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Romina weiss Rat

Kostgeld für Lehrlinge: Zocke ich mein Kind ab?

Manche Lehrlinge müssen zuhause einen Teil ihres Lohns als Kostgeld abgeben. Andere kriegen von den Eltern finanzielle Unterstützung. Was macht denn jetzt mehr Sinn und wieso? Unsere Familienexpertin Romina Brunner hat sich mit der Frage auseinandergesetzt und eine klare Antwort gefunden.

A high school teenager is writing down monthly budget in her notebook. A piggy bank is sitting on the table.

Kostgeld ist eine gute Gelegenheit, Teenagern einen gesunden und sparsamen Umgang mit Finanzen beizubringen.

Getty Images
Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Unser Sohn verdient diesen Monat als Maurer-Lehrling seinen ersten Lohn. Meiner Meinung nach ist es sein Recht, das Geld zu behalten, für das er gearbeitet hat. Ich habe Mühe damit, von meinem Kind ein Kostgeld zu verlangen. Mein Mann denkt anders. Er möchte, dass unser Sohn 20 Prozent seines Lohns abgeben soll. Was meinst du dazu? – Marisa

Liebe Marisa

Mit dem Thema Kostgeld schlagen sich viele Eltern um. Gerade uns Müttern fällt es oft schwer, die eigenen Kinder zur Kasse zu bitten, zumal es dazu keine deutliche Gesetzgebung gibt. Laut dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch gehört der Stiftenlohn zwar dem Lehrling, jedoch dürfen Eltern erwarten, dass sich das Kind mit einem «angemessenen» Betrag am Unterhalt beteiligt, sofern es noch im selben Haushalt wohnt.

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Kinder müssen lernen, finanzielle Verantwortung zu tragen

Während das Gesetz undeutlich bleibt, spricht aus psychologischer Sicht jedoch vieles klar für ein Kostgeld. Wenn Lehrlinge sich mit einem finanziellen Beitrag an der Gemeinschaft beteiligten, fördere dies ihre Entwicklung, so Familientherapeutin Susanne Baldini. «Eltern tun ihren Kindern keinen Gefallen, wenn sie für ihre Unkosten nichts verlangen. Denn dann bekommen die Jugendlichen recht schnell das Gefühl, dass alles drin liege und gehen mit dieser Haltung durchs Leben.»

Wenig förderlich sei es auch, dem Nachwuchs während der Stifti monatlich Geld zu überweisen, etwa für Kleidung oder Schuhe. «Solange die Kinder bei den Eltern wohnen sind diese verantwortlich und sollten bei grösseren Ausgaben mitbestimmen. Dann gibt es vielleicht einen Schuh für 70 Franken und nicht wie gewünscht für 230 Franken.»

Laut Baldini müssen Eltern das Geld nicht zwangsläufig für aktuelle Ausgaben verwenden. Eine Idee wäre es, das Lehrlingsgeld zu sparen und später zum Beispiel für Fahrstunden-Kosten oder einen Sprachkurs im Ausland zu nutzen.

Den positiven Effekt realisiert man oft erst später

Auch ich habe während meiner Erstausbildung zur Kauffrau einen Teil meines Stiften-Lohnes abgeben müssen. Mein Vater hat dafür ein Extra-Konto eröffnet und mir das Geld später zurückgeben. Ich habe es bis heute nicht angerührt. Allerdings habe ich damals laut protestiert, als er mir seinen Plan verkündete. Nicht weil ich das Geld ausgeben – sondern weil ich es selbst anlegen wollte. Dennoch blieb er dabei.

Heute bin ich der Meinung, dass mir das geholfen hat, mein Budget richtig verwalten zu lernen. Weil ich grossen Wert auf Kleidung legte und davon mehr als nötig haben wollte, ging ich zusätzlich Zeitungen austragen. Um weitere Kosten einzusparen, verzichtete ich auf ein ÖV-Abo und fuhr mit dem Velo zur Arbeit. Täglich 36 Kilometer zu jeder Jahreszeit. Das Essen nahm ich von daheim mit oder huschte über den Mittag in den Supermarkt statt ins Restaurant. Ich weiss nicht, ob ich so viel zusätzlichen Aufwand betrieben hätte, wenn ich daheim nichts hätte abgeben müssen. Aber ich denke, eher nicht.

Kostgeld kann prägend auf die Persönlichkeit wirken

Liebe Marisa, mein Mann und ich werden von unseren Kindern auch verlangen, dass sie einen Beitrag abgeben, sobald sie selber Geld verdienen. Selbstverständlich werden wir das Ersparte für sie auf die Seite legen. Beim Schreiben dieser Zeilen realisiere ich, was die Strenge meines Vaters bewirkt hat. Ich habe zwar gemault, aber auch einen anderen Weg gefunden, an meine Ziele zu kommen. Dieses lösungsorientierte Verhaltensmuster kommt mir heute noch zugute: Bleibt eine Türe zu, suche ich nach einer anderen, die sich öffnen lässt.

Eltern tun den Kindern keinen Gefallen

Meine Beobachten zeigen: Viele Eltern, die ihre Kinder zu sehr verwöhnen, machen das aus einem schlechten Gewissen heraus oder aus Angst, den Nachwuchs ziehen zu lassen. Inständig hoffen sie, dass ihr Kind aus Bequemlichkeit länger daheim wohnen bleibt. Eine Bekannte von mir lässt ihren erwachsenen Sohn seit Monaten kostenlos bei sich im Haus leben, obwohl der Mann längst einen vollen Lohn verdient und sich eine eigene Wohnung leisten könnte. Ich weiss nicht, ob sie ihm damit einen Gefallen tut.

Somit, liebe Marisa, hoffe ich, dass ich dir bei der Entscheidungsfindung etwas helfen konnte. Zu der Höhe der Abgaben findest du bei einer Budgetberatung oder der Pro Juventute weitere wertvolle Tipps.

Herzlichst,
Romina

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Von Romina Brunner am 03.09.2020
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