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Romina weiss Rat

Warum Strafen unseren Kindern schaden

Strafen galten lange Zeit als ideales Erziehungsmittel. Heute weiss man, sie erfüllen weder ihren Zweck, noch tun sie der Eltern-Kind-Bindung etwas Gutes.

Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
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Romina Brunner, SI Online Familien Bloggerin, bei sich zu Hause in Birchwil ZH, am 09.11.2018, Foto Lucian Hunziker
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Unsere drei Kinder (8, 5 und 2 Jahre alt) testen Grenzen aus und setzen sich oft über Abmachungen hinweg. Unsere Jüngste schubst und beisst ihre Schwester und manchmal auch meine Frau. Wie sollen wir sie bestrafen? Welche Strafen sind überhaupt sinnvoll und für welches Alter? – Dominik

Lieber Dominik

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Bis vor nicht allzu langer Zeit sahen Eltern oder auch Lehrer Strafen als wirksames Erziehungsmittel. Die Kinder, so herrschte die allgegenwärtige Meinung, sollten sich unterordnen und gehorchen!

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Darum funktionieren Strafen nicht

Heute jedoch lehnen Pädagogen und Erziehungsexperten diesen harten Führungsstil mehrheitlich ab. «Bestrafung entmündigt die Kinder», sagt etwa Sozialpädagogin Carmen Lahusen. Strafen erzielen selten den gewünschten Effekt und schädigen auf Dauer die Eltern-Kind-Beziehung. Wer einen Lern-Effekt anstrebt, sollte Konflikte gemeinsam mit den Kindern aufarbeiten. «Dadurch können Kinder viel Selbstvertrauen aufbauen», so die Pädagogin.

Das Problem sind oft zu hohe Erwartungen

Laut Lahusen muten wir unseren Kindern generell viel zu viel zu. Ein Zweijähriges kann zum Beispiel noch nicht die Unterhosen täglich und ohne Aufforderung in den Wäschekorb legen, sein Zimmer aufräumen oder die Jacke an den Bügel hängen. «Kleine Kinder sind noch nicht fähig solche Aufgaben alleine zu bewältigen und an alles selbstständig zu denken, sagt Lahusen. «Sie brauchen stets eine Anleitung der Erwachsenen, ein Miteinander und natürlich auch Lob», so die Fachfrau.

Schuldzuweisungen sollten Eltern vermeiden

Lieber Dominik, selbstverständlich darfst du nicht tolerieren, wenn deine Tochter ihre Schwester oder ihre Mutter beisst. Doch häufig gehen Schubsen, Beissen oder Schlagen Handlungen voraus, welche durch die Erwachsenen oft nicht bemerkt werden. Lahusen: «Vielleicht durfte das Jüngere vorher nicht mitspielen, vielleicht wurde es von seinen Geschwistern ausgelacht, weil es den Nachnamen nicht sagen kann oder über die Linie hinaus malt. Aus diesem Grund sind Schuldzuweisungen äusserst heikel.»

Mit PrimarschülerInnen hingegen kannst du das Geschehene sehr gut besprechen. «Das Gespräch sollte freundlich, partnerschaftlich, auf Augenhöhe und auf der Basis gegenseitiger Achtung passieren», so die Sozialpädagogin. Sie macht ein Beispiel: «Wir sind uns alle einig, dass dies eine schwierige Situation ist, die wir gemeinsam lösen müssen. Was meint ihr dazu, habt ihr Ideen?». Laut Lahusen lernen Kinder, für künftige Handlungen Verantwortung zu übernehmen, wenn sie in den Lösungsprozess eingebunden werden. Dies stärkt ihr Selbstvertrauen.

Kinder lernen in einem liebevollen Umfeld besser

Manche Eltern glauben, ihr Kind könne, falls sie nicht streng genug seien, nichts lernen. Doch das stimmt so nicht. «Eltern dürfen und sollen auf unliebsame Verhaltensweisen ansprechen, genauso, wie sie auch loben sollen», sagt Lahusen. Doch plädiere sie auch für eine gewisse Entspanntheit, denn es dürfe nicht vergessen werden, dass Kinder weitgehend am «Modell lernen». Das bedeutet: Sie nehmen sich ihre Eltern zu ihrem Vorbild. Es zählt weniger, was man sagt, als was man vorlebt.

«Eine Konsequenz sollte in die Zukunft gerichtet sein»

Carmen Lahusen, Sozialpädagogin

Ähnlich verhält es sich auch bei Teenagern. Hier fahren Eltern besser, wenn sie bei Verfehlungen auf den Dialog setzen. Laut Lahusen sollte eine aus einem Fehlverhalten resultierende Konsequenz unbedingt in die Zukunft gerichtet sein. Zum Beispiel: «Du weisst, wenn du das Zimmer nicht aufräumst und sauber machst, darfst du nächsten Samstag nicht in den Ausgang.» Der Teenager hat so die Möglichkeit, auf sein Handeln Einfluss zu nehmen. Von einer rückwärtsgerichteten Konsequenz im Sinne von «Ich habe gesehen, dass du gekifft hast, deshalb nehme ich dir für 24 Stunden das Handy weg», rät die Sozialpädagogin ab, da der Teenager keinen Einfluss mehr nehmen und ergo auch nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.

In diesem Fall sollten Eltern sofort reagieren

Anders verhalte es sich, wenn Pubertierende fremdes Eigentum zerstören oder jemanden physisch oder psychisch verletzen. «Da braucht es dringend eine sofortige Reaktion, ansonsten weitet sich das zerstörerische Handeln aus. Die Grenze muss klar aufgezeigt werden», so Lahusen. In solchen Fällen empfehle sich als Konsequenz die Wiedergutmachung. Die entsprechende Aktion gibt dem Teenager die Möglichkeit, die Perspektive der Geschädigten einzunehmen, die Grenzverletzung zu spüren und Verantwortung für vergangenes Handeln zu übernehmen. «Die Grundhaltung der Erwachsenen sollte sein: Ich akzeptiere dich als Mensch, jedoch nicht dein Handeln», so Lahusen.

Sich ans eigene Kindsein zu erinnern, kann helfen

Lieber Dominik, vielleicht hilft es, wenn du dich in deine eigene Kindheit zurückversetzt. Wie hast du dich gefühlt, wenn dich deine Eltern nach einem Disput ins Zimmer geschickt haben, weil du vielleicht wieder mal aus Eifersucht auf die Schwester losgegangen bist? Hat die Strafe dich verändert oder hast du dich dadruch verstanden gefühlt? Bei mir persönlich jedenfalls haben Strafen das Gegenteil gebracht.

Herzlichst,
Romina

 

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Von Romina Brunner am 25.03.2021
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