Sie spüren Stimmungen sofort, reagieren stark auf Reize und stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an. Sehr sensible Kinder fallen im Alltag nicht durch Lautstärke auf, sondern durch ihr stilles Mittragen.
Gerade im Kindergarten oder in Gruppen kann für die Kinder selbst, aber auch für ihre Eltern zur Herausforderung werden. Wie aber erkennt man, dass ein Kind leidet, obwohl es wenig sagt? Und wann sollten Erwachsene eingreifen, wann besser begleiten? Und wie können Eltern ihr Kind zu Hause spielerisch stärken, ohne es zu überfordern? Im Gespräch mit der Familienberaterin und ehemaligen Kindergartenlehrperson Maya Risch geht es um praktische Hilfen, typische Stolperfallen und darum, warum Sensibilität keine Schwäche, sondern eine besondere Stärke ist.
Liebe Frau Risch, wie können Eltern überdurchschnittlich sensible Kind stärken?
Zuerst einmal ist es wichtig, dass Eltern sich in Bewusstsein rufen, dass alle Kinder 'gspürig' sind. Das ist keinesfalls etwas Negatives. Ist ein Kind in der Tat sensibler als der Durchschnitt, rate ich dazu, das Kind in erster Linie einfach mal so anzunehmen, wie es ist. Eltern dürfen die Sensibilität ihres Kindes absolut als kein Problem, sondern als Stärke ansehen, Wenn Erziehungsberechtigte dann auch noch darauf achten, ihr Kind nicht in Watte zu packen, ihm Dinge zutrauen, ohne es zu zwingen, und es in Entscheidungen miteinbeziehen, ist schon viel getan.
Was aber können Erziehungsberechtigte tun, wenn sich ihr Kind im Kindergarten nicht wehren kann und deswegen daheim gestresst ist und Wutausbrüche hat?
Als ehemalige Kindergartenlehrperson kann ich versichern, dass ein solches Verhalten vor allem am Anfang vom Kindergarten bei vielen Kindern beobachtet wird. So ein Kindergartenstart bringt viel Neues mit sich. Vierjährige müssen Eindrücke verarbeiten, sich in Gruppen eingliedern, neue Strukturen lernen und sich dabei anpassen. Das kann so anstrengend sein, dass daheim im sicheren Hafen, die Entladung kommt. Natürlich ist das streng für Eltern. In den meisten Fällen legen sich die grossen Gefühle daheim mit der Zeit. Bis dahin hilft es, möglichst gelassen zu bleiben und sich selber zu regulieren, um die Gefühle der Kinder gut zu halten. Das ist zwar nicht so einfach, jedoch lernbar.
Hält die Situation länger an, lohnt es sich natürlich, genau hinzuschauen und der Ursache des Stress auf den Grund zu gehen. Eltern dürfen sowohl mit dem Kind selber als auch mit der Kindergartenlehrperson ins Gespräch gehen. Meiner Erfahrung nach reichen oft schon kleine Anpassungen: Zum einen darf man daheim das Kind stärken und ihm Mut machen, auch mal laut «Stop» oder «Nein, das will ich nicht» zu sagen. Ein anderes gutes Hilfsmittel können ein 'magischer' Stein oder ein Angstfresserli sein, die das Kind im Hosensack dabei hat und es im Kindergarten dabei unterstützen, mutiger zu sein.
Sollen Erwachsene eingreifen, wenn Kinder spielen und dabei eines sehr dominant ist und sich das andere so gar nicht wehren kann?
Ich habe immer wieder beobachtet, dass es vor allem uns Erwachsene stresst, wenn es zu solchen Situationen kommt. Bevor man sich also einmischt, lohnt es sich, bei sich hinzuschauen: Plagt diese Situation gerade mein Mama-Ich oder leidet ein Kind gerade wirklich? Wenn wir das Gefühl haben, das ein Kind unfair behandelt wird, dürfen wir natürlich nachfragen. Sätze wie 'Ich beobachte gerade, dass nur ein Kind bestimmt. «Wie ist das für euch?» Wenn es für ein Kind nicht passt, sollen wir als Erwachsene dabei unterstützen, eine Lösung zu finden.
Wichtig ist: Im Kindergartenalter können noch nicht alle Kinder Perspektiven anderer wahrnehmen. Ein dominantes Kind ist keinesfalls ein böses Kind und ein sensibles Kind ist nicht das Opfer. Manchmal ist es Kindern in solchen Dynamiken auch wohl. Dann dürfen und sollen wir sie unbedingt spielen lassen und darauf vertrauen, dass sie mit der Zeit dazulernen und sich entwickeln. Manchmal ist kann auch eingreifen sinnvoll sein und nötig, dass wir die Integrität eines der Kinder schützen müssen.
Was tun, wenn das eigene Kind immer nachgibt und im Spiel mit anderen nie etwas entscheiden darf/kann?
Erziehungsberechtigte dürfen immer nachfragen, ob es für ihr Kind denn so stimmt. Wenn das Kind leidet, dann kann man ihm gut Werkzeuge mitgeben. In Rollenspielen lässt sich Nein sagen gut üben. Auch darf das Kind wissen, dass es jederzeit aus einem Spiel austreten und/oder eine erwachsene Person zu Rate ziehen darf.
Wie vorgehen, wenn das Kind im Kindergarten still leidet, daheim aber dann völlig gestresst ist?
Hier würde ich das Gespräch mit der Kindergartenlehrperson suchen. Was macht sie für Beobachtungen im Kindergarten? Wie geht es dem Kind im Kindergarten? Braucht es Unterstützung? Oft kann es helfen, dem Kind Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. Selber ein Büechli anschauen in der Leseecke oder auch mal eine Hörgeschichte hören, kann Stress und Druck lindern. Zudem macht es Sinn, Strategien und Worte mitzugeben, wie es Hilfe holen kann oder wie es Mut sammeln und einem andern Kind «Stop» oder «Nein» sagen kann.


