Pornos sind heute auf dem Smartphone jederzeit und überall nur einen Klick entfernt. Viele Jugendliche stossen bereits mit elf oder zwölf Jahren erstmals darauf, manche sogar noch früher.
Was früher heimlich im Fernsehen lief oder in Magazine gedruckt wurde, erreicht junge Menschen heute in einer Intensität und Häufigkeit, auf die kaum jemand vorbereitet ist. Gleichzeitig fehlen oft das Wissen und die Gespräche, um das Gesehene einzuordnen.
Die Sexualpädagogin Selina Wenger arbeitet mit Jugendlichen und weiss, dass Pornografie Erwartungen, Ängste und das Verständnis von Sexualität beeinflussen kann. Im Gespräch ordnet sie ein, warum Pornos so faszinieren, welche Risiken bestehen und sagt, wie Eltern ihre Kinder begleiten können, ohne zu urteilen oder zu dramatisieren.
Viele Jugendliche kommen heute schon sehr früh mit Pornografie in Kontakt – teilweise schon mit 11 oder 12 Jahren. Welche Auswirkungen kann das auf ihre sexuelle Entwicklung haben?
Soweit ich weiss, gibt es keine einheitlichen Zahlen für den durchschnittlichen Erstkontakt mit Pornos. Ich kenne die Zahl 13. Das ist natürlich früh, weil viele Teenager:innen in diesem Alter kaum selber schon sexuell aktiv sind und damit für das Gesehene keine Referenz im eigene Leben haben. Sex ist etwas, was Menschen lernen – durch Ausprobieren, Vorstellungskraft, Kommunikation, Scheitern, Nachahmung und auch durch ein Umfeld und eine Gesellschaft, die bestimmte Botschaften und eine Moral zu Sexualität vermittelt. Auch ein Porno wirkt auf das Gehirn und auf Gefühle. Beim Erstkontakt kann es zu Überforderung, Scham, Erregung, ja vielleicht sogar zu Ekel kommen – manchmal auch zu allem gleichzeitig. Das geht übrigens nicht nur Jugendlichen so. Wichtig zu unterscheiden ist sicherlich, ob eine 13-jährige Person ein oder zwei Mal einen Porno schaut oder ob sie bereits in diesem Alter regelmässig Pornos konsumiert.
Macht es einen Unterschied, wie Jugendliche zum ersten Mal in Kontakt mit Pornos kommen?
Ja, absolut. Wird ihnen zum Beispiel ungefragt ein Filmchen geschickt, kann das verängstigend und verstörend sein. Wenn sich aber ein Grüppchen zusammentut, das bewusst recherchiert, sich informiert und dann zusammen mal reinschaut, ist das etwas ganz anderes. Essentiell ist also, ob der Kontakt zu Pornos freiwillig und einigermassen informiert geschieht. Pornos Schauen ist eine sexuelle Handlung, und sexuelle Handlungen brauchen Konsens. Jemandem unfreiwillig einen Porno zu zeigen, ist sexuelle Belästigung. Und wer unter 16-jährigen Menschen einen Porno zugänglich macht oder zeigt, macht sich strafbar.Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es in der Realität manchmal Erstkontakte sind, die so 'halb freiwillig' sind, beispielsweise wenn sich Jugendliche in der Runde einen Porno vor die Nase halten und jemand das nicht sehen möchte, dann aber aus Neugierde doch drauf schaut.
Welche Auswirkungen kann Pornografie auf die sexuelle Entwicklung von Teenager:innen haben?
