Erstmals seit der Geburt von Sohn Léon spricht Sprintstar Mujinga Kambundji (33) über das Mami-Sein. Und sie gibt Einblicke in ihre Comebackpläne.
Mujinga Kambundji, Sie sind im November erstmals Mutter geworden. Wie gehts der jungen Familie?
Es hat sich in den letzten Wochen viel verändert. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Mein Alltag mit dem Baby ist natürlich einerseits komplett anders, das werden andere Eltern kennen: Ein Baby ist ein Fulltime-Job. Wenn ich Léon habe, komme ich nicht mehr zu dem, was ich sonst jeweils den Tag über gemacht hätte. Andererseits ist er bisher sehr pflegeleicht, ich kann ihn zum Beispiel in die Physiotherapie und ins Pilates gut mitnehmen, ohne dass er quengelig wird. Es geht uns gut, wir sind sehr glücklich.
Die grosse Frage, die allen jungen Eltern gestellt wird: Bekommen Sie genügend Schlaf?
Ich stille, darum ist klar, dass ich auch in der Nacht aufstehe. Aber Léon schläft relativ viel am Stück, das hilft.
Was stellt die grösste Herausforderung im neuen Alltag dar?
Ich muss mich viel stärker und besser organisieren, das ist jetzt auch keine Überraschung. Schliesslich haben wir nun ein Kind daheim. Einen kleinen Menschen, auf dessen Bedürfnisse es Rücksicht zu nehmen gilt. Das ist ja auch das Schöne am Mutter-Sein: mit ihm interagieren und viel Zeit mit ihm verbringen zu können.
Sie wechseln nach über einem Jahrzehnt bei Nike den Aus-rüster und gehen zu On. Hat Ihre Schwester Ditaji, die bereits seit Anfang 2025 bei der Schweizer Marke unter Vertrag steht, Werbung gemacht?
Sie musste nicht viel Werbung machen. Ich sehe sie ja wieder jeden Tag im Training und habe mitbekommen, was sie mit On alles schon erreichen konnte, wie gut die Zusammenarbeit ist. Das war schon sehr gute Werbung. Aber eher, weil ihre Freude so gross ist, nicht weil sie mich ins Boot zu holen versucht hätte.
Wenn künftig Ditaji und Sie bei On in der Schuhentwicklung eingebunden sind und Sie mal völlig anderer Meinung sind: Wessen Meinung wird mehr zählen?
(Lacht.) Das ist das Schöne: Wir dürfen beide unsere Meinung sagen, und die Expertinnen und Experten von On entwickeln basierend auf beiden Meinungen die Schuhe, die ja für eine Vielzahl von Menschen passen müssen. Ich freue mich sehr darauf, mich stärker einzubringen und zu unterstützen, sobald ich wieder voll zu rennen beginne.
In den sozialen Medien haben Sie sich bereits wieder im Training gezeigt. Wie intensiv trainieren Sie schon?
Mein Körper hat sich von der Geburt ziemlich schnell erholt, sodass ich schnell grosse Lust hatte, wieder zu trainieren. Um die Weihnachtszeit herum war ich dann ein erstes Mal wieder im Berner Wankdorf, absolvierte einige Einheiten in meinem gewohnten sportlichen Umfeld. Seit Anfang Jahr trainiere ich wieder mit einem regelmässigen Plan.
Wie sieht dieser Aufbau aus?
Ich muss Geduld haben. Ich kann zwar von Woche zu Woche mehr machen und im Kraft- training an den Geräten oder auf dem Velo zum Teil ans Limit gehen. Aber in anderen Bereichen bin ich noch in der Rückbildung. Es fühlt sich im Moment noch an wie Reha nach einer Verletzung.
Das Gefühl war aber schnell wieder da?
Ja! Mein Körper hat nicht vergessen, dass ich Sprinterin bin (lacht). Gleichzeitig fühlt es sich schon noch anders an. Ich habe noch nicht die gleiche Stabilität wie zuvor, kann auch noch nicht alle Muskeln gleich wieder ansteuern. Das muss alles langsam zurückkommen. So ganz macht der Körper noch nicht, was er vorher gemacht hat.

Mujinga Kambundji ist mit ihrem Trainer Florian Clivaz liiert, die beiden wurden im November 2025 Eltern eines Sohnes.
Anoush AbrarSie haben letzten Sommer gesagt, dass Sie bei Ihrer Rückkehr kompetitiv sein wollen. Wie realistisch ist es, dass Sie bei der EM in Birmingham im August vorne dabei sein können?
Im Moment ist es schwierig, zu sagen, wann ich wieder auf Toplevel bin. Ich gehe davon aus, dass ich im Juni wieder Rennen bestreiten kann. Dann brauche ich sicher etwas Zeit, um in Top-Form zu kommen. Ich möchte auf jeden Fall eine Saison absolvieren, und dadurch, dass die EM erst im August stattfindet, habe ich relativ viel Zeit – und keinen Stress.
Sie haben schon während der Schwangerschaft bei Nia Ali (der US-Hürdenweltmeisterin und dreifachen Mutter, d. Red.) Rat eingeholt.
Ja. Sie hat mir erzählt, wann sie wieder angefangen hat, worauf sie geachtet hat und so weiter. Das war sehr hilfreich. Gleichzeitig habe ich versucht, mir nicht allzu viel vorzustellen, weil es am Ende ein sehr individueller Prozess ist. Bei mir fühlt sich alles ein bisschen schwächer an. Im Krafttraining merke ich zum Beispiel, dass der Rumpf noch nicht so stabil ist wie früher. Das braucht einfach noch Zeit.
Im Tennis gibt es mittlerweile Strukturen, die Müttern den Wiedereinstieg erleichtern. Hat World Athletics diesbezüglich mittlerweile ebenfalls News angekündigt?
Ich spüre vonseiten meines neuen Ausrüsters bereits sehr coole Unterstützung. World Athletics arbeitet daran, es gibt Diskussionen bezüglich eines Einfrierens der World-Ranking-Punkte. Wie diese Lösung im Detail aussehen wird und wie sie strukturiert sein wird, ist aber noch nicht klar. Für mein Comeback wird es noch nicht relevant sein.
Normalerweise sind Sie ja auch nicht auf die Ranking-Punkte angewiesen, um sich für grosse Meisterschaften zu qualifizieren.
Genau (lacht). Ich hoffe mal, das bleibt so.
Werden Sie Léon künftig zu Ihren Rennen immer mitnehmen? Oder gehts in die Richtung, dass Sie sich eher auf die Arbeit konzentrieren wollen?
Stand jetzt halte ich mir alle Optionen offen. Dadurch, dass Florian (Clivaz, Kambundjis Partner und Trainer, d. Red.) auch sportlich eingebunden ist, kann ich ihm Léon nicht einfach so in die Hand drücken (lacht). Vielleicht schauen meine Eltern bei internationalen Meetings zum Baby, vielleicht lasse ich Léon bei Starts in der Schweiz bei meiner Mutter zu Hause. Das müssen wir noch herausfinden.
Welche Hilfe haben Sie sonst noch neben derjenigen Ihrer Eltern?
Natürlich sind da noch Florians Eltern. Meine Tante, die in Bern lebt, hilft uns manchmal, und meine Masseurin, die ich seit Ewigkeiten kenne, auch. Sie kommt einmal in der Woche zum «Wägele» während des Trainings. Und auch sonst stehen Freundinnen und Verwandte bereit. Aber Léon ist ja erst neun Wochen alt, so oft haben wir ihn noch nicht in die Betreuung anderer übergeben. Und wollen es auch gar nicht.
Das Interview erschien erstmals im «Blick»
