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Liebe Frauen, eine Frage ....

Warum verschwestern wir uns erst, wenn wir Mamas sind?

Redaktorin Maja Zivadinovic ist seit 16 Monaten Mama. In dieser Zeit hat sie mehr Freundinnen gewonnen als in den 40 Jahren vor ihrem Sohn. Der Versuch einer Erklärung wie und warum aus Rivalinnen Schwestern werden.. Und eine Liebeserklärung von Frau zu Frau.

Mamas

Nie sind Frauen so wohlwollend miteinander wie wenn sie Mama werden.

Getty Images

Meine ersten Feindinnen hiessen Carla und Noëmie. Carla hatte wunderschöne blonde Zöpfe, Noëmie stammte aus einer Bauernfamilie und hatte drum Pferde daheim. Ich weiss nicht, ob ich mehr auf Carla oder Noëmie eifersüchtig war. Ich weiss nur, dass wir schon im zarten Alter von fünf Jahren vor allem eines waren: Rivalinnen. 

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In der Schule ging es ähnlich weiter. Simone hatte den cooleren Spitzer als ich. Kim das viel tollere Etui. Die Feindin Nummer 1 aber war Nathalie. Nathalie war während der ganzen Primarschulzeit DER Bubenschwarm.

Als die Pubertät kam, nahm das ganze Meitli-Dilemma eine noch viel üblere Wende. Alle Mädchen, die vor mir Brüste hatten, waren mir ein Dorn im Auge. Wenn sie dann noch die teureren Klamotten und Schuhe trugen, waren sie das Letzte. Und wenn denn noch mein Schwarm auf eine von ihnen stand, dann ui ui ui ....

LONDON, ENGLAND - AUGUST 14: A young girl gets her face painted while attending the Thamesmead Festival, a one day festival of music, art, craft and business on August 14, 2021 in London, England. (Photo by Tim P. Whitby/Getty Images for Thamesmead)

Das könnte ich gewesen sein, nachdem ich bemerkt hätte, dass das Mädchen neben mir das tollere Make-up bekommen hat.

Tim P. Whitby/Getty Images for T

Machen wir einen Zeitsprung. Im Partyalter habe ich viele Stunden mich schminkend auf Club-Toiletten verbracht. Inmitten von sich ebenfalls schminkenden Geschlechtsgenossinnen. Wer nun denkt, dass die Schminkerei verbindet, irrt sich. Ich habe in all den Jahren mit maximal drei, vier Frauen geplaudert. In allen Fällen ging es darum, ob eine Tampons hat, um der anderen auszuhelfen. Immerhin in der Menstruation waren wir eine Gemeinschaft.

Ich erinnere mich an eine Situation kurz nach meinem 30. Geburtstag. Auf der Toilette eines Einkaufszentrums traf ich eine Frau um die 70. Sie war enorm schön. Langes graues Haar. Rote Lippen. Ein elegantes Kleid mit Blumen. Eine knallgelbe Tasche. Ich war hin und weg. So sehr, dass es aus mir rausplatze. Ich sagte ihr, wie hübsch sie ist. Sie sah mich entgeistert an und verliess den Raum.

Als ich Mama wurde, war plötzlich alles sehr anders!

Machen wir noch einen weiteren Zeitsprung. Vor 16 Monaten liege ich mit riesigem Bauch in der Gebärabteilung des Unispital Zürichs. Ich bin wegen Corona alleine hier. Die werdenden Papis dürfen erst dazukommen, wenn die Geburt sehr weit fortgeschritten ist. Weil ich unter Schwangerschaftsdiabetes leide, muss man die Geburt bei mir einleiten. Meiner Zimmergenossin Chantal geht es genau gleich. Wir liegen also nebeneinander. Alleine zwischen Freude, Angst und Frust.

