Schon im Babyalter entdecken Kinder ihre Körper. Das machen sie ganz spielerisch, neugierig und meist ohne das, was Erwachsene mit Sexualität verbinden. Trotzdem lösen «Doktorspiele» unter Kindern bei Erziehungsberechtigten oft Scham, Angst oder Ratlosigkeit aus.
Zwischen normaler Entwicklung und möglichen Grenzverletzungen verläuft eine Linie, die nicht immer leicht zu erkennen ist. Was ist altersgerecht? Welche Rolle spielen Freiwilligkeit und Machtverhältnisse? Und wie können Erwachsene reagieren, ohne Kinder zu beschämen oder zu verunsichern? Wir haben bei der Psychotherapeutin und Sexologin Dania Schiftan nachgefragt.
Dania Schiftan, was genau sind sogenannte «Doktorspiele», und warum ist der Begriff bis heute so verbreitet?
Unter 'Doktorspielen' versteht man meistens kindliche Körperneugier, die sich in Spiel- und Rollensituationen zeigt: Kinder schauen, vergleichen, stellen Fragen oder spielen 'Arzt/Ärztin'. Es geht nicht um Sexualität im erwachsenen Sinn, sondern um ein Erkunden von Körpern, Unterschieden, Nähe und Distanz.
Der Begriff ist bis heute so verbreitet, weil er für Erwachsene eine scheinbar harmlose, alltagstaugliche Bezeichnung bietet und weil er dabei hilft, eigene Unsicherheiten zu überdecken. Gleichzeitig kann er auch in die Irre führen: Er klingt manchmal verniedlichend oder unangemessen sexualisierend. Präziser wäre es, von 'Körper-Entdeckerspielen' zu sprechen, weil das den Kern trifft: neugieriges Erkunden mit spielerischem Charakter.
Ab welchem Alter zeigen Kinder typischerweise körperliche Neugier?
Schon Kleinkinder nehmen ihren Körper wahr. Sie merken, dass Berührung beruhigt, angenehm sein kann, oder schlicht spannend ist. Selbstbefriedigung entdecken Kinder meist bereits im Kindergartenalter und fun fact: diese bleibt häufig bis ins Erwachsenenalter ähnlich. Im Vorschulalter wird das stärker sichtbar, weil Kinder mehr Sprache haben, Rollenspiele lieben und sich mit anderen vergleichen.
Wichtig ist: Neugier hat Wellen. Mal ist sie präsent, mal verschwindet sie wieder. Genau dieses 'Kommt und geht'-Muster ist häufig ein gutes Zeichen für altersgerechtes Explorieren.
Inwiefern ist kindliche Sexualität etwas anderes als erwachsene Sexualität?
Kindliche Sexualität ist grundsätzlich anders organisiert als erwachsene Sexualität. Bei Kindern steht selten ein 'sexuelles Ziel' im Vordergrund, sondern eher Fragen wie: Wie sieht das aus? Wie fühlt sich das an? Was ist erlaubt? Wo sind Grenzen? Wie reagiert der andere? Es geht um Körperwahrnehmung, um das Erforschen von Unterschieden, um Spiel und soziale Orientierung.
Kinder haben zudem meist keine Vorstellung davon, was Erregung oder gar ein Orgasmus bedeutet. Viele Kinder können (je nach Entwicklung) noch keinen Orgasmus erleben. Stattdessen orientieren sie sich an Empfindungen. Was fühlt sich angenehm an, was unangenehm, und sie hören entsprechend wieder auf. Sie hören auch dann auf, wenn sie keine Lust mehr haben oder es keinen Spass mehr macht. So, wie sie es bei anderen Tätigkeiten ebenfalls tun, etwa beim Bäumeklettern oder beim Spielen mit anderen Kindern. Es macht oft nur für einen bestimmten Moment Freude: genau so lange, wie es in diesem Augenblick stimmig ist.
Erwachsene deuten Körperkontakt oft schnell durch eine erotische Brille. Kinder tun das in der Regel nicht. Diese Unterscheidung ist zentral, damit Erwachsene ruhig bleiben und gleichzeitig klare, schützende Leitplanken setzen können.
Welche Verhaltensweisen gelten als altersgerecht und unbedenklich?
