Zwischen Schule, Freizeitstress und digitaler Dauerbeschallung fällt es vielen Kindern schwer, zur Ruhe zu kommen. Kinderyoga setzt genau hier an: ohne Leistungsdruck, dafür mit Fantasie, Geschichten und viel Raum für Bewegung und Gefühl.
Dabei geht es nicht um perfekte Haltungen, sondern um Wahrnehmung, Atem und das spielerische Entdecken des eigenen Körpers. Ab welchem Alter Yoga sinnvoll ist, wie es Konzentration und innere Balance fördern kann und warum schon kleine Rituale zu Hause Grosses bewirken, weiss Kinderyoga-Lehrerin Paula Romero. Sie erklärt, weshalb Yoga für Kinder weit mehr ist als Turnen auf der Matte und was es für sie persönlich so besonders macht.
Mein Yoga-Teacher-Training habe ich vor neun Jahren in Costa Rica absolviert. Ich war alleinerziehend und hatte meine damals 4-jährige Tochter mit dabei. Natürlich war sie während des Tages grösstenteils betreut – das Training umfasste 200 Stunden. Aber dennoch sass sie oft mit mir und der Gruppe im Dschungelshala und war bei Yoga, Meditation, Kirtan usw. dabei. Es hat nicht nur mich, sondern auch die ganze Gruppe damals sehr berührt, sie dabei zu haben.
Wie haben Sie Ihre Tochter erlebt?
Diese kindliche Energie, die Gelassenheit und Neugier zu spüren, war sehr speziell. Ganz unbeschwert und fast schon selbstverständlich hat sie vieles mitgemacht und sich sehr wohlgefühlt. Da wurde mir bewusst, dass Yoga und Kinder eigentlich wie füreinander gemacht sind. Kleine Kinder sind sehr im Moment. Sie sind sich selbst nahe und nehmen ihre Bedürfnisse wahr. Sie bewegen ihren Körper intuitiv und nur so, wie es ihnen guttut. Was wir Erwachsene durch Yoga wieder lernen dürfen, ist in Kindern bereits da. So verspürte ich den Wunsch, Yoga mit meiner Tochter weiterzumachen, und absolvierte direkt im Anschluss meine erste Kinderyoga-Ausbildung.
Was fasziniert Sie daran?
Mit Kindern zu arbeiten ist so erfrischend und lebendig und man ist vollkommen im Moment. Wenn ich Kinderyoga unterrichte, bleibt mir keine Zeit, um gedanklich abzuschweifen. Es erfordert meine ganze Aufmerksamkeit und absolute Präsenz. Mein Unterricht ist zwar planbar, aber egal wie sehr ich mich vorbereite, man weiss nie, was einen erwartet, wohin es einen führt und was dabei herausrauskommt. Die Ungewissheit, aber auch die Spontanität und Flexibilität liebe ich! Kinder haben ausserdem eine ganz wundervolle Art, Dinge anzuschauen. Sie versetzen mich damit regelmässig ins Staunen und geben mir oft neue und ganz eigene Blickwinkel frei. Das regt mich zum Denken an. Bei der Arbeit mit Kindern bin ich viel intensiver auch selber Schülerin. Ich lerne in jeder Lektion mindestens genauso viel wie die Kinder. Über sie, über mich, über das Leben.
Unterscheidet sich die Arbeit mit Kindern von der mit Erwachsenen?
Im Kinderyoga spielen wir viel mehr mit der Energie der Kinder. Bei Erwachsenen gibt es eher ein Aufwärmen und Steigern der Intensität, bis hin zu einem Peak. Danach wird der Körper wieder heruntergefahren und an die Entspannung herangeführt. Bei Kindern nutzen wir den Wechsel der Energie unter anderem auch um Abwechslung reinzubringen und die Aufmerksamkeit der Kinder aufrecht zu halten. Es gibt also viele Wechsel von schnell zu langsam, von laut zu ruhig. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Art des Unterrichts. Bei Erwachsenen ist Frontalunterricht die Norm, wobei jede Schüler:in für sich und auch im Stillen ist. Bei den Kindern wird oft im Kreis unterrichtet. Das gemeinsame Erfahren in der Gruppe steht im Vordergrund.
Ab welchem Alter würden Sie Kinderyoga empfehlen?
Das hängt natürlich davon ab, wie man für sich den Begriff Yoga definiert. Bereits bei den Kleinsten können kleine Rituale und Routinen dabei helfen, den Fokus zu lenken, einen Moment inne zu halten, den eigenen Körper kennenzulernen oder zur Ruhe zu kommen. So ist es sicherlich nicht verkehrt, dass einige Kitas bereits kleine Yogaeinheiten mit den Kindern machen. Ich persönlich halte regelmässigen Yogaunterricht ab dem Kindergartenalter für sinnvoll. Natürlich unterscheidet sich dieser vom Unterricht mit Kindern im Unter- oder Mittelstufenalter, ist jedoch nicht weniger wertvoll. Je nach Altersklasse sind die Schwerpunkte verschieden. Es profitieren jedoch mit Sicherheit alle vom Yogaunterricht.
Ist Kinderyoga eher Bewegung, Spiel oder Achtsamkeit oder alles zugleich?
