Zwanzig Minuten steht Lio schon parat. Das ist eine halbe Ewigkeit für einen Dreijährigen, der in Skihosen und Faserpelz drinnen im Warmen warten muss. Der Sohn von Jenny (38) und Carlo Janka (39) war als Erster fertig angezogen. Nun muss er auf den Rest der Familie warten. Seine Mama flechtet der sechsjährigen Ellie die Haare zu Zöpfen, sein Papa packt die zweijährige Lina warm ein. Schicht für Schicht, wie eine Zwiebel: erst wärmend, dann wasserdicht. «Schon erstaunlich, wie lange es jedes Mal dauert, bis alle fürs Skifahren fertig angezogen sind», seufzt er.
Carlo kann die Ungeduld seines Sohnes nachfühlen. Der ehemalige Skirennfahrer ist sich auch ein ganz anderes Tempo gewohnt: 2009 war er der Schnellste und holte den Weltmeistertitel. 2010 folgten Olympia-Gold sowie Gesamtweltcup.

Geduldsprobe für Carlo Janka: Lio und Lina pistentauglich anzuziehen, dauert eine Weile. Besonders, wenn die Kleinen eifrig «mithelfen».
Olivia PulverMittlerweile gehört Carlo Janka auf der Piste zu den Langsamsten. Aus gutem Grund: Er passt das Tempo seinen drei Kindern an. Seit Kurzem steht auch Lina, die Jüngste, auf den Brettern, die ihrem Papa die Welt bedeuten.
Carlo Janka, wie wichtig ist dieser Meilenstein für Sie?
Carlo Janka: Mit allen drei Kindern und meiner Frau diesen Sport zu teilen, macht mich glücklich. Das ist für mich schon ein richtig grosses Highlight!

Materialschlacht hoch fünf: Die Garderobe im Haus der Familie Janka ist ein wahres Stauraumwunder.
Olivia PulverWo verorten Sie das Glücksgefühl im Vergleich zu einem Olympiasieg?
Auf einer ganz anderen Ebene. Sportliche Siege sind Höhepunkte, auf die man gezielt hinarbeitet und die danach wieder abflachen. Die Freude, die ich beim Skifahren mit meiner Familie empfinde, gleicht eher einem Dauerzustand.
Können Sie schon erkennen, ob sie Ihr Talent vererbt haben?
Dafür sind die Kinder noch zu klein.
Jennifer Janka: Also, ich finde schon, dass man gewisse Eigenschaften erkennt, die von dir kommen. Lio ist ehrgeizig. Er liebt den Wettbewerb und will gewinnen. Ellie hat einfach einen guten Stil. Und Lina ist furchtlos. Egal, wie steil es ist – sie würde sofort runterbrettern, wenn wir sie nicht mit einer Führleine sichern würden.
Endlich sind alle angezogen. Vor der Haustür steht ein Bollerwagen bereit. Lios Miene hellt sich auf, als Carlo ihn hineinhebt. Er rutscht zur Seite, um auch für seine kleine Schwester Platz zu machen.

Selbstständig: Ellie, die Erstgeborene, braucht schon lange keine Hilfe mehr beim Anziehen.
Olivia PulverDer Wagen ist für die Jankas ein unverzichtbarer Begleiter geworden, seit Lina auf der Welt ist. «Weil zwei Paar Hände und drei Kinder – das geht einfach nicht auf», rechnet Carlo lachend vor. Nachdem die Kinder verstaut sind, folgt das Material. Damit nichts vergessen geht, haben Jenny und Carlo eine klare Rollenteilung eingeführt: Sie ist für die Software zuständig – Mützen, Handschuhe, Snacks. Er kümmert sich um die Hardware – Ski, Helme, Brillen. «Ein wenig wie im Familienalltag. Da bin auch ich der Mann fürs Grobe, und Jenny kümmert sich liebevoll um die Feinheiten», resümiert Carlo.

Ehrgeizig wie der Papa: Lio holt seine Skischuhe, um als Erster für die Piste parat zu sein.
Olivia PulverSchliesslich macht sich die Familie wie eine kleine Karawane auf den Weg Richtung Dorfrand. Das Haus der Jankas steht mitten im Skigebiet Obersaxen Mundaun. Zur blauen Piste, auf der Carlo Janka schon als Bub Ski fahren lernte, sind es nur 100 Meter.
Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Skitage, Carlo Janka?
Carlo Janka: Kaum. Ich stand ebenfalls schon mit zwei Jahren auf Ski. Die Erinnerungen setzen erst später ein. Eingeprägt hat sich, dass mein Vater mich immer mit auf den Bügellift nahm und ich mich an ihn lehnte. Manchmal war es bitterkalt, und auf der langen Fahrt nach oben bin ich fast eingeschlafen.
Wann haben Sie es gelernt, Jennifer?
Jennifer Janka: Bis ich Carlo kennenlernte, war ich Snowboarderin. Er fand dann, nicht Ski fahren zu können, sei ein No-Go, also hat er es mir beigebracht. Richtig sicher fühle ich mich noch nicht, aber wenn wir mit den Kindern unterwegs sind, kann ich das gut kaschieren, indem ich ihnen im Stemmbogen nachfahre.