Die Fragen, die viele Eltern beschäftigt, drehen sich um die Stimulierung der Genitalien. Deshalb schon mal vorweg: Selbstberührung ist völlig okay, wenn sie in der Privatsphäre des Kindes, wie seinem eigenen Zimmer, stattfindet. Genau so lernen Kinder, ihren Körper wahrzunehmen, herauszufinden, was sich gut anfühlt, und wieder aufzuhören, wenn es nicht mehr stimmig ist. Gleichzeitig hilft es, früh einfache Regeln zu setzen: Privat ist privat und mit anderen gilt immer Einverständnis, Grenzen und ein klares 'Stopp'.
Wenn Kinder den Körper im Spiel thematisieren, sind das oft kurze, neugierige Situationen: anschauen, vergleichen, 'Arzt/Ärztin spielen, kichern und dann wieder etwas anderes machen. Als grobe entwicklungsbezogene Orientierung lässt sich sagen: In der frühen Kindheit kommt solches Verhalten am häufigsten vor; gleichzeitig entwickelt sich bei vielen Kindern bis ungefähr 7 Jahre zunehmend ein Gefühl von Scham/Privatsphäre.
Unbedenklich ist es in der Regel dann, wenn das Verhalten wechselseitig und freiwillig ist, die Kinder ähnlich alt bzw. auf ähnlichem Entwicklungsstand sind, kein Druck entsteht und die Situation leicht und spielerisch bleibt. Ein praxisnahes Kriterium ist: Reagieren die Kinder auf ein klares «Stopp», lassen sofort davon ab und können in ein anderes Spiel wechseln?
Woran erkennen Eltern oder Betreuungspersonen, dass ein Verhalten nicht mehr in den normalen Entwicklungsrahmen fällt?
Ich würde zuerst den Schritt übers Gespräch suchen: ruhig bleiben, hinschauen, hingehen und das Kind behutsam ansprechen, damit ein Dialog entstehen kann, ohne zu beschämen oder zu dramatisieren. Oft hilft es, Worte und Bilder als Brücke zu nutzen: Zum Beispiel empfehle ich gern das Buch von Agota Lavoyer 'Ist das okay?', weil es Kindern (und Erwachsenen) Sprache für Körper, Grenzen und Intimsphäre gibt. Ergänzend finde ich auch Inhalte vom MuT-Zentrum (auf Instagram) hilfreich, wo es viel darum geht, dass Kinder ihre Grenzen kennenlernen, ausdrücken und schützen dürfen.
Wichtig ist mir: Als Eltern nicht wegschauen, sondern dranbleiben und wenn man merkt, dass man nicht weiterkommt oder sich unsicher fühlt, dann unbedingt Rat bei anderen holen (Fachperson, Beratungsstelle etc.).
Auffällig wird es vor allem dann, wenn Druck, Zwang oder Angst im Raum sind: wenn ein Kind etwas 'muss', überredet wird, nicht aufhören darf oder ein klares 'Nein' ignoriert wird. Auch Schmerz, Drohungen, starke Heimlichkeit oder eine auffällige Fixierung können Hinweise sein, dass etwas nicht stimmt. Ebenfalls wichtig: Wenn ein Kind danach deutlich beschämt, verstört oder stark angespannt wirkt, lohnt sich ein genauer Blick. Das heisst nicht automatisch, dass etwas Dramatisches passiert ist, aber es ist ein Signal, das ernst genommen werden sollte. In solchen Fällen kann eine Fachperson helfen, das Verhalten entwicklungspsychologisch einzuordnen und passende Schritte zu planen.
Zur Person

Dania Schiftan ist Psychotherapeutin und klinische Sexologin mit eigener Praxis in Zürich. Ihr Ansatz basiert auf dem Sexocorporel und betrachtet Sexualität als ganzheitliches Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele. Dania ist Bestseller-Autorin, Speakerin, doziert an verschiedensten Hochschulen und ist Host des Therapie-Podcasts «Helvetia kommt». Zudem bietet sie kompakte Online-Kurse zu Sexualität in Langzeitbeziehungen, sexueller Kommunikation und sexuellen Fantasien an, inklusive kostenlosem Workbook.
Gibt es Unterschiede je nach Alter oder Entwicklungsstand der Kinder?
Ja, sehr. Jüngere Kinder sind oft direkter und weniger schamgeleitet. Mit zunehmendem Alter wächst das Bewusstsein für Privatsphäre, soziale Regeln und auch Scham. Entwicklungsstand ist dabei oft wichtiger als die Jahreszahl: Ein sprachlich starkes Kind kann Grenzen klarer formulieren als ein Kind, das sich schwer ausdrückt. Auch Impulskontrolle, Temperament, Sensibilität und Erfahrungen beeinflussen, wie sich Neugier zeigt. Darum ist es wichtig, nicht nur das Verhalten isoliert zu betrachten, sondern den Kontext: Wie ist die Beziehung der Kinder? Wie ist die Stimmung? Wie reagieren sie auf Regeln?
