfachfrau von kindsverlust.ch gesprochen.

Was macht es mit Eltern, wenn nach einer Zwillingsschwangerschaft unerwartet ein Kind vor, während oder kurz nach der Geburt stirbt?
Eine betroffene Mutter sagte mir mal, dass sich der Verlust wie eine Amputation anfühlt. Ich finde diese Aussage sehr treffend. Ein Teil von sich selber, der da plötzlich weg ist, führt zu unvorstellbarem Schmerz. Vor allem für Mütter kann das Sterben eines Babys sehr traumatisierend sein: Während neun Monaten bereiten sich Körper und Seele auf das Muttersein vor, der Milcheinschuss kommt, die Liebe ist da und dann ist das Kind tot. Da stellen sich dann Fragen wie wohin mit all der Liebe? Den körperlichen Veränderungen? Der so verletzten Psyche und der schmerzenden Seele?

Wichtig ist auch zu sagen, dass ein so früher Tod nicht in die gesellschaftliche Vorstellung/Norm passt. Der Tod ist quasi erst dann 'okay', wenn der Mensch gelebt hat und alt geworden ist. Dabei vergessen wir, dass der Tod zum Leben dazu gehört und dass ein Kind, so schlimm es ist, so früh sterben darf/kann. 

Gehen Mütter und Väter anders um mit der Trauer?
Absolut. Bei den Frauen kommt der körperliche Prozess hinzu. Sie sind voller Hormone, haben einen Milcheinschuss. Sie sind voll und ganz auf Muttersein programmiert und sie haben das Kind neun Monate lang ausgetragen. Für sie beginnt das Muttersein früher als für Väter, die dem Kind erst dann richtig nah sind, wenn dieses geboren ist und wenn sie es anfassen können. Oft ist es so, dass Männer schneller zurück zur Normalität wollen. Sie gehen schneller wieder arbeiten, versuchen das alte Leben zurückzubekommen und ihre Partnerinnen zu motivieren, auch nach vorne zu schauen. Oft reagieren Frauen mit Wut und Enttäuschung, weil sie sich fragen, ob der Mann das Kind überhaupt geliebt hat. Dieses Szenario begegnet mir regelmässig in meinem Beruf.

Jetzt spezifisch auf Ronaldos und Georginas Verlust: Wie geht man damit um, wenn Freud und Leid so nah zusammen sind und nur ein Zwilling überlegt?
Ich finde es enorm wichtig, dass Betroffene alle Gefühle zulassen. Trauer, Wut, Schmerz, aber auch Freude. Schliesslich ist da noch ein Baby, das lebt. Was simpel klingt, ist aber ein riesiger Spagat, den es zu schaffen gilt. Es gibt Eltern, die sich schlecht fühlen, wenn sie in dieser Situation Glück fühlen. Dabei ist das nicht nur nicht verwerflich, sondern wahnsinnig wichtig und richtig. Ich sage jeweils, dass das verstorbene Kind sicher Freude hätte zu sehen, dass sein Geschwisterchen lebt und die Eltern sich darüber freuen. Beim Leben von Emotionen wünschte ich mir, dass wir uns an Kindern ein Beispiel nehmen: Sie leben alle Emotionen in Echtzeit. Während sie gerade noch weinten und wütend waren, sind sie im nächsten Moment ausgelassen und glücklich. Eltern sollen keine Scham haben, sich genau gleich zu verhalten, wenn sie ein Kind bekommen und eines verloren haben.

 

 

Wie kann man einen solchen Schicksalsschlag verkraften und wie schafft man langfristig den Weg zurück in ein normales/glückliches Familienleben?
Als Erstes sollen sich Betroffene unbedingt Hilfe holen. Es gibt viele Hebammen, die spezialisiert sind auf frühen Kinderverlust. Auch wir von kindsverlust.ch sind erreichbar und können Fachpersonen vermitteln, die Betroffene im Wochenbett begleiten und sie motivieren, alle  Gefühle zuzulassen und auszuleben. Am Anfang ist man vor allem ganz in der Gegenwart. Da sind Dinge wie Essen und Schlafen wichtig. Das lebende Kind hilft, um sich aktuell nur auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Ausserdem erachte ich es als sehr elementar, sich bewusst zu sein, dass jetzt gerade noch zwei Kinder da sind, auch wenn eines verstorben ist. Ich bestärke Eltern darin, das tote Baby mit nach Hause zu nehmen und bewusst Zeit mit ihm zu verbringen. Das klingt im ersten Moment absurd. Es hat sich aber bewahrheitet, dass genau das im Trauerprozess sehr hilfreich ist. Es ist schön, wenn auch das verstorbene Baby daheim in sein Bettchen gelegt wird und sich die Familie ein paar Tage Zeit nimmt, um dann Abschied zu nehmen. Vor allem für Väter, die ja nicht schwanger waren, sind diese Tage sehr wichtig.

Vor 20 Jahren noch hat man tote Babys so schnell wie möglich von seinen Eltern weggebracht, weil man dachte, dass es dann etwas einfacher ist. Das ist aber überhaupt nicht so. In der Schweiz dürfen Eltern ein verstorbenes Baby mit dem Privatauto mit nach Hause nehmen. Wenn die Eltern mögen, kann es auch hilfreich sein, wenn Grosseltern, Göttis und Gotten vorbei kommen und das Kind ebenfalls kennenlernen. Wichtig ist auch, dass Geschwisterkinder von Anfang an in den Prozess integriert werden. Auch der überlebende Zwilling. Allgemein rate ich, dass man das verstorbene Baby von Anfang an ins Familienleben integriert und dem Kind, das überlebt hat, von Anfang ganz natürlich von seinem verstorbenen Geschwister erzählt. Viele meinen, dass es Sinn macht zu warten, bis das Kind quasi genug gross ist. Davon rate ich ab. Es ist einfacher und natürlicher, von Anfang an das verstorbene Kind zu thematisieren und ins Familienleben aufzunehmen.

Familie und Freunde, ein sehr gutes Stichwort, wie kann das Umfeld Betroffenen helfen?
Wichtig ist, dass man sich nicht zurückzieht, weil man nicht stören will. Ich höre immer wieder, dass sich trauernde Eltern sehr über kleine Nachrichten freuen. Sei das eine SMS, ein kleines Geschenk im Briefkasten oder ein Kärtchen. Es ist wichtig zu sagen, dass man an die Betroffenen denkt, man soll aber keine Erwartungshaltung haben. Und ganz wichtig: Eltern schätzen es sehr, wenn sie auch noch Jahre nach ihrem Verlust zum Todes- und/oder Geburtstag ihres verstorbenen Babys ein Kärtchen bekommen.

Sind Sie selber betroffen oder sind Sie Angehörige von Eltern, die ihr Kind verloren haben? Bei kindsverlust.ch finden Sie kostenlos Hilfe, Rat und Unterstützung.

Maja Zivadinovic
Maja ZivadinovicMehr erfahren
Von Maja Zivadinovic am 22. April 2022 - 17:21 Uhr