Ich lächle sie an, sie lächelt mich an. Wie weit sie ist, frage ich sie. Erst grad gekommen. Ich bin schon etwas länger hier. Das Gespräch könnte nicht lockerer sein. Innert Minuten sind wir für die jeweils andere gerade die wichtigste Person im Leben. Während ihren Wehen atme ich mit dir. Und sie während meinen mit mir. Nach ein paar Stunden trennen sich unsere Wege. Chantal kommt in den Kreisssaal. Vorher macht sie eine Zeichnung für mich, die sie mit ihrer Nummer verziert. Wir sind heute eng befreundet.

Heute ist mein Sohn also schon fast 1,5 Jahre alt. Und ich um rund zehn Freundinnen reicher als vor ihm. Seit der Bub nämlich da ist, lerne ich überall und ständig Frauen kennen, die mein Herz höher schlagen lassen. In der Krippe komme ich ins Gespräch mit anderen Mamis. Mit zwei davon verbringe ich oft meine Mama-Tage. In der Babymassage treffe ich Tanja. Wir sind beide etwas zu spät und haben beide das Massage-Öl vergessen. Derweil sind nicht nur Tanja und ich, sondern auch unsere Partner befreundet.

Und dann ist da noch Laura. Laura kenne ich schon ewig. Wir teilen uns den gleichen Arbeitgeber. Laura hat ihren Sohn zwei Monate vor mir bekommen. Erst in der Schwangerschaft wechselten wir überhaupt ein Wort miteinander. Heute sind Laura, unsere Kinder und ich ein eingespieltes Team, das ich nicht missen will. 

Und neulich auf dem Spielplatz lerne komme ich mit zwei Mamas ins Gespräch. Wir haben es so lustig, dass wir sogleich alle Nummern tauschen und uns für nächste Woche am gleichen Ort zur gleichen Zeit verabreden.

Photo Essay From Clinic. Reims, France. September 2004. (Photo By BSIP/UIG Via Getty Images)

Während Chantal und ich auf unsere Babys warten, werden wir zu ganz engen Freundinnen.

Universal Images Group via Getty

Wir sollten uns von Anfang an wohlgesinnt sein, liebe Frauen!

Ich könnte diese Geschichte hier beenden. Wir sind schliesslich beim happy End angekommen. Da, wo wir als Mamas eins sind. Alle im gleichen Boot sitzen, uns gegenseitig da rein und raushelfen. Natürlich gibt es die Ausnahme, in der Mütter die Krallen ausfahren und alles kritisieren, das nicht ganz genau ihrem Mami-Schema-F entspricht. Ich persönlich habe damit noch keine Erfahrungen gemacht. 

So sehr ich es schätze, dass es noch nie so einfach war, neue schöne Freundschaften zu schliessen, so sehr bedaure ich es, dass wir Frauen und Mädchen nicht schon so viel früher damit beginnen. Damit zurück zu Kindergarten-Carla mit den wunderschönen blonden Zöpfen und Noëmie mit den Pferden daheim auf dem Bauernhof vom Anfang dieses Textes. Vielleicht wären Carla, Noëmie und ich die coolste Mini-Gang fürs Leben geworden, wenn mir meine Eifersucht nicht im Weg gestanden wäre.

Und mit den Ladies auf dem Club-WC hätte zumindest für unser damaliges Alter wichtige Make-up-Tipps tauschen können. Meine Nichte ist heute sechs Jahre alt. Sie und ich pflegen ein besonders inniges Verhältnis. Neulich sitzen wir im Tram. Sie starrt auf den Einhorn-Rucksack eines fremden Mädchens. Die Blicke der beiden treffen sich: «Du hast einen u schönen Einhorn-Rucksack», sagt meine Nichte. «Danke, willst du mal das Plüsch-Horn anfassen?», fragt die Einhorn-Rucksack-Besitzerin. Den Rest der Fahrt verbringen die Mädels nebeneinander. Sie sind in ihrer ganz eigenen Welt. Da, wo sie sich über ihre Einhorn-Liebe austauschen. 

Ich lehne mich zurück und lächle. 

Wir sind auf dem richtigen Weg. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl, liebe Mädchen, liebe Frauen und - natürlich - auch liebe Mamas.

 

Von Maja Zivadinovic am 04.10.2021
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