Wie bereits gesagt: Menschen lernen Sex. Und dabei können Pornos eine Rolle spielen. So können Teenager:innen zum Beispiel unter Druck geraten, bestimmte Praktiken auszuprobieren oder ihre Körper an denjenigen der Pornodarsteller:innen zu messen. Ebenfalls können sie bestimmte Dinge nicht lernen, wie zum Beispiel Kommunikation über Wünsche beim Sex oder über Verhütung, dass Sex manchmal lustig und unbeholfen sein kann oder dass der Sex nicht immer mit einem Orgasmus endet. Als Sexualpädagogin aber arbeite ich mit vielen Jugendlichen und kann sagen, dass diese oftmals einen sehr kompetenten Umgang mit Pornos haben und durchaus einschätzen können, dass Pornos oft eine übertriebene Inszenierung von Sex sind. Ich mache gerne den Vergleich mit einem Actionfilm: In James Bond springt 007 aus dem Fenster und das mag auch richtig geil aussehen. Und trotzdem machen wir das nicht einfach so 1:1 nach. Das ist ein Wording, das auch jüngere Teenager:innen gut aufnehmen und verstehen können. Generell geht es darum, mit Jugendlichen eine Medienkompetenz zu erarbeiten: Wie kann ich das, was ich auf dem Handy konsumiere, einordnen und verarbeiten? Ebenfalls ist es wichtig zu unterscheiden, dass es sehr viele verschiedene Arten von Pornos gibt. Jugendliche schauen jedoch meist gratis Pornos auf den sogenannte Tube-Seiten. Dort sind die Inhalte nicht kontrolliert und es gibt ab und zu auch illegale Pornografie, die sexuelle Darstellungen mit unter 18-Jährigen oder Tieren zeigt oder sehr gewaltvoll anmutende Sexualität, bei der nicht klar ist, ob sie konsensuell inszeniert wurde. Das kann insbesondere für Jugendliche sehr schwierig zu differenzieren sein.
Was macht Pornos für Jugendliche so attraktiv?
Ich denke, es ist oft ein Mix aus Neugier und dem prickelnden Gefühl, etwas Tabuisiertes zu tun. Viele Jugendliche schauen wohl auch mal einen Porno, weil es die anderen auch tun und sie dazugehören wollen. Oder sie nutzen Pornos zur Selbstbefriedigung. Und dann kommt auch dazu, dass man ja selber vielleicht auch mal Geschlechtsverkehr haben will und drum wissen will, wie denn Sex überhaupt aussieht und geht.

Selina Wenger
ZVGSelina Wenger ist selbständige Sexualpädagogin, Sexualberaterin und Fachperson sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung SGCH. Nebst sexualpädagogischer Arbeit mit Schulklassen bietet sie Workshops und Beratung zu Themen sexueller Gesundheit für Jugendliche und Erwachsene, spezifisch auch Erziehungsberechtigte an. Zudem ist sie Dozentin in der Ausbildung von angehenden Sexualpädagog:innen. Für mehr Informationen oder bei Fragen erreicht mal Selina Wenger unter selina.wenger@posteo.ch.
Können Pornos Ängste schüren?
Wahrscheinlich schon, ja. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich Teenager:innen fragen, ob sie genug gut sind und ob ihre Körper genug gut sind. Dabei kann es sicher zu Selbstzweifeln kommen. Zu den genau gleichen Gefühlen kann es aber beispielsweise auch kommen, wenn junge Menschen ganz normale Werbung sehen, die ja meist mit gängigen Schönheitsidealen werben. Von mehrheitlich männlichen Jugendlichen werde ich oft gefragt, wo Pornosucht beginnt. Dies ist auch verbunden mit der Frage, wie viel Selbstbefriedigung ok ist und ob dies in irgendeiner Weise schädlich sein kann. Hier sage ich Jugendlichen, dass ein Verhalten grundsätzlich gesund ist, wenn es ihnen gut tut und sie sich damit wohl fühlen. Oftmals wird auch die Scham, Pornos zu konsumieren, mit einer Sucht verwechselt. Problematisch wird es dann, wenn sich Jugendliche zum Beispiel mit zunehmendem Pornokonsum sozial isolieren oder nicht mehr in die Schule gehen und nicht mehr gut schlafen. Auch dies gilt wieder für den Medienkonsum im Allgemeinen, zum Beispiel auch das Gaming.
Kann Pornografie auch positive Effekte haben?
Pornos können Lernfelder bieten. Sie können eigene Erregung im Körper erfahrbar machen. Sie ermöglichen vielen Menschen, überhaupt mal Körper und Genitalien aus der Nähe anzuschauen. Beim Pornoschauen können Menschen auch merken, zu wem sie hingezogen fühlen oder welche sexuellen Praktiken sie selbst gerne mal ausprobieren möchten. Dazu kann auch gehören, Dinge zu sehen, die man selbst nie ausprobieren möchte und so etwas über die eigenen Grenzen zu lernen. Das ist ok. Wenn Pornos also verschiedene Körper, verschiedene sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten und verschiedene Sexpraktiken zeigen, können sie Vielfalt und sexuelles Lernen fördern.
