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  4. Psychologin Dania Schiftan erklärt: Wie sollen Eltern streiten?
Nachgefragt bei Dania Schiftan

Wie funktioniert eine gesunde Streitkultur in der Familie?

Dass die elterliche Beziehung einen grossen Einfluss auf Kinder hat, wissen wir schon lange. Wie sehr sie diese aber wirklich prägt und worauf Paare im Familienleben achten sollten, erklärt Psychologin und Therapeutin Dania Schiftan.

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Streitkultur in der Familie

Eine gesunde Streitkultur ist wichtig für ein gesundes Familienleben.

Getty Images/Image Source

Liebe Dania, dürfen/sollen Eltern vor Kindern streiten und wenn ja, worauf sollen sie  dabei achten?

Streit und Meinungsverschiedenheiten gehören zum Leben und es ist nicht realistisch, jeglichen Streit von Kindern fernzuhalten. Kinder können günstigenfalls vom Verhalten ihrer Eltern in Konfliktsituationen lernen und davon für ihr eigenes Konfliktverhalten profitieren.

Wie streiten Paare am besten, damit Kinder profitieren können?

Die Eltern sollten darauf achten, auch im Konflikt respektvoll miteinander umzugehen. Dabei ist es wichtig, die sogenannten apokalyptischen Reiter, die das Psychologenpaar John und Julie Gottmann definiert hat, zu vermeiden. Das ist zum ersten persönliche Kritik, also Kritik, die die Person angreift und sich nicht auf ein Verhalten bezieht und wie dieses mich persönlich beeinträchtigt oder stört. Wenn ich also zum Beispiel sage ‹Du bist schlampig›  statt zu sagen ‹Es macht mich hässig, wenn ich deine schmutzigen Taschentücher wegräumen muss.› Der zweite apokalyptische Reiter ist die Verachtung, die besonders vergiftend wirkt. Sie zeigt sich zum Beispiel in der Mimik, wie zum Beispiel genervtem Augenrollen, aber auch in Sarkasmus, Zynismus, Verhöhnen oder darin, den andern auf gemeine Weise durch den Kakao zu ziehen. Der dritte Reiter, der oft eine Reaktion auf die ersten beiden ist, ist die Rechtfertigung. Das Problem dabei ist, dass durch Rechtfertigung der Partner indirekt beschuldigt wird, die Situation falsch einzuschätzen und dass das Problem in Wahrheit bei ihm oder ihr liegt. Der vierte Reiter ist der Rückzug. Der findet oft statt, wenn sich ein Partner im Konflikt überfordert fühlt. Allerdings macht der Rückzug eine konstruktive Auseinandersetzung unmöglich und wirkt auf den anderen verletzend ,weil er oder sie sich ignoriert und zurückgewiesen fühlt. Rückzug verhindert auch ein konstruktives Ende des Streites. Das wäre der letzte wichtiger Aspekt: dass der Konflikt auf eine Weise gelöst wird, zum Beispiel durch einen Kompromiss oder in dem eine Entschuldigung ausgesprochen wird – die natürlich auf echter Einsicht basieren sollte – und dass die Eltern sich wieder vertragen. Und zwar so, dass die Kinder das mitbekommen.

Vom Streiten zu einem schöneren Verhalten: Beeinflusst es Kinder als Erwachsene, ob ihre Eltern sich körperlich nahe und liebevoll miteinander waren?

Die Beziehung der eigenen Eltern ist das erste Vorbild für alle weiteren Beziehungen im Leben. Kinder lernen, wenn sie ihre Eltern im Alltag beobachten, was ‹normal› ist und was nicht. Das formt ihre Realität, mit anderen Worten: ihr Gehirn und wie sie die Welt wahrnehmen. Die Glaubenssätze und die damit verknüpften Erwartungen, die jetzt geschaffen werden, sind sehr hartnäckig. Ob das jetzt ungünstig ist, spielt dabei keine Rolle, denn die Kinder haben keine Vergleichsmöglichkeit oder nur sehr geringe. Und selbst wenn sie andere Modelle in der Umgebung miterleben: Die Eltern sind erst einmal die Norm.

Zur Person

Dania Schiftan Sexual- und Psychotherapeutin
ZVG

Dania Schiftan ist seit 2008 selbstständige Sexual- und Psychotherapeutin. Neben der Praxistätigkeit gibt sie regelmässig Kurse, Vorträge und Workshops. Sie ist Autorin des Buches «COMING SOON - ORGASMUS IST ÜBUNGSSACHE», «Keep it coming - Guter Sex ist Übungssache» und der Graphic Novel «Let's talk about Sex», die im Piper-Verlag auf den Markt gekommen sind.

