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Romina weiss Rat

Windelfrei mit zwei: So machen das die Schwedinnen

Wann sollen Eltern mit dem Töpfchentraining starten? Eine zu frühe Entwöhnung macht keinen Sinn, sagt Familienexpertin Romina Brunner. Druck sowieso nicht.

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Praktisch, wenn man keine Windel mehr dabei haben muss. Ab Sekunde eins der Windefreiheit geht aber die ewige Suche nach Toiletten los.

Getty Images
Romina Brunner
Romina Brunner

Journalistin und Mutter von zwei Kindern

Meine Frau möchte das Töpfchentraining mit unserer Tochter starten. Unsere Maus ist zwar erst 22 Monate alt, doch in der Heimat meiner Frau, in Schweden, gilt es als normal, die Kinder so früh von der Windel zu entwöhnen. Wir sind hier nicht gleicher Meinung. Was hältst du für sinnvoll? Und sind deine Kinder die Windeln losgeworden? — Sandro  

Lieber Sandro

Deine Anfrage lässt mich Schmunzeln. Einer meiner Freunde führte vergangenen Frühling eine sehr ähnliche Diskussion mit seiner Frau. Auch sie ist Schwedin und schwärmte von ihren Landsleuten und deren Windeltraining. Anscheinend sind bei den Skandinaviern tatsächlich die meisten Kinder im Alter von zwei Jahren trocken. Eine statistische Erhebung konnte ich dazu jedoch nicht finden. 

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Frühe Entwöhnung

Der Plan meiner Freunde ging nicht auf. Mittlerweilen trägt ihre Tochter wieder Windeln. Die Kleine hatte nämlich einfach keine Lust, auf ihre Pampers zu verzichten. Und auch für ihre Mutter, die sich zu Beginn mit grosser Begeisterung hinter das Projekt geklemmt hatte, wurde das Töpfchentraining schnell zur täglichen Tortur. Nach dem Essen setzte sie ihre Tochter vorsorglich aufs Klo, aus Angst, dass sonst etwas daneben gehen könnte. Dies führte zu viel Stress und verlorenen Stunden im Badezimmer.

Ihr Fazit: Beim zweiten Kind warten wir noch ab. Eigentlich schade, denn bekanntlich sind zwei Kinder niemals gleich. Gut möglich also, dass es bei einem Geschwisterchen klappen würde.

Die Chance ist jedoch gering. Denn laut Fachärzten bringt eine zu frühe Entwöhnung wenig, wenn das Kind noch nicht reif ist dazu. Im zweiten Lebensjahr können Kinder zwar zunehmend spüren, dass ihre Blase voll ist, es fällt ihnen jedoch schwer, dies zu kontrollieren. Somit ist das auferzwungene Training eher stressig.

Der Trick mit den Kleberli

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Eltern die Windelentwöhnung nicht gross steuern können. Während unsere Älteste schon früh vom «Bisi» sprach, schien ihre Schwester nicht mal zu spüren, wenn der Urin lief. Die Grosse war dann auch mit 2,5 Jahren trocken. Hauptsächlich, weil sie mir alles nachmachen wollte. So setzte sie sich schon früh auf das Klo, das Töpfchen überliess sie ihrem Baby.

Doch während das «Pipi machen» wunderbar klappte, haperte es mit dem Stuhlen mehrere Tage lang. Sie sagte zwar «Gagi» bevorzugte aber die Windeln. Irgendwann versuchte ich es mit dem Kleberli-Trick. Für jedes Geschäft das ins Klo ging, bekam sie einen Kleber, den sie auf ein A-4 Blatt pappen durfte. Eine Woche später war das Blatt voll.

Unsere Expertin für Familienfragen

Nie waren Eltern so gut informiert wie heute. Und nie war es schwieriger, im Dschungel aus Ratgebern und Internetforen den besten Weg für den eigenen Nachwuchs zu finden. Unsere Familien-Expertin Romina Brunner, 39, hilft, Ordnung zu schaffen. Regelmässig berät die zweifache Mutter und Journalistin die SI-Family-Community zu Themen und Fragen aus dem Familienalltag.

Kinder signalisieren, wann sie bereit sind

Ganz anders unsere zweite Tochter. Sie sollte, so mein Plan, ins kalte Wasser springen. Als dann unser gleichaltriges Nachbarsmädchen mit dem Windeltraining startete, nutze ich die Gunst der Stunde und liess sie während der sonnigen Lockdown-Tagen nackt rumspringen. Endlich schien sie zu realisieren, was da passiert. Dann ging alles sehr schnell. Ehe ich mich versah, war sie trocken. Ich kann es bis heute nicht glauben. Wie bei ihrer Schwester nahm ich nach einigen Tagen die Kleber zu Hilfe. Die Windeln, die ich ihr abends anziehen wollte, zog sie schon in der ersten Nacht wieder aus. Und bislang hat sie kein einziges Mal ins Bett gemacht. Es scheint, als hätte sie selber entschieden, wann sie bereit war, trocken zu werden.

Die Kommunikation sollte positiv bleiben

Lieber Sandro, ich bin keine Über-Mutter. Ich habe mich einzig darauf eingestellt, dass ich halt mal eine «Pfütze» aufwischen muss. Das Nachbarsmädchen war wohl ausschlaggebend. Kinder lernen von anderen Kindern und sind beeindruckt, wenn andere etwas können, das ihnen noch nicht gelingt. Während sie sich oft verschliessen, wenn wir Erwachsenen Druck aufsetzen.

Ich habe beide Kinder nie getadelt, wenn mal was in die Hosen ging. Wenn dann sagte ich: «Ach, kannst du nicht mal deinem Pipi sagen, dass er dich frühzeitig warnen soll, wenn es kommen will»? Oder zu der Älteren sagte ich: «He, sag mal deinem Gagi einen lieben Gruss von Mami, er soll doch bitte ins Klo plumpsen und nicht immer in die Windeln.»

Mit diesen Beispielen möchte ich dir zeigen, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt. Ich habe nie im Leben gedacht, dass unsere Jüngste in Rekordzeit trocken wird, obwohl sie kein Interesse an Stuhlgang oder Toilette zeigte.

An eurer Stelle würde ich warten, bis eure Maus deutliche Signale aussendet. Zudem scheinen du und deine Partnerin nicht einig zu sein – eine grundsätzlich suboptimale Ausgangslage.  Mein zu Beginn erwähnter Freund hat die Meinungsverschiedenheit super gelöst. Auch er war gegen das frühe Töpfchentraining. Dies kommunizierte er seiner Partnerin, um sich aus der Verantwortung zu nehmen, liess sie aber ausprobieren.

Inspiration findet ihr vielleicht auch in diesem Artikel mit Erfahrungsberichten aus der SI-Family-Redaktion: «So sind unsere Kinder windelfrei geworden»

Herzlich,
Romina

Von Romina Brunner am 24.08.2020
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