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Familienberaterin gibt Tipps

Wie Eltern sensible Kinder stärken können

Überdurchschnittlich sensible Kinder erleben Gefühle intensiver, ziehen sich schneller zurück und leiden oft still. Die Erziehungsberaterin Maya Risch erklärt im Interview, wie Eltern ihre Kinder im Alltag stärken, sie vor Überforderung schützen und ihnen helfen, ihre Kraft zu entdecken.

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Sensiblen Kindern kann es schwer fallen, sich gegen andere zu behaupten.

Sensiblen Kindern kann es schwer fallen, sich gegen andere zu behaupten.

Getty Images

Sie spüren Stimmungen sofort, reagieren stark auf Reize und stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an. Sehr sensible Kinder fallen im Alltag nicht durch Lautstärke auf, sondern durch ihr stilles Mittragen.

Gerade im Kindergarten oder in Gruppen kann für die Kinder selbst, aber auch für ihre Eltern zur Herausforderung werden. Wie aber erkennt man, dass ein Kind leidet, obwohl es wenig sagt? Und wann sollten Erwachsene eingreifen, wann besser begleiten? Und wie können Eltern ihr Kind zu Hause spielerisch stärken, ohne es zu überfordern? Im Gespräch mit der Familienberaterin und ehemaligen Kindergartenlehrperson Maya Risch geht es um praktische Hilfen, typische Stolperfallen und darum, warum Sensibilität keine Schwäche, sondern eine besondere Stärke ist.

Liebe Frau Risch, wie können Eltern überdurchschnittlich sensible Kind stärken?

Zuerst einmal ist es wichtig, dass Eltern sich in Bewusstsein rufen, dass alle Kinder 'gspürig' sind. Das ist keinesfalls etwas Negatives. Ist ein Kind in der Tat sensibler als der Durchschnitt, rate ich dazu, das Kind in erster Linie einfach mal so anzunehmen, wie es ist. Eltern dürfen die Sensibilität ihres Kindes absolut als kein Problem, sondern als Stärke ansehen, Wenn Erziehungsberechtigte dann auch noch darauf achten, ihr Kind nicht in Watte zu packen, ihm Dinge zutrauen, ohne es zu zwingen, und es in Entscheidungen miteinbeziehen, ist schon viel getan.

Was aber können Erziehungsberechtigte tun, wenn sich ihr Kind im Kindergarten nicht wehren kann und deswegen daheim gestresst ist und Wutausbrüche hat?

Als ehemalige Kindergartenlehrperson kann ich versichern, dass ein solches Verhalten vor allem am Anfang vom Kindergarten bei vielen Kindern beobachtet wird. So ein Kindergartenstart bringt viel Neues mit sich. Vierjährige müssen Eindrücke verarbeiten, sich in Gruppen eingliedern, neue Strukturen lernen und sich dabei anpassen. Das kann so anstrengend sein, dass daheim im sicheren Hafen, die Entladung kommt. Natürlich ist das streng für Eltern. In den meisten Fällen legen sich die grossen Gefühle daheim mit der Zeit. Bis dahin hilft es, möglichst gelassen zu bleiben und sich selber zu regulieren, um die Gefühle der Kinder gut zu halten. Das ist zwar nicht so einfach, jedoch lernbar.

Hält die Situation länger an, lohnt es sich natürlich, genau hinzuschauen und der Ursache des Stress auf den Grund zu gehen. Eltern dürfen sowohl mit dem Kind selber als auch mit der Kindergartenlehrperson ins Gespräch gehen. Meiner Erfahrung nach reichen oft schon kleine Anpassungen: Zum einen darf man daheim das Kind stärken und ihm Mut machen, auch mal laut «Stop» oder «Nein, das will ich nicht» zu sagen. Ein anderes gutes Hilfsmittel können ein 'magischer' Stein oder ein Angstfresserli sein, die das Kind im Hosensack dabei hat und es im Kindergarten dabei unterstützen, mutiger zu sein.

Sollen Erwachsene eingreifen, wenn Kinder spielen und dabei eines sehr dominant ist und sich das andere so gar nicht wehren kann?

Ich habe immer wieder beobachtet, dass es vor allem uns Erwachsene stresst, wenn es zu solchen Situationen kommt. Bevor man sich also einmischt, lohnt es sich, bei sich hinzuschauen: Plagt diese Situation gerade mein Mama-Ich oder leidet ein Kind gerade wirklich? Wenn wir das Gefühl haben, das ein Kind unfair behandelt wird, dürfen wir natürlich nachfragen. Sätze wie 'Ich beobachte gerade, dass nur ein Kind bestimmt. «Wie ist das für euch?» Wenn es für ein Kind nicht passt, sollen wir als Erwachsene dabei unterstützen, eine Lösung zu finden.

Wichtig ist: Im Kindergartenalter können noch nicht alle Kinder Perspektiven anderer wahrnehmen. Ein dominantes Kind ist keinesfalls ein böses Kind und ein sensibles Kind ist nicht das Opfer. Manchmal ist es Kindern in solchen Dynamiken auch wohl. Dann dürfen und sollen wir sie unbedingt spielen lassen und darauf vertrauen, dass sie mit der Zeit dazulernen und sich entwickeln. Manchmal ist kann auch eingreifen sinnvoll sein und nötig, dass wir die Integrität eines der Kinder schützen müssen.

Was tun, wenn das eigene Kind immer nachgibt und im Spiel mit anderen nie etwas entscheiden darf/kann?