Alles zugleich. Selbstverständlich bewegen wir uns im Kinderyoga sehr viel. Die Asanas sind wichtiger Bestandteil des Unterrichts, jedoch ähnlich wie bei den Erwachsenen eher Mittel zum Zweck. Dank Bewegung oder in diesem Gegenspiel von Bewegung und Stillstand soll Ruhe möglich werden. Kinder können Dinge in Bewegung auch leichter aufnehmen. Zusätzlich hat der Unterricht immer auch einen spielerischen Aspekt. Kinder lieben Spiele und lernen beim und durch das Spielen.

Paula Romero ist passionierte Yoga-Lehrerin. Mit ihrem Studio Ananda - Yoga ist Romero hauptberuflich für Kinder unterwegs. Romero und ihr Team bieten Kinderyogakurse an Stadt Zürcher Schulen, sowie Familienyoga-Kurse und Kinderyoga-Ausbildungen an, beides in ihrem Partneryogastudio Yoga am Zürichberg in ZH Fluntern.
zVgHilft es auch im Umgang mit Stress oder Ängsten?
Auf jeden Fall. Und das ist auch das Wundervolle daran. Ich freue mich immer sehr, wenn ein Kind erzählt, dass es, wenn es zum Beispiel nicht einschlafen kann, eine bestimmte Übung macht. Yoga wirkt nämlich nicht nur im Unterricht, sondern überträgt sich auch in den Alltag und das Leben des Kindes. Ab einem gewissen Alter können den Kindern auch die Vorteile und der Nutzen der Übungen aufgezeigt werden. Oft gebe ich konkrete Beispiele aus ihrer Alltagswelt. So wissen sie, was sie zum Beispiel bei Prüfungsangst, zum Einschlafen oder zum Beruhigen ausprobieren können. Gerne betone ich hier das «Ausprobieren». Denn im Yoga gibt es nicht die eine richtige Übung für etwas. Am allerwichtigsten scheint mir der Aspekt der Selbstwirksamkeit. Kinder lernen, dass sie im Yoga viele Werkzeuge erhalten, die sie je nach Bedarf anwenden können.
Welche Wirkung hat Yoga auf Konzentration und Lernfähigkeit?
Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen, bei denen der Fokus auf etwas Bestimmtes gelenkt wird, stärken die Aufmerksamkeitsspanne und die Konzentrationsfähigkeit. Yoga kann zudem ein Gegengewicht zur digitalen Welt sein. Yoga hilft Kindern, sich selbst wahrzunehmen und auf die eigenen Impulse zu hören. Während die digitale Welt schnelle Ablenkung schafft, kann Yoga das Gegenteil bewirken. Es fördert die Aufmerksamkeit, das Beobachten und das genaue Hinhören und schärft so die Sinne. Yoga zeigt uns, wie wir trotz äusserer Einflüsse Ruhe bewahren und in die Stille kommen können.
Gibt es eine Übung, mit der Kinder schnell zur Ruhe kommen?
Erst einmal: nicht verzweifeln. Einige Kinder haben viel Energie und brauchen Bewegung, um besser zu lernen und sich selbst zu regulieren. Wenn ein Kind tatsächlich oft innerlich unruhig scheint, kann mit kleinen Ritualen sehr schnell viel bewirkt werden. Rituale geben Kindern Struktur, Halt und einen vertrauten Rahmen. Ich selbst nutze dies im Alltag mit meinen vier Kindern sehr gerne, sobald ich das Gefühl habe, dass gerade viel Unruhe da ist. Das muss nichts Aufwändiges sein. Eine Dankbarkeitsrunde oder eine Gefühlsrunde vor dem Zubettgehen, ein Ritual bei Tisch, eine kleine Atemübung am Morgen – es gibt unzählige Möglichkeiten. Wichtig ist, dass es ein gemeinsames Ritual ist, das zusammen ausgeführt oder begleitet wird.
Sollte Kinderyoga Ihrer Meinung nach ein fixer Bestandteil des Schulalltags sein?
Das wäre grossartig. Wir sind gerade deshalb an Schulen unterwegs. Yoga hilft uns, viele wichtige Kompetenzen zu entwickeln und uns nicht zu verlieren bei all dem, was im Aussen los ist. Ich glaube, dass trotz all dem Guten, das das Schulsystem für Kinder bereithält, gleichzeitig auch Wertvolles in den Hintergrund gerät. Kinder werden durch das System immer mehr geformt, benotet und bewertet. Yoga schafft einen wertfreien Raum, in dem Kinder sich selbst immer wieder erfahren und stärken können. Auch wenn es nicht dazu kommt, dass ganze Yogalektionen integriert werden, wäre es für jedes Kind eine grosse Bereicherung, wenn Lehrpersonen einzelne Sequenzen einbauen würden. Auch Stuhlyoga, kleine Bewegungseinheiten, Meditationen, Fantasiereisen und Achtsamkeitsübungen sind möglich.
Welche einfache Übung können Sie Eltern für zu Hause mit Ihrem Kind empfehlen?
Am einfachsten und wirkungsvollsten finde ich kleine Übungen, um achtsamer zu atmen und so zur Ruhe zu kommen. Sehr gerne empfehle ich die Fingeratmung. Eine Hand wird offen mit gespreizten Fingern in die Luft gehalten. Der Zeigefinger der anderen Hand wird zum Stift. Mit diesem fährt man bei der offenen Hand jeden Finger hoch und runter, als würde man den Handumriss nachzeichnen. Dabei atmet man beim Hochfahren ein und beim Runterfahren aus. Dies kann mehrere Male wiederholt und im Tempo variiert werden. Je langsamer und länger wir atmen, desto ruhiger wird unser System.

