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Panisch, chaotisch und maximal uncool

Wie ich als Mutter nie werden wollte – und wurde

Vor der Geburt ihres Sohnes war sich unsere Redaktorin sicher, dass sie eine tiefenentspannte Mutter wird, die das Kind locker mit links schaukelt. Dann kam aber (fast) alles anders. Willkommen zu den 5 grössten Irrtümern im ersten Baby-Jahr.

Müde Mutter mit Kind

So wie diese Mama in etwa fühle ich mich jeden Abend ab spätestens 18 Uhr.

Corbis via Getty Images

Ich kann mit sehr gutem Gewissen sagen, dass ich eine alte Mutter bin. Als ich im Frühling 2020 meinen Sohn zur Welt brachte, stand ich kurz vor meinem 40. Geburtstag.

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Falls Sie das Gefühl haben, dass ich mich über mein Alter beklagen will: ganz im Gegenteil. Ich war mir sicher, dass ich dank meiner Lebenserfahrung eine unglaublich entspannte und easygoing Mom werde. 

Wie sehr ich mich irrte, lehrte mich mein erstes Jahr mit unserem Buben. Oder anders gesagt herzlich Willkommen zu meinen 5 Vorstellungen vor der Geburt und der ungeschminkten Realität als Mami.

1. Ich werde das Baby ganz einfach in unser Leben integrieren

Es klingt fantastisch. Ein Kind, so sagen viele, läuft einfach mit. Da braucht man nicht sein ganzes Leben umzukrempeln. Super, dachte ich und sah mich weiterhin mit Freundinnen in Cafés abhängen. Auf dem Arm ein stets friedliches Baby, das beim ersten Duft von Milchkaffee selig einschlummert.

Sowieso und überhaupt sind sie ja winzig, diese Winzlinge. Kann man super einpacken und überall hin mitnehmen. Was machen also alle so ein Geschiss, dachte ich. Und schwor mir, dass das bei uns anders und total unkompliziert wird.

Wie sehr ich mich irrte, schnallte ich bei der ersten Tramfahrt. Das Kind schrie. Alle starrten, ich schwitzte. Im Café kam ich selten zu Kafichränzli und Peoplewatching. Das Baby hatte immer grad die Windel voll, wollte rumgetragen oder gefüttert werden.

Und ich? Ich mutierte zur maximal unentspannten Mutter, die beim ersten Tönli aus dem Kinderwagen die Blicke der Menschen um uns herum fürchtete. Der Cafébesuch steht hier symbolisch für alle Bereiche im Leben, in die ich mega easy mein Baby integrieren wollte.

Gestresste Mama mit schreiendem Kind

Ich werde nie die Geduld verlieren, wenn mein Baby schreit, dachte ich. Und wusste nicht, wie sehr ich mich irrte.

Getty

2. Ich werde NULL Mühe damit haben, das Kind abzugeben

Eine Helikoptermutter, ui nein, das wollte ich nie nie nie werden. Die gute News: Das bin ich auch nicht. Also so gut wie nicht. Vielleicht ein kleines bisschen. Vor allem dann, wenn es darum geht, mein Baby abzugeben. 

War ich mir im Vorfeld sicher, dass es super für den Buben ist, dass er mit vier Monaten in die Krippe kommt und von den Grosseltern gehütet wird, war ich das heulende Elend, als es soweit war. Rational wusste ich, dass das Kind in den besten Händen war, emotional aber war ich mir sicher, dass ich die einzige bin, die seine Bedürfnisse lesen und erfüllen kann.

In meiner Vorstellung war es so, dass ich sofort zur Mani- und Pediküre renne, wenn das Baby zum ersten Mal in der Kita ist. In Tat und Wahrheit setzte ich mich in ein Café gleich gegenüber, um ja innert sechs Sekunden zur Stelle zu sein, falls es mich braucht. Die freie Zeit «nutzte» ich, um Rotz und Wasser zu heulen.

Nachtrag: Es hat mich nicht gebraucht. Nicht am ersten, nicht am zweiten und auch an allen anderen Kita-Tagen nicht. Ausser das Kind zahnte und/oder hatte Fieber. 

3. Ich werde nicht ständig zur Kinderärztin rennen

Bevor ich selber Mami wurde, erlebte ich viele Freundinnen als Mütter. Die meisten verbrachten im ersten Jahr gefühlt die meiste Zeit in der Kinderarzt-Praxis oder im Notfall des Kispis. Da mal ein Schnudder, hier ein Bobo und schon rannten sie los.

Fand ich sehr unentspannt. Man weiss ja, dass die lieben Kleinen, vor allem wenn sie Krippenkinder sind, im ersten Winter dauererkältet sind. Ich war mir sicher, dass ich cool bleibe, wenn mein Kind mal hustet.

Das war vielleicht einer meiner grössten Irrtümer. Das erste Mal checkten wir abends um 22 Uhr im Kispi ein, als unser Baby gerade mal drei Wochen alt war. Es übergab sich drei Mal hintereinander. Kein Problem, sagte man uns im Kispi, gibts bei Baby öfters.

Sehr kurze Zeit später kämpften wir gegen die erste Erkältung. Und nun raten Sie mal, wer nach dem ersten, noch sehr schwachen Husten fast heulend in der Kinderarzt-Praxis stand? Und wer immer noch regelmässig zum Hörer greift, wenn das Kind einen Schnupfen hat? 

 

4. Ich werde eine stylische Mutter in Pumps

Was habe ich mich über all die Moms aufgeregt, die sich nach der Geburt quasi aufgaben. Kaum waren die Kinder da, waren ihre langen Haare ab. Trugen sie früher hübsche Kleidchen und schöne Schuhe, setzten sie jetzt auf Outdoor-Kleider und praktische Kurzhaar-Schnitte.

Ich, so war ich mir sicher, werde meine Pumps nie gegen Moonboots tauschen und schon gar nie werde ich meine langen Haare abschneiden, geschweige denn komplett auf Make-up und rote Lippen verzichten.

Die Realität, Sie werden sich nicht wundern, sieht natürlich anders aus. Zu meiner Verteidigung: Die Lippen sind noch geschminkt, das Haar ist lang, aber neu stets zusammengebunden. Der Grund ist simpel. Ist das Haar offen, lässt das Kind keine Gelegenheit aus, um daran zu ziehen. 

Und die Pumps. Haha, die Pumps. Die warten in der hintersten Ecke des Schuhschrankes darauf, vielleicht doch noch mal in diesem Leben zum Einsatz zu kommen. Und, ach, lassen Sie es mich einfach zugeben, die unsexy Outdoor-Schnürschuhe, sie sind einfach der Himmel auf Erden für die gefühlten 10-Kilometer-Spazieränge, die wir täglich machen.

 

Mutter mit Baby, das an Haaren reisst

So geht es mir auch, wenn ich mein Haar offen trage und meinen Sohn auf dem Arm habe.

Getty Images

5. Ich werde weiterhin ein ausgefülltes Sexleben haben

Ok, machen wir es kurz: Das war ganz definitiv der allergrösste Irrtum. Das einzige, das hilft: man muss es mit Humor nehmen. 

Von SI online am 08.04.2021
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