Erziehungsberechtigte dürfen immer nachfragen, ob es für ihr Kind denn so stimmt. Wenn das Kind leidet, dann kann man ihm gut Werkzeuge mitgeben. In Rollenspielen lässt sich Nein sagen gut üben. Auch darf das Kind wissen, dass es jederzeit aus einem Spiel austreten und/oder eine erwachsene Person zu Rate ziehen darf.

Wie vorgehen, wenn das Kind im Kindergarten still leidet, daheim aber dann völlig gestresst ist?

Hier würde ich das Gespräch mit der Kindergartenlehrperson suchen. Was macht sie für Beobachtungen im Kindergarten? Wie geht es dem Kind im Kindergarten? Braucht es Unterstützung? Oft kann es helfen, dem Kind Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. Selber ein Büechli anschauen in der Leseecke oder auch mal eine Hörgeschichte hören, kann Stress und Druck lindern. Zudem macht es Sinn, Strategien und Worte mitzugeben, wie es Hilfe holen kann oder wie es Mut sammeln und einem andern Kind «Stop» oder  «Nein» sagen kann.

 

Maya Risch

Maya Risch ist Beraterin für Familien, Eltern, Paare und pädagogische Fachpersonen mit eigener Praxis in Zürich. 

ZVG

Ist Sensibilität ein Thema, das sich quasi von alleine rauswachsen kann?

Ganz generell lässt sich diese Frage nicht beantworten. In erster Linie aber bin ich der Meinung, dass Sensibilität mehr eine Charaktereigenschaft als eine Phase ist. Das ist aber auf keinen Fall schlecht. Sensible Kinder sind sehr empathisch. Sie spüren sich und andere sehr gut. Im Verlauf der Entwicklung entsteht  oft eine hohe Sozialkompetenz, die sie weit bringen kann.

Für Eltern kann es dennoch schwierig sein, zu sehen, wie das Kind in Gruppen klein gehalten wird. Wie sollen Eltern mit ihren eigenen Gefühlen umgehen?

Was sicher immer gut ist, ist die eigenen Gefühle auszusprechen und sich Vertrauenspersonen zu offenbaren. Eltern dürfen verbalisieren, dass sie es schwierig finden, auszuhalten und sie dürfen nachfragen, wie es das Gegenüber erlebt. Auch hilft es, einen Blick in die eigene Vergangenheit zu werfen. Durch eigene Kindern werden oft eigene Erinnerungen und Themen wach. Hier zu unterscheiden, was stresst mich und was das Kind erachte ich als wichtig. Natürlich immer eine Option ist, sich Rat und Hilfe bei Beratungsstellen zu suchen. Und manchmal gilt es als Eltern auch einfach mal eine Situation auszuhalten und zu vertrauen, dass das Kind dazulernt und sich gut entwickelt. Mir ist natürlich bewusst, dass das einfacher klingt, als es ist. ;-)

Welche Warnzeichen zeigen, dass ein Kind leidet, obwohl es wenig sagt?

Bei psychosomatische Symptomen wie zum Beispiel Bauchschmerzen am Morgen würde ich genau hinschauen und hinhören. Wenn ein Kind so weh hat, dass es nicht mehr in den Kindergarten oder zur Schule will, hilft es, mit der Lehrperson und dem Kind zusammen zu sitzen. Ich erinnere mich an den Satz einer ehemaligen Kollegin, die einem Kind sagte, dass es auch mit seinem Bauchweh herzlich Willkommen in der Schule ist und dass es absolut auch mit dem Bauchweh kommen darf. Das hat dem Kind und dessen Eltern so viel Druck genommen, dass das Bauchweh mit der Zeit weniger wurde. 

Nach diesem Gespräch mit der Lehrperson hat die Mutter jeweils am Morgen der Lehrperson eine Nachricht geschrieben, in der stand, dass das Kind heute mit Bauchweh kommt. So war die Lehrperson informiert und das Kind entspannter. Sie sehen, oft reichen kreative Ideen und Anpassungen, um Situationen massgeblich zu verbessern.

Und zu guter Letzt: Was machen Eltern oft gut gemeint – aber ungewollt falsch?

Weil sie ihr Kind beschützen wollen, in die Vermeidung gehen und/oder das Kind in Watte packen. Ein anderes Agieren, das ich ebenfalls kritisch sehe, ist der Vergleich mit anderen oder Geschwisterkindern. Auch das Bagatellisieren von Sensibilität erachte ich als problematisch und nicht förderlich für ein gesundes Selbstwertgefühl. 

Viel besser ist es, Gefühle zu benennen und zu validieren statt abzuschwächen. Und Kindern Sachen zuzumuten, die herausfordernd und zu meistern sind. Erfolgserlebnisse stärken das Selbstvertrauen und motivieren dranzubleiben. Und wenn es mal doch nicht klappt, dann sind wir da, um die Gefühle unserer Kinder aufzufangen und mit ihnen durchzuatmen, sie zu halten und mit ihnen zu reden. Hier dürfen Eltern aus der eigenen Kindheit erzählen und versichern, dass sie auch Situationen erlebt haben, die sie traurig gemacht haben oder wo sie sich schwach gefühlt haben, auch, was ihnen geholfen hat oder geholfen hätteUnd zu guter Letzt: Gut zuhören und da sein für ganz viel Kuscheleinheiten, wenn das Kind das gerne mag!

 

Maja Zivadinovic
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Von Maja Zivadinovic am 27. Januar 2026 - 12:00 Uhr