Wichtig ist hier auch zu betonen, dass Pornos keine pädagogischen Medien sind. Sie sind für Erwachsene gemacht und dienen dem Ziel, sexuell zu erregen. Da können wir sie auch nicht mit einem Schulbuch zur sexuellen Bildung vergleichen. Wichtig ist aber deswegen, dass Jugendliche in ihrem Porno- und Medienkonsum begleitet werden.
Sollten Eltern kontrollieren, ob ihre Kinder Pornos schauen – oder besser offen darüber reden?
Meist sind Jugendliche so schlau, dass sie genau wissen, wie sie es verhindern, dass ihnen Eltern auf die Schliche kommen. Effektiver als Kontrolle halte ich Kommunikation und ein stabiles Fundament. Wenn zuhause von früh an offen über Körper, Gefühle, Beziehungen und altersadäquat auch über Sexualität gesprochen wird und Kinder wissen, dass sie sich mit jedem Thema an die Eltern wenden können, ist schon viel getan. Es ist wichtig, dass Eltern mit der Zeit gehen, sich informieren und wissen, was im Internet und in Sachen Apps so läuft. Wenn Kinder zum ersten Mal Handys bekommen, macht es Sinn, Seiten mit pornografischen Inhalten zu sperren. Hier dürfen Eltern sagen, dass sie das machen. Und erklären, warum sie das machen. Dabei soll Pornografie nicht verteufelt werden, sondern einfach formuliert werden, dass es etwas zu früh ist. Aber dass es durchaus sein kann, dass das Kind sonst irgendwie in Kontakt damit kommt und dann gerne zu den Eltern kommen darf, um darüber zu reden. Hier können Eltern ganz unaufgeregt aufklären. Beschämung, Empörung und Verbote führen dagegen meist nur dazu, dass nicht mehr über ein Thema gesprochen wird.
Das ist Teenager:innen doch peinlich?
Es kommt ganz auf den Ton drauf an. Wenn es den Eltern peinlich ist, ist es den Teenager:innen wahrscheinlich noch peinlicher. Wenn Eltern aber entspannt über Sexualität reden können und nicht moralisieren, können sie eine Atmosphäre schaffen, um über Sexualität zu sprechen. Ein Trick ist auch, über Dritte statt über sich selber oder die eigenen Kinder zu reden. Sätze wie 'Ich weiss, dass viele Jugendliche regelmässig Pornos schauen und das ist okay' oder 'Gell, du hast sicher schon mitbekommen, dass Pornografie auf dem Pausenplatz ein Thema ist' helfen, ein Gespräch zu eröffnen, dass niemanden dazu auffordert, selber die Hosen runterlassen zu müssen.
Welche Botschaft können Sie Jugendlichen zu Pornografie mitgeben?
Es ist ok, Pornos zu schauen und es ist ok, keine Pornos zu schauen. Als Jugendliche macht ihr euch nicht strafbar, wenn ihr legale Pornografie konsumiert. Schaut Pornos immer freiwillig und nur, wenn ihr Lust darauf habt. Denkt daran, dass Pornos oft eher wie ein Actionfilm sind und Sex inszenieren und dass ihr das nicht nachspielen müsst. Und falls ihr mal etwas seht, was euch irritiert oder Angst macht, wendet euch an eine erwachsene Person.
Und was für eine Message haben Sie für Eltern?
Seid neugierig gegenüber der Lebenswelt eurer Kinder. Informiert euch über Pornografie und holt euch selbst Rat und Unterstützung bei Fachstellen, wenn ihr überfordert oder unsicher seid, wie ihr mit dem Thema in der Erziehung umgehen sollt. Seid nicht gleichgültig, aber unaufgeregt. Seid euch eurer Rolle als Begleiter:innen bewusst und versucht eurem Kind zu vermitteln, dass über Sexualität und Pornografie gesprochen werden kann.

