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Kultur-Spagat vom Feinsten

Vom Glückslos, ein «Jugo-Kind» zu sein!

Süssigkeiten bis zum Abwinken, Fernsehen, wann immer wir wollten und bis in die Puppen draussen spielen. Unsere Redaktorin Maja erzählt, warum ihre Kindheit als Schweizerin mit serbischen Wurzeln das Beste war, das ihr passieren konnte.

Maja mit Schwester und Papa

Das in der Mitte bin ich. Links von mir ist meine Schwester, rechts mein sehr cooler Papa Zoran.

Privat

Als Kind war ich sehr begehrt. Nicht weil ich besonders cool war. Meinen Beliebtheitsgrad verdankte ich meinen Eltern, die es mit der Erziehung, Regeln und geregelten Abläufen nicht immer so ernst nahmen. Meine Eltern sind Serben. Oder, umgangssprachlich ausgedrückt, «Jugos». Sie waren Anfang der 70er-Jahre als Gastarbeiter in die Schweiz eingewandert.

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Beruflich waren die beiden sehr eingebunden. Zusätzlich mussten sie eine neue Sprache lernen und sich auf eine ihnen komplett fremde Kultur einlassen. Ausserdem waren sie gerade mal knapp 20, als sie meine vier Jahre ältere Schwester und anschliessend mich bekamen. All diese Umstände führten dazu, dass es bei uns daheim relativ locker zu und her ging. 

Ungewaschene Erdbeeren essen statt Zubettgeh-Rituale durchziehen

Vor allem in den ersten zehn Jahren meines Lebens floss viel aus der serbischen Kultur in unsere Erziehung. Ich schnallte schon als Kind, dass es das Beste ist, das uns passieren konnte. Während Schweizer Kinder selbst bei schönstem Wetter um 17.55 Uhr den Spielplatz verlassen mussten, um Punkt 18 Uhr Znacht zu essen, Zähne zu putzen und spätestens um 19.30 Uhr im Bett zu sein, packte meine Mutter jeweils alles, was der Kühlschrank hergab, in Tupperwares.

Ich erinnere mich an Picknicks unter der grossen Eiche auf dem Spielplatz hinter unserem Arbeiterblock. Weil sie und mein Vater die lauen Sommerabende ebenfalls genossen, verzichteten sie darauf, ihre Energie in mühselige Zubettgeh-Rituale zu investieren. Wie oft durften wir bis 21 Uhr rumrennen, dreckig werden und ungewaschene Erdbeeren ab dem Strauch essen. 

Ein ganzes Chuchichäschtli voller Süssigkeiten

Gut in Erinnerung habe ich auch alle meine Schweizer Gspänli, die zum Zvieri stets mit Apfelschnitzen malträtiert wurden. Hatten sie Glück, gabs vielleicht mal einen Farmerriegel. Ein Schoggistängeli? Allerhöchstens am Geburi. Und danach mussten sofort die Milchzähne geschrubbt werden. Die Zahhnfee halt. Man kennt das Drama, das, Hand aufs Herz, keines ist. 

Mein Vater, ein serbischer Lebemann, und meine Mutter arbeiteten in Schichten. So kam es, dass sie sich die Kinderbetreuung aufteilten. Während sich Mama hie und da pro Forma darum bemühte, dass wir auch mal ein Rüebli essen, liess es Papa stets krachen: Berliner, Rüeblischnitte und Schoggibrötli inklusive.

Die Kinder im Quartier wussten: Bei den Zivadinovics daheim ist es super. Da gibt es ein ganzes Chuchichäschtli voller Süssigkeiten. Und einen Fernseher, den man immer einschalten darf, wenn man will. 

Über Mittag waren meine Schwester und ich viel alleine zu Hause. Den vorgekochten Zmittag, den wir aufwärmten, assen wir vor der Kiste. Was haben wir über all die Folgen «Eine schrecklich nette Familie» gelacht.

Natürlich hatten auch wir «intelligente» Spielsachen. Holzklötze, Gesellschaftsspiele und ein Gestell voller Bücher. Unsere Eltern haben uns aber nie gezwungen, Büechli anzuschauen, mit Klötzchen unser Raumvorstellungsvermögen zu fördern oder Gesellschaftsspiele der Fernbedienung vorzuziehen. 

Berufstätige Eltern als Segen

Im Sommer war es jeweils am lässigsten: Meine Eltern packten auch mal viel zu viele Kinder in unseren Combi und fuhren mit uns zur Badi. Glacé-Plausch inklusive. Was der Pessimist als Lari-Fari-Erziehung und Untergang der Milchzähne interpretieren könnte, war alles andere als pädagogischer Schrott: Denke ich an unsere Kindheit, sehe ich eine bunte Wiese voller Versuchungen, denen wir nie widerstehen mussten. Das führte dazu, dass wir schon sehr früh lernten, vernünftig mit solchen umzugehen. 

Und genau weil unsere Eltern beruflich so eingebunden waren, wuchsen meine Schwester und ich zu einem Duo zusammen, das sich heute nicht näher stehen könnte. Seit sechs Jahren dreht sich unserer Welt nun um meine Nichte und seit fast einem Jahr auch noch um meinen Sohn. Obwohl meine Schwester und ich in vielen Belangen nicht schweizerischer sein könnten, lassen wir bei unseren Kindern viel von unserer Erziehung einfliessen. Zum letzten Geburi meiner Nichte buken wir für die Spielplatz-Clique einen fetten Schoggikuchen mit Smarties, Gummibärli und Marshmallows. 

Drei Kinder dürfen nicht mitessen: Lotti wächst vegan auf, Samuel darf nur Sonntags Süsses essen und Max’ Mama besteht auf eine No-Sugar-Ernährung. «Warum?», will meine Nichte wissen. Ich kanns ihr nicht erklären. Mein Schwager, ein gebürtiger Fricktaler, schnallts auch nicht. Meine Eltern, derweil bestens integriert und eingebürgert, hegen einen eindeutigen Verdacht: «Diese Leute sind doch Anhänger einer Sekte, oder etwa nicht?!»

PS. Meine Schwester ist die grösste Leseratte, die ich kenne. Und ich bin Journalistin geworden. Meine Freunde finden heute noch: Eure Jugo-Eltern haben gerockt. 

Von Maja Zivadinovic am 16.04.2021
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