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Jugendpsychiatrien sind voll

Mädchen und Buben leiden unterschiedlich unter der Pandemie

Sie fühlen sich isoliert, antriebslos und machen sich Sorgen um ihre Zukunft: Während der Pandemie nahm die Zahl der psychischen Beschwerden bei Jugendlichen zu. Ein Blick in die Jugendpsychiatrien zeigt, dass deren Plätze hauptsächlich von Mädchen belegt sind. Doch auch Buben leiden unter der Coronakrise – einfach anders.

Mädchen, Depression

Psychische Probleme haben bei Mädchen während der Pandemie zugenommen.

Getty Images

Wer einen Termin bei einem Jugendpsychiater vereinbaren will, muss sich gedulden. Viele sind ausgebucht, die stationären Plätze in den Jugendpsychiatrien belegt. Michael Kaess, Direktor und Chefarzt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern, sagte kürzlich gegenüber der Sonntags Zeitung: «Wir sind Land unter.» Die Fallzahlen seien während der Pandemie um fast 50 Prozent gestiegen, die akuten psychiatrischen Notfälle in einigen Phasen um 100 Prozent.

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In anderen Kliniken zeigt sich ein ähnliches Bild: Wie die Limmattaler Zeitung schreibt, wurden im Ambulatorium der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in Dietikon im vergangenen Jahr 425 Kinder und Jugendliche behandelt – 105 mehr, als noch vor fünf Jahren. Die Psychiatrischen Dienste Graubünden mussten gemäss dem Bündner Tagblatt aufgrund der Zunahme von jungen Patientinnen und Patienten sogar eine Übergangsstation eröffnen, bis der geplante Klinikneubau für Kinder und Jugendliche bezugsbereit ist.

 

Hauptsächlich Mädchen in den Psychiatrien

Auffällig ist: Die Plätze in den Kinder- und Jugendpsychiatrien werden vorwiegend von Mädchen belegt. Wie Psychiater Oliver Bilke-Hentsch dem Tages-Anzeiger sagte, sind in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Luzern derzeit nur sieben von 55 Plätzen von Buben besetzt.

Das liege aber nicht daran, dass Buben weniger leiden als Mädchen. «Vielmehr neigen sie dazu, ihre Ängste und Probleme zu verdrängen», sagt Bilke-Hentsch. Mädchen hingegen seien sensibler und besser in der Lage, sich mit ihren Sorgen und Problemen auseinanderzusetzen und diese auch auszusprechen. Dies bedeute wiederum, dass bei Buben genauer hingeschaut werden sollte, um Probleme zu erkennen. Anzeichen dafür können etwa sein, wenn sie auffällig lustlos, depressiv, gereizt oder impulsiv sind.

Laut dem Psychiater sind es aber schon vor allem Mädchen, die an schweren Depressionen leiden. Er sagt: «Sie fragen sich etwa, ob es sich überhaupt lohnt, zu lernen oder irgendetwas im Leben anzustreben.» Dieses Phänomen habe während der Pandemie stark zugenommen – und zeigt sich auch über die Landesgrenzen hinaus.

Auf verschiedene Anzeichen achten

So besagt etwa eine Studie der deutschen Krankenkasse «DAK», dass während der Coronapandemie mehr Jugendliche an einer Depression erkrankt sind und in der Altersgruppe der 15 bis 17-Jährigen Mädchen dreimal so häufig in Behandlung sind wie Knaben. Der österreichische Kinder- und Jugendpsychiater Robert Bonell meinte im Gespräch mit der Kronen Zeitung: «Mädchen tendieren generell dazu, Wut, Sorge, Verzweiflung gegen sich selbst zu wenden.» Eine Depression könne man als «gegen sich gewendeten Affekt» verstehen.

Um psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen frühzeitig zu erkennen, rät er Eltern, auf emotionale und kognitive Anzeichen sowie auf veränderte Verhaltensweisen zu achten. Emotionale Anzeichen können unerklärliche Traurigkeit, Ängste und Unsicherheiten sein. Kognitive Anzeichen seien beispielsweise veränderte Denkmuster und Pessimismus und unter einer veränderten Verhaltensweise ist etwa ein sozialer Rückzug oder die Aufgabe von Hobbys zu verstehen.

Bonell rät Eltern dazu, mit Wochen- und Tagesplänen für klare Strukturen zu sorgen und auf einen positiven und wertschätzenden Umgang zu achten. Sie sollten die Kinder und Jugendlichen loben, sich für sie und ihre Sorgen Zeit nehmen und nach gemeinsamen Aktivitäten suchen.

Von fei am 20. Januar 2022 - 17:15 Uhr
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