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Ein Plädoyer für den Schnuller

Was soll diese Anti-Nuggi-Bewegung?

Unsere Redaktorin Marie sieht sich mit einem neuen Phänomen konfrontiert. In ihrem Umfeld setzen Neo-Eltern vermehrt auf nuggifreie Erziehung. Was ihre Argumente sind und warum Marie fest dagegenhält, lest ihr hier.

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Kleiner Helfer oder grosser Mist? In Sachen Nuggi scheiden sich die Geister.

Kleiner Helfer oder grosser Mist? In Sachen Nuggi scheiden sich die Geister.

Getty Images

In meinem Freundeskreis sind im letzten Jahr drei Paare zum ersten Mal Eltern geworden. Die Neo-Familien vereint noch mehr: Sie alle setzen konsequent auf eine nuggifreie Erziehung. Diese Entscheidung haben alle Paare unabhängig voneinander noch während der Schwangerschaft getroffen.

Damit sind sie nicht allein. Auch in meinen Social-Media-Feeds beobachte ich, wie immer mehr Mütter und Väter sich vehement gegen Schnuller aussprechen. Ihre Argumente: Ein Nuggi fördere schon sehr früh eine Abhängigkeit. Das führe zu grossen Problemen bei der Entwöhnung. Ausserdem, so ist man sich sicher, gerieten Zahn- und Kieferstellung in Schieflage, wenn man Kindern Nuggis gebe.

Ebenfalls besorgt zeigt sich die Anti-Nuggi-Fraktion beim Thema Sprachentwicklung. Sie ist überzeugt, dass Nuggis diese stören. Neulich habe ich sogar gehört, dass Nuggis vermehrt zu Mittelohrentzündungen führen können.

Unsere Redaktorin findet: Nuggis sind SUPER!

Unsere Redaktorin findet: Nuggis sind SUPER!

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Ja, aber ... ich hätte dennoch keine Sekunde auf den Nuggi verzichten wollen ....

Zugegeben, ich sehe und verstehe die Argumente. Wirklich. Vor allem das mit der Entwöhnung. Ich gebe zu, dass es ein riesiger «Chrampf» war, unserer Tochter den Nuggi abzugewöhnen. Wir schafften es erst weit nach ihrem vierten Geburtstag – und auch da nur mit sehr viel Begleitung und dem Versprechen, dass die Nuggi-Fee die grosszügigsten und grössten Geschenke macht. Ja, ja, da haben wir uns hie und da gewünscht, wir hätten eines dieser Kinder, die sich von Anfang an null für den Nuggi interessieren.

Aber …

Ich weiss nicht, wie wir in der ersten Zeit mit unserem Neugeborenen ohne Nuggi zu Schlaf gekommen wären. Nachdem es bei mir mit dem Stillen nicht geklappt hat, wurde der Nuggi zu ihrem – und unserem – besten Freund. Der Nuggi half aber nicht nur beim Einschlafen, er war auch da und spendete Halt und Trost, als unsere Tochter die ersten drei Monate unter fiesen Bauchkrämpfen litt.

Später waren es die Entwicklungsschübe, die ihr zu schaffen machten. Ratet mal, was am besten half? Richtig, der Nuggi! War sie unruhig, ihr Nervensystem gestresst, sie völlig verzweifelt, gaben wir ihr den Nuggi. Und er hat immer geholfen. Ihr und somit auch uns.

Ich weiss nicht, wie unsere Tochter ohne Nuggi durch die ersten Jahre gekommen wäre.

Ich weiss nicht, wie unsere Tochter ohne Nuggi durch die ersten Jahre gekommen wäre.

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Unsere Tochter war also von Anfang an ein – ich sag mal – Nuggi-Ultra. Lange verliess sie das Haus nicht ohne ihren Nuggi. Und auch daheim nahm sie ihn gefühlt nur zum Essen und Trinken heraus.

Ich erinnere mich an Momente, in denen wir uns Gedanken machten: Was, wenn ihre Zahnstellung wirklich lätz kommt? Was, wenn sie wegen des Nuggis Sprachstörungen entwickelt? Und kann es sein, dass sie nicht lernt, sich selbst zu regulieren, solange sie einen Nuggi hat?

Unsere Kinderärztin konnte uns stets beruhigen: Sie kenne kein Kind, das aufgrund von Nuggis die Selbstregulation nicht erlernen konnte. Bei der Sprachentwicklung machte sie sich ebenfalls keine Sorgen: Im Alter von 13 Monaten sprach unsere Tochter schon sehr viel und sehr gut.

Bei der 3-Jahres-Kontrolle empfahl besagte Kinderärztin dann, den Nuggi langsam zu reduzieren. Ohne Druck, ohne Stress, ganz organisch. Am Anfang sollte der Nuggi einfach daheim bleiben, wenn wir weggehen. Später sollten wir ihn auf die Abendstunden und dann nur noch auf die Nacht reduzieren.

Genau so haben wir es gemacht. Es war nicht einfach. Wir sind aber überzeugt, dass wir durch eine Erziehung ganz ohne Nuggi deutlich härtere Zeiten durchgemacht hätten. 

Am Ende ist es wohl so, dass wir uns einfach darauf einigen sollten, dass wir uns nicht einig sind. Es wird immer die Eltern geben, die pro Nuggi sind und die, die auf eine schnullerfreie Erziehung setzen. 

Was aber empfehlen offizielle Fachstellen?

Pädiatrie Schweiz spricht sich für den Nuggi aus: Laut der Organisation können Nuggis sinnvoll zur Beruhigung und zur Prävention des plötzlichen Kindstods SIDS sein. Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO warnt derweil vor den mechanischen Auswirkungen auf den noch weichen Kiefer und plädiert dafür, dass der Nuggi so früh wie möglich, spätestens aber bis zum dritten Lebensjahr abgewöhnt werden sollte. Auch die Stillförderung Schweiz äussert sich kritisch zum vor allem frühen Nuggi-Einsatz in der Neugeborenenphase. Um den Stillerfolg nicht zu gefährden, sollte in den ersten Wochen auf künstliche Sauger verzichtet werden. Die Organisation empfiehlt,  den Nuggi erst einzuführen, wenn das Stillen stabil etabliert ist. Das ist meist nach vier Wochen der Fall.

Von SI online am 17. Februar 2026 - 12:00 Uhr