Nobel-Internate Hier wird die Elite von morgen gedrillt

Lernen, Leiden, Lieben. Die High Society schickt ihren Nachwuchs gern in Nobel-Internate. Doch exklusiv bedeutet längst nicht luxuriös. Die «Schweizer Illustrierte» zeigt den Alltag von acht Schülern in drei Nobelschulen.

Julian, 17, muss ausbügeln, was er ausgefressen hat. Das Weekend zu Hause - gestrichen! Wegen einer Pizza - und einem Lehrer, der sich in die Beiz verirrte, in der Julian gerade ass. Er ist einer von 22 Schweizern auf Schloss Salem, Deutschlands exklusivstem Internat am Bodensee. Sein Pizza-Ausflug verstösst gegen die Hausregeln. Dass das Schulessen selbst von Lehrern bisweilen verschmäht wird - egal. Ein «Salemer» wie Julian ist hier, um Disziplin und Benimm-Regeln zu lernen.

Durch meine Mitschüler knüpfe ich Kontakte in alle Welt. Das zahlt sich später aus

Wer nicht spurt, fliegt. Heute triffts eine 13-Jährige. Sie hatte eine Kollegin gezwungen, ihre mit Aceton bepinselten Finger in den Mund zu nehmen. Und mit gespielter Reue Wasser zum Spülen angeboten - auch darin der ätzend schmeckende Stoff gegen Nägelkauen. «Mobbing geht gar nicht, Drogen auch nicht», sagt Hartmut Ferenschild, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Pro Jahr gibts in Salem zwei bis drei Schulverweise.

Auch die Elite schätzt Zucht und Ordnung. «Ein reicher Araber, den wir von der Schule verwiesen hatten, dankte uns später», sagt Gerhard Pfister vom Internat auf dem Zugerberg. Wir waren die Ersten, die ihm Grenzen gesetzt hatten.

Ohne reiche Eltern im Hintergrund, dafür mit einem Stipendium ist Felicitas, 17, in Salem. Den Druck, Markensachen zu tragen, habe es nur in der Unterstufe gegeben. «Heute ist das kein Thema mehr.» In den sieben Jahren war sie einmal kurz davor hinzuschmeissen. «Ich war genervt vom ständigen Trubel auf meinem Zimmer, vermisste Privatsphäre.» Exklusiv bedeutet eben nicht luxuriös. Zwei «Salemer» teilen sich eine der früheren Mönchszellen. Schulleiter Bernd Westermeyer aber betont: «Hier zu lernen, ist ein Privileg.» Felicitas will nicht nur einen guten Schulabschluss, sie engagiert sich auch sozial. «Salemer» betreuen Kinder benachteiligter Familien, stapeln als Helfer in Hochwassergebieten Sandsäcke oder rücken als Feuerwehrler aus - wie 2002 beim Flugzeugcrash von Überlingen.

Im Kraftraum des Hochalpinen Instituts in Ftan im Engadin schwitzt Selina. Aus den Musikboxen dröhnt Linkin Park. Die 13-Jährige will dereinst in die Fussstapfen von Lara Gut treten. Im Moment hängt sie in der Luft und versucht, angefeuert von Konditionstrainer «Hü», mit ihren Beinen das Gummiseil nach unten zu drücken, dabei ihren Körper anzuspannen und sich darauf zu konzentrieren, nicht von der Bank zu purzeln. Viermal wöchentlich steht auf Selinas Stundenplan neben Mathe, Deutsch, Englisch, Geo und Geschichte Kondi-Training - heute gehts um 12.30 Uhr noch auf die Diavolezza Ski fahren. «Es ist schon hart hier, aber ich liebe es», sagt Selina. Ftan bietet ihr beste Bedingungen für eine Karriere als Spitzensportlerin. «Unser Leistungsausweis ist einzigartig», kommentiert CEO Bruno Büchi.

Aus Madrid ins Engadin verschlagen hat es zum Schuljahresbeginn die 17-jährige Lucia. Sie spricht fliessend Deutsch, hat in Spaniens Hauptstadt die Schweizer Schule besucht. Wie ihr grosser Bruder würde sie gern an der Zürcher ETH studieren - Mathematik oder Technik. Auch deshalb will sie unbedingt die Matura machen. Als ihre Eltern wegen eines neuen Jobs des Vaters umziehen mussten, steht Lucia im Sommer vor der Entscheidung: an der Schweizer Schule in Madrid bleiben und bei einer Tante wohnen oder in ein Internat wechseln. «Jetzt bin ich da, weil mein alter Schulfreund Gabriel in Ftan ist», sagt sie lachend und fügt hinzu: «Leben könnte ich hier nicht, aber für ein Jahr bis zur Matur ist es okay.»

Meine Eltern investieren viel in mich. Deshalb strenge ich mich besonders an

Um das Schulgeld zu finanzieren, fährt Lucias Mutter einmal pro Monat mit dem Zug nach Valencia, um dort in der Apotheke ihrer Grossmutter eine Woche für Lucias Schulgeld mitzuarbeiten. 47'000 Franken kostet die Schule immerhin pro Jahr. «Ich weiss, was meine Eltern für mich tun. Deshalb strenge ich mich auch ganz besonders an, um sie nicht zu enttäuschen.» Auf Luxus legt Lucia keinen Wert. Bis auf den spanischen Schinken, den sie auf dem Fenstersims ihres Einzelzimmers deponiert hat.

Traumhaft ist die Aussicht vom Internat Zugerberg hinunter auf den Zugersee. Luca, 17, hat dafür keinen Blick übrig. Er konzentriert sich ganz auf seinen Versuch, Spannenergie in kinetische Energie umzuwandeln. Im Stundenplan steht: Physik und Anwendungen in der Mathematik. Lehrer Johannes Aldenhoff hat nur zwei Schüler in der Klasse: Luca und Marc. Standard sind auf dem Zugerberg Klassengrössen von 12 bis maximal 15 Schülern. «Da kann man sich auf jeden Einzelnen konzentrieren und auf seine Bedürfnisse eingehen», sagt Nils Remmel, Direktor des Instituts Montana Zugerberg. Nicht ohne Grund schicken die oberen Zehntausend ihre Sprösslinge auf Privatschulen. Das Wort «Elite» hört Remmel in Verbindung mit Bildung trotzdem genauso ungern wie etwa seine Kollegen in Salem oder Ftan.

Ich werde im Internat mehr angespornt, und meine Noten sind viel besser

Liebe ist auf dem Zugerberg bis zur 3. Etage im Haus «Felsenegg» erlaubt. Dort, im Mädchentrakt, warnt ein Schild: Jungs haben hier nix verloren. Laura, 16, hat einen Freund im Internat, Felix, 17. Heute Nachmittag haben sie zwei Stunden frei, dürfen in die Stadt. Händchen haltend bummeln sie durch Zug. Laura hat sich von sich aus fürs Leben im Internat entschieden. Ihre Familie lebt eigentlich nicht allzu weit weg, sie könnte täglich heimfahren. «Aber ich lerne hier konzentrierter und bin nicht so abgelenkt wie zu Hause», begründet Laura ihren Entschluss.

So ist der Alltag an Internaten. Ausnahmen gibts: Einmal sprudelte in Salem statt Wasser Spätburgunder aus den Duschen. Ein Lapsus im markgräflichen Weinkeller. Nach dem ersten Schreck füllten die Schüler sämtliche Gefässe. Alkohol ist sonst strikt verboten.

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