Es muss kein Nachteil sein, einer unmusikalischen Familie zu entstammen. Es kann sogar vorteilhaft sein. Sira Eigenmann, 29, ist ein gutes Beispiel dafür. Im Elternhaus der Winterthurerin spielt Musik kaum eine Rolle, Klassik noch weniger. Dass Sira heute Erfolge als Violinistin feiert, «vergeigten» die Nachbarn. Die Inhaber des Musikgeschäfts Spiri unterrichten die damals sechsjährige Nachbarstochter im Violinspiel. «Und meine Eltern unterstützen mich bis heute.» Als Sira in Basel das Instrument studiert (sie hat sowohl einen Bachelor als auch einen Master of Arts), wird ihr sehr bald klar, dass sie frei sein will – auch auf der Bühne. In das oft starre Korsett der Klassikmusik will sie sich keinesfalls pressen lassen.
Gemeinsam mit Srdjan Vukasinovic, 39, gründet sie 2016 das Projekt Klassik Nuevo. Ihre Konzerte tragen so rockige Namen wie «Schweizer Heimat», «Pop meets Opera», «Mozart on vacation» oder «Von Bach bis Balkan». Von dort ist auch Eigenmanns Musikpartner, der Vater ihrer Töchter Vida, 5, und Mila, 4, Srdjan. In Serbien geboren, entstammt er einer auf dem Balkan berühmten Musikerfamilie. Sein Vater spielt Akkordeon, seine Mutter ist Sängerin. Schon Srdjans Urgrossvater und Opa spielten Akkordeon.
Kennen- und lieben lernten sich Sira (ihr Name bedeutet im Orient Verführerin oder Zauberin) und Srdjan durch einen Anruf. «Ich suchte eine Geigerin für ein musikalisches Balkanprojekt, aber ausser mir sollte kein Musiker vom Balkan sein», erzählt Srdjan. Er will so beweisen, dass man diese Musik nicht im Blut haben muss. Entweder bist du musikalisch oder nicht.» Ein befreundeter Musiker empfiehlt Sira. Srdjan ruft aus Serbien in Winterthur an – und sorgt erst mal für Aufregung im Hause Eigenmann. «Meine Mama berichtete aufgelöst, dass ein Anrufer aus dem Ausland nach mir verlangt habe», erinnert sich Sira. Kurz darauf spielt sie bei Srdjan – der zu dem Zeitpunkt in Zürich an der ZHdK Akkordeon studiert und bei einer Tante wohnt – vor und beeindruckt ihn nicht nur musikalisch. «Als ich sie sah, wusste ich, das ist die Frau meines Lebens.» Den Wettbewerb, für den Srdjan Sira als Geigerin engagiert, gewinnt das Paar übrigens – als beste «Balkan-Gruppe».
Voller Ungeduld fiebern sie dem kommenden Wochenende entgegen. Nach der Corona-Zwangspause freuen sich Sira und Srdjan auf die Fortsetzung ihres Festivals Klassik Nuevo in Winterthur. Dort sind nicht nur sie zu hören, sondern viele andere junge Musiker, die in ihrem Stil Klassik, Pop, Jazz und Volksmusik vereinen. «Es geht vor allem darum, für das Publikum und mit Herz zu spielen», bringt Srdjan ihr Anliegen, Klassik Nuevo schweizweit bekannt zu machen, auf den Punkt. Als er während der Pandemie nicht auftreten konnte, steckte Srdjan seine Energie in die Entwicklung eines neuartigen Akkordeons aus Karbon. «Es wird um einiges leichter und damit noch viel einfacher zu beherrschen sein», sagt er begeistert. Ein Klavier oder eine Harfe werde für Musiker aufgestellt. Das Akkordeon sei dagegen das schwerste Instrument, das am Körper getragen werde. Srdjan wird künftig noch leichter in die Tasten greifen, als ers schon tut, um sein Publikum musikalisch mitzureissen. Und Sira? Sie rockt die Saiten ihrer Geige.