Notabene Chris von Rohr über Essen und die Verantwortung dafür

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr denkt in seiner neuesten Kolumne übers Futtern und das Essen nach.

Heute habe ich Esswaren gekauft. Ich betrachtete das Rollband mit meinen Schlemmereien drauf: Zwetschgen, Jazz-Äpfel, Pfirsiche, Butter, Peperoni, Kefen, Fenchel, Balsamico, Eier, Fisch, Rohschinken, Eisbergsalat, Caprice des Dieux und Parmigiano-Käse – mhh … der Regenbogen ist ein Grautier im Vergleich. 

Da ich monatlich auf dem Markt einkaufe, kann ich gut die hiesigen Produzenten unterstützen. Meist trage ich ein sensationelles 5-Korn-Bauernbrot und Früchte heim, die nicht perfekt aussehen, aber chüschtig sind. Ich erachte es als Privileg, eine solche Auswahl an Leckereien zu haben, und halte mich an folgendes Motto: Geniess alles beim ersten Bissen – der letzte wird nicht besser sein! Und nimm von allem, aber massvoll – Gaumen und Gewicht danken es mir. 

Früher arbeitete man vor allem, um die Familie satt zu kriegen.

Früher arbeitete man vor allem, um die Familie satt zu kriegen. Manche starben an verunreinigter Nahrung, und hungernde Schweizer wanderten gar in die USA aus. Die «NZZ» vom 14. Dezember 1941 berichtet von verheerenden Hungersnöten in der Schweiz und von Kindern, die auf Märkten feilgeboten wurden, um eine neue Heimat zu finden. 

Dies scheinen wir komplett vergessen zu haben. Mit der ganzen Wegwerfkultur ist auch der Respekt, den wir dem Nahrungsmittel entgegenbringen, dramatisch geschrumpft. Selbst wenn dafür ein Tier sein Leben gelassen hat. Mitte des letzten Jahrhunderts machten die Ausgaben fürs Essen ein Drittel des Schweizer Monatsbudgets aus – heute sind es lediglich gute sechs Prozent. Damals bedeutete mehr essen eine willkommene höhere Kalorienzufuhr, Kraft, Robustheit und damit eine längere Lebenserwartung. 

Wenn der unachtsame Zweibeiner sein eigenes Leben mittels Futterxzesse und Bewegungsverweigerung verkürzen will, ist dies sein persönliches Recht.

Diese Zeiten sind vorbei, und manches kehrte erkennbar ins Gegenteil. Durch den übersüssten oder kaputtverarbeiteten Dräck, der feilgeboten und hastig zwischen zwei Traktanden ins Gesicht geschoben wird, geht die Menschheit auseinander und wird so träge, dass sie bald jede Haushaltsverrichtung an einen elektronischen Handlanger delegieren muss. Dies hinterlässt über die Jahrzehnte gnadenlos Spuren. Wenn der unachtsame Zweibeiner sein eigenes Leben mittels Futterexzesse und Bewegungsverweigerung verkürzen will, ist dies sein persönliches Recht. 

So wird bei manchen Zeitgenossen das Essen schier zur Religion.

So wird bei manchen Zeitgenossen das Essen schier zur Religion. Vegan, glutenfrei, Low Carb, Intervallessen oder Food-Porn – dauernd entstehen neue Trends. Auf der anderen Seite stopfen sich Menschen wie Junkies planlos mit Goodies und Trösterlis voll. Ich sehe sie Zuckerbomben aus der Aludose in sich hineinkippen und allenthalben die durch den Candida-Hefepilz verursachten Blähbäuche.

Bestimmt ist es kein Zufall, dass der Zucker neuerdings die Hitparade der Ernährungsgifte anführt. In den Arztpraxen redet man sich den Mund fusselig, um den zahlreichen Diabetikern eine gewisse Vernunft beizubringen, und diejenigen, die vernünftig sind, müssen sich alle paar Stunden für ihren Verzicht aufs Dessert und das Schoggihübli auf dem Cappuccino rechtfertigen. Dabei wird praktisch jeder, der den Zuckerentzug einmal überstanden hat, vom Spötter zum Missionar.

Wenn ich mich mittlerweile dem Vegetarierleben etwas annähere, dann nicht, weil ich glaube, dass mir ein Happen Fleisch schadet, oder weil ich mich am Tisch durch Moralpredigten zum Mittelpunkt erklären will. Mich plagt der Gedanke an die unselige, abscheuliche Massentierhaltung. Die Landwirtschaft scheint zu einer verantwortungslosen Gebärmaschine entartet zu sein – gefördert durch verkehrte staatliche Anreize. Die Böden sind ausgezehrt. Es fehlt die so wichtige Erholung für das Ackerland und den Humusaufbau. Pro Jahr werden 2000 Tonnen Pestizide ausgebracht. Das haben wir dann im Obst und Gemüse drin – und praktisch deckungsgleich lässt sich die Antibiotikaproblematik im Fleisch schildern. 

Mich plagt der Gedanke an die unselige, abscheuliche Massentierhaltung. Die Landwirtschaft scheint zu einer verantwortungslosen Gebärmaschine entartet zu sein.

Harte Debatten zu falschen Subventionen und gutes Futter für den Menschen sind sinnvoll. Eine Radikalkur ebenfalls. Trotzdem halte ich nichts vom staatlichen Zeigfinger, der uns eine bestimmte Lebensweise aufzwingen soll. Denn niemals in der Geschichte hat es sich gezeigt, dass der Mensch durch Bevormundung gescheiter wird. Und der Konsument heute lebt bewusster, nachhaltiger und grüner als je zuvor. Mit mehr einheimischem Fleisch, Obst, Gemüse in Bioqualität können wir jeden Tag selbst entscheiden, wo die Reise hingeht.

Ich klammere mich an die Hoffnung, dass nicht nur die Technik Fortschritte macht, sondern auch der menschliche Geist, und dass seine Erkenntnisse ebenso rasch in den Alltag integriert werden wie die neuen Gadgets am Mobiltelefon.

 

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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