Viele Eltern trennen sich Kinder zuliebe nicht, streiten aber viel und leben keine schöne Harmonie vor. Was rätst du da?

Das kommt natürlich darauf an, ob die Beziehung schon so zerrüttet ist, dass eine Trennung wirklich das Beste wäre. Das muss aber nicht so sein, oft ist die Beziehung einfach sehr von den vielen Aufgaben und dem Mental Load belastet und gestresst, worunter gerade Eltern leiden. Hier könnte es eine Massnahme sein, einmal bewusst streiten zu lernen – siehe die apokalyptischen Reiter. Ausserdem könnten die Eltern einen weiteren Ratschlag von John und Julie Gottmann auszuprobieren, nämlich die 5:1-Regel, dass auf eine Kritik – die möglichst konstruktiv vorgetragen werden sollte, – fünf liebevolle und anerkennende Gesten oder Worte kommen. Solche liebevollen Gesten können Zärtlichkeiten sein, wie ein Küsschen im Vorbeigehen oder ein Streicheln über den Rücken. Es kann aber auch verbale Anerkennung sein, ein Kompliment oder eine anerkennende Feststellung, zum Beispiel ‹Ich finde es toll, wie du mit dem kleinen Mäxchen spielst›. Auch Dankbarkeit ist sehr wichtig. Und natürlich brauchen Eltern auch Zeit, um sich weiterhin als Liebespaar sehen zu können. Darum würde ich dazu raten, zum Beispiel einmal wöchentlich eine Date Night zu vereinbaren. Wenn Paare den Streit nicht in den Griff bekommen, sich aber weiterhin lieben und nicht trennen mögen, kann auch eine Paartherapie sinnvoll sein. Sehr impulsive Menschen, die schnell los poltern und einen Streit vom Zaun brechen, können auch Strategien entwickeln, erst einmal Dampf abzulassen, indem sie zum Beispiel um den Block gehen oder bis 100 zählen.

Ich habe mal gelesen, dass sich Kinder schnell schuldig fühlen, wenn Eltern streiten, stimmt das?

Ja, das ist wahr. Wenn Erwachsene wütend sind, haben Kinder auch schnell Angst oder den Eindruck, dass sie es nicht mehr liebhaben, auch wenn die Wut nicht ihnen gilt. Es ist darum sehr wichtig, dem Kind zu erklären, dass der Streit nichts mit ihm zu tun hat. Besonders, wenn es beim Streit um Erziehung geht oder andere Fragen, die in irgendeiner Weise eng oder lose mit dem Kind zusammenhängen.  Das Erklären gilt auch dann, wenn es das vermeintlich noch nicht versteht. Auch sehr kleine Kinder verstehen in der Regel wesentlich mehr, als es scheint. Ausserdem ist es wichtig, dies dem Kind auch zu zeigen, in dem wir es zum Beispiel nach dem Streit mit Partnerin oder Partner liebevoll in den Arm nehmen und mit ihm spielen, auch wenn uns gerade eher danach ist, uns die Decke über den Kopf zu ziehen.  Weil Kinder sich schnell schuldig fühlen, ist es auch sehr hilfreich und gut, wenn wir Eltern lernen, konstruktiv zu streiten und uns vor allem auch vor den Kindern wieder wirklich vertragen, ohne dass Groll zurückbleibt.

Was ist schlimmer: Eltern, die sich ständig streiten oder Eltern, die einfach resigniert nebeneinander her leben und sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben?

Resignation ist Rückzug und damit einer der apokalyptischen Reiter. Solange noch gestritten wird, gibt es noch Auseinandersetzung miteinander und damit Hoffnung auf Lösung. Insofern: das Letztere.

Wie und ab wann spüren Kinder Disharmonie bei ihren Eltern?

Vom ersten Moment an. Kinder sind sehr sensibel und haben feine Antennen dafür, wie ihre Eltern sich fühlen. Und sie passen sich daran an. Wenn Eltern oft sehr gestresst wirken,  was sich auch in Streit äussern kann, versuchen manche Kinder das auszugleichen, indem sie sehr pflegeleicht sind. Andere Kinder werden aufmüpfiger und versuchen, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Beides hat zum Ziel, sich der Liebe und Fürsorge der Eltern zu versichern, denn diese ist für Kinder überlebenswichtig.

 

Maja Zivadinovic
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Von Maja Zivadinovic am 16. April 2024 - 07:00 Uhr