Warum sind Machtunterschiede so entscheidend?
Machtunterschiede verändern die Situation grundlegend, weil Zustimmung dann schnell nur noch 'äusserlich' ist. Ein jüngeres oder kleineres Kind kann sich eher anpassen, einfrieren oder mitmachen, obwohl es innerlich nicht möchte. Auch Autorität spielt eine Rolle: Wenn eines der Kinder generell 'bestimmt', was gemacht wird, oder das andere sich stark orientiert, entsteht ein Gefälle. Darum gilt: Je grösser der Unterschied in Alter, Stärke, Status oder Durchsetzungsfähigkeit, desto vorsichtiger muss man sein. Nicht aus Panik, sondern weil echte Grenzfreiheit dann weniger wahrscheinlich ist.
Wie können Kinder lernen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren?
Kinder lernen Grenzen über Körperwahrnehmung, Sprache und wiederholte Erfahrung. Es hilft, wenn sie Wörter für Körperteile haben, sachlich, ohne Kichern oder Tabu. Ebenso wichtig sind Wörter für innere Signale: 'Das ist mir unangenehm', 'Ich will das nicht', 'Stopp'. Und Kinder brauchen die Erfahrung, dass ihr Nein Konsequenzen hat, dass Erwachsene es respektieren. Das beginnt im Alltag: Kein Zwang zu Umarmungen, kein 'Gib jetzt ein Küsschen', kein Weiterkitzeln trotz 'Stopp'. Je klarer Erwachsene Grenzen modellieren und respektieren, desto leichter können Kinder lernen: Ich darf fühlen, ich darf stoppen, ich darf mich schützen.
Wie sollten Eltern reagieren, wenn sie ihr Kind bei einem Doktorspiel beobachten?
Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben. Alarm, Schimpfen oder Beschämung brennen sich ein und erschweren später offene Gespräche. Sinnvoll ist eine kurze, klare Unterbrechung: Privatsphäre herstellen, freundlich stoppen, Regel setzen. Zum Beispiel: 'Ich sehe, ihr seid neugierig. Körper sind privat. Das macht man nicht hier und nur, wenn alle wirklich wollen und Stopp immer gilt.' Danach reicht oft ein kurzer Check-in: 'War das für dich okay? Wolltest du das?' Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Orientierung: Sicherheit, Respekt und Körpergrenzen.
Warum ist das Thema für viele Erwachsene so schambehaftet?
Weil viele Erwachsene selbst mit Tabus, moralischen Botschaften oder Unsicherheit rund um Körper und Sexualität aufgewachsen sind. Sobald Kinderkörper, Neugier und Intimität im selben Kontext auftauchen, springt bei vielen innerlich sofort Alarm an, oft aus einem verständlichen Schutzinstinkt. Dazu kommt die Angst, etwas zu übersehen, und die Angst, «falsch» zu reagieren. Diese Mischung erzeugt schnell Scham und Stress. Psychologisch ist es hilfreich, beides gleichzeitig zu halten: Ja, Kinder brauchen Schutz und klare Grenzen und gleichzeitig ist Selbsterkundung, die Freude am eigenen Körper und eine erste Lust am eigenen Körper ein wichtiger, gesunder Entwicklungsschritt. Wenn Erwachsene das innerlich einordnen können, gelingt es leichter, ruhig zu bleiben, eine sachliche Sprache zu finden und klare, schützende Leitplanken zu setzen.
Was wollen Sie Eltern gerne mit auf den Weg geben, die unsicher oder verängstigt sind?
Unsicherheit ist nachvollziehbar, weil das Thema viele triggert. Eltern müssen nicht perfekt reagieren, hilfreich ist vor allem: ruhig bleiben, beschämungsfrei bleiben, Regeln setzen und das Gespräch offen halten. Und wenn etwas Bauchweh macht, ist es absolut sinnvoll, früh Unterstützung zu holen. Nicht, weil man 'schlimmstes' vermutet, sondern weil Einordnung entlastet und Sicherheit schafft. Kinder brauchen Erwachsene, die klar und freundlich führen: 'Du bist nicht falsch und deine Grenzen sind wichtig.'