Hübsch und praktisch: Ellie und Jenny Janka flechten sich die langen Haare gegenseitig zu Zöpfen.
Olivia PulverIst Carlo ein guter Skilehrer?
Für die Kinder auf jeden Fall. Technisch kann er ihnen alles beibringen.
Carlo Janka: Aber das allein macht ja keinen guten Lehrer aus. Ich glaube, mir fehlt manchmal das richtige Mass. Gerade wenn es um Tempo geht, habe ich eine völlig andere Wahrnehmung. Da tut Jennys vorausschauende Vorsicht gut. Zu zweit sind wir am stärksten.
Kaum hat Lina die Ski an den Füssen, will sie davonsausen. Jennifer hält sie an der Sicherheitsleine fest. Auch Ellie hat die Skibrille auf und ist motiviert loszulegen. Doch nun wirkt Lio plötzlich nicht mehr so pressiert. Er schaut dem Treiben auf der Piste skeptisch zu und bewegt sich keinen Meter vom Fleck. Carlo erkennt sofort, was los ist: Letztes Jahr stürzte Lio auf der Piste und brach sich ein Bein. Nun muss er das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten erst wieder aufbauen. «Komm, du kannst dich zwischen meine Ski stellen, dann fahren wir zusammen», ermuntert er seinen Sohn.

Pragmatisch: Jenny und Carlo Janka transportieren Kind und Kegel im Bollerwagen vom Haus bis zur Piste.
Olivia PulverBedächtig, in grossen Kurven und mit vielen Pausen rutscht die Familie der Talstation Meierhof entgegen. Wer den Skistar auf der Piste erkennt, muss zweimal hinschauen, ob er es wirklich ist. Denn die kühle Zurückhaltung, die Janka während seiner Profikarriere den Spitznamen «Iceman» eingebracht hat, schmilzt im Familienalltag dahin. Der dreifache Papa scherzt und lacht mit seinen Kindern, kuschelt und kümmert sich. «Carlo braucht definitiv viel Geduld, wenn er mit uns fährt», sagt Jennifer schmunzelnd. «Aber die hat er ja zum Glück.»
Wissen Ihre Kinder, wie erfolgreich Sie als Sportler waren?
Carlo Janka: Darüber haben wir mit ihnen noch nicht wirklich gesprochen. Aber ich glaube, sie merken schon, dass ich ganz ordentlich Ski fahre.

Teamwork: Carlo Janka sichert Lio, Jenny führt Lina an der Sicherheitsleine. Und Ellie fährt die Kurven vor.
Olivia PulverIhr Rücktritt 2022 erfolgte aufgrund von Verletzungen an Rücken und Knie. Wie geht es Ihnen heute?
Der Spitzensport hat körperlich sicher seine Spuren hinterlassen. Aber ich fühle mich im Alltag nicht eingeschränkt und habe kaum Schmerzen. Ich kann alles machen, was ich möchte.
Würden Sie sich wünschen, dass eines Ihrer Kinder eine Sportkarriere anstrebt?
Einerseits wäre ich stolz – natürlich. Aktiv vorantreiben würde ich es aber nicht. Nur wenn ein Kind den Wunsch von sich aus äussert, unterstütze ich das.

Après-Ski – aber familientauglich: Im Garten der Familie Janka lassen Lio und Lina die Füsse baumeln.
Olivia PulverWarum diese Zurückhaltung?
Meine Kinder hätten es sicher schwer, sich im Spitzensport eigenständig zu bewegen. Sie würden vermutlich immer mit mir verglichen oder an meinen Leistungen gemessen. Dazu kommen das körperliche Risiko und die mentale Belastung. Man ist im Spitzensport oft sehr allein und immensem Druck ausgesetzt. Meinen Kindern dabei zuzuschauen, wäre für mich vermutlich belastender, als es selbst auszuhalten.

Style-Queen: Ellie liebt es, sich schön anzuziehen. Auch für die Piste stimmt sie ihr Outfit gern ab.
Olivia PulverZiemlich bald ist die Energie bei den Kindern aufgebraucht. Ellie hat Hunger. Und Lio und Lina wollen beide gleichzeitig von ihrem Papa getragen werden. Carlo hebt sie hoch, eins links, eins rechts, beide noch mit den Ski an den Füssen, und trägt sie zurück zum Bollerwagen. Lina fallen schon fast die Augen zu – wie einst ihrem Papa auf dem Bügellift.
So tickt Carlo Janka als Skilehrer

