Es herrscht Kaiserwetter in Laax GR. Vor dem Hauseingang lehnt ein Snowboard, daneben ein Spaltstock und eine Axt. «Kömend nur ina, dia andera sind sich no am Schminka», ruft Mattiu Defuns lachend zur Begrüssung. Er spielt damit auf seine Schwestern Nina (29) und Tiziana (22) an, die ihn als Vokalistinnen in seiner Band begleiten. Es folgen herzliches Gelächter und ein rasanter Austausch auf Rätoromanisch – ein kurzes Hin und Her aus weichen Lauten und Neckereien. Die vierte Landessprache ist nicht nur ihre Muttersprache, sondern das Fundament, auf dem Mattiu seine Songs Zeile für Zeile aufbaut. Es ist noch nicht lange her, dass der 27-Jährige von einer Tournee in den Niederlanden und Deutschland zurückgekehrt ist. 2022 wurde er als «SRF3 Best Talent» gekürt, veröffentlicht hat er bereits drei Alben, das neuste heisst «Aura».

«Wir haben keine festen Probezeiten»: Oft musizieren die Geschwister Mattiu, Nina und Tiziana (r.) spontan, denn sie wohnen alle im Umkreis von 20 Minuten.
Nik HungerIm Häuschen ist es warm. Jagdtrophäen zieren die Wände, vor dem Kamin steht eine Kiste mit frisch gehacktem Holz. In der Küche dampft es. Beim gemeinsamen Wildkochen arbeiten die Geschwister Hand in Hand. Nina hat die Uhr und alle Herdplatten gleichzeitig im Blick; sie gibt Tiziana wortlos die Zwiebel zum Schneiden und prüft den brodelnden Topf der Teigwaren. Mattiu schwenkt die schwere Eisenpfanne. Das Fleisch, das er hier anbrät, hat er selbst geschossen – für ihn die ultimative Verbindung zur Surselva. «Dass Jagen umstritten ist, verstehe ich, aber meiner Meinung nach ist es eine Frage des Respekts vor der Natur. Es ist für mich die sauberste Art, Fleisch zu konsumieren.» Mitten im Zischen der Pfannen fragt Tiziana: «Brauchts mich noch?», was die älteren Geschwister mit einem Lachen quittieren. «Typisch Tiziana», sagen sie. Während Mattiu und Nina viel Zeit draussen in der Natur verbringen, verkörpert Tiziana, die sich als Social Media Content Creator selbstständig gemacht hat, den Fun und die Ruhelosigkeit.
Rätoromanisch im Herzen und Musik im Blut
Die Szenerie wirkt wie ein Echo auf Lieder wie «Casa Mia», mein Haus. «Ich habe versucht, in anderen Sprachen zu singen», sagt Mattiu, während er die Wildplatte mit sicherem Griff anrichtet, «aber in meiner Muttersprache bin ich mir am nächsten. Es ist die Bildgewalt des Rätoromanischen, die ihn leitet. «‹Brentina› beispielsweise», ergänzt Nina, «ein einziges Wort nur für den einen ganz bestimmten Herbstnebel.» Während zwei Jahren arbeitete Mattiu an den Liedern des neuen Albums. «Es ist erstaunlich, wie Songs, die ich früher geschrieben habe, plötzlich bei den Aufnahmen eine aktuellere Bedeutung bekommen haben als damals beim Schreiben.»
Aufgewachsen sind die drei mit ihrem älteren Bruder Jan in der Surselva-Region. Dass die Musik sie durchdringt, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Schon ihr Vater Gioni Defuns (59) stand mit der Gruppe Furbaz für die Schweiz auf der ESC-Bühne. «Früher fragte man mich, ob ich nicht der Sohn sei ‹von›», sagt Mattiu. «Heute klopfen die Leute meinem Vater auf die Schulter und fragen: ‹Sind Sie nicht der Vater von Mattiu?›» Er lächelt. Der Weg hierher war lang – er begann vor Jahren, als sie sich als Kinder mit ihren Instrumenten an den Strassenrand stellten und für ein erstes Taschengeld spielten. «Musik war wie eine Infusion, die durch unsere Familie floss, seit ich denken kann», erinnert sich Nina.

«Gnochegnar», eines der Lieblingswörter von Tiziana: Kuscheln. Nina (M.) mag den Klang des Rätoromanischen.
Nik Hunger
Nach Skandinavien
Dass die Geschwister auch mal aneinandergeraten, ist klar. Gibt es auch Differenzen in der Band? «Klar gehören wir alle zum Projekt Mattiu, die Entscheidungsgewalt aber hat immer er, denn es sind seine Texte und sein Name», so Nina. «Die beiden diskutieren, und ich halte mich meistens raus, ich bin für gute Laune zuständig», fügt Tiziana hinzu und schmunzelt.
Während die Sonne hinter den Gipfeln verschwindet, wandert Mattius Blick zum Bergpanorama: Die raue Ästhetik Skandinaviens und die Landschaft im Norden inspirieren ihn – sogar so sehr, dass er sich vorstellen kann, seine Musik auch dorthin zu tragen. Dass er dabei das Rätoromanische international bekannt macht, freut ihn: «Das ist ein schöner Nebeneffekt, aber als Botschafter sehe ich mich nicht in erster Linie.»

Die Natur verbindet das Trio.
Nik HungerSelber mal eine Familie zu gründen und ein eigenes Häuschen zu besitzen, das liegt in der Zukunft. «Es wird mich finden wie die Lieder, wenn es so sein soll.» Zwischen Jagdtrophäen und dem Duft von Wild bleibt das Bild eines unzertrennlichen Trios. Die Entscheidungsgewalt mag bei Mattiu liegen, doch die musikalische «Infusion» fliesst durch die ganze Familie Defuns. Während Tiziana bereits den nächsten Spruch reisst, wird klar: In diesem Haus aus Holz sind Musik und Natur das Leben.
Nach dem Abräumen des Mittagstischs gibts Kaffee, dann startet die Probe der neuen Lieder – gleich im Wohnzimmer. Für danach hat Nina bereits einen Plan: «Wollen wir draussen noch Tannennadeln für Tee sammeln?» Der Honig aus Tannenschösslingen steht bereits da – natürlich selber gemacht.
