50 Jahre «Aktenzeichen XY... ungelöst» Von Kinderleichen bis zur verschwundenen Journalistin

Genau 50 Jahre ist es her, seit die erste Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» über den Bildschirm flimmerte. Seither wurden 4'586 Fälle gezeigt, darunter auch 463 aus der Schweiz. Die Aufklärungsrate ist dabei erstaunlich hoch - doch nicht immer funktioniert das TV-Konzept.
Eduard Zimmermann Aktenzeichen XY ungelöst
© Keystone

300 Folgen lang war Eduard Zimmerann alias «Ganoven-Ede» das Gesicht von «Aktenzeichen XY... ungelöst». 1997 hörte er auf.

Die Sendung dreht sich um Morde, Überfälle und Entführungen. Oft zeigt «Aktenzeichen XY... ungelöst» scheinbar hoffnungslose Fälle. Solche, in denen die Ermittler keinen Schritt mehr vorwärts kommen. Der letzte Weg: Der Gang an die Öffentlichkeit.

Seit 50 Jahren nun lässt das Format TV-Zuschauer auf den heimischen Sofas erschaudern. Am 20. Oktober 1967 strahlte das ZDF die erste Sendung aus, moderiert von Eduard Zimmermann alias «Ganoven-Ede», †80. Schauspieler stellten seither 4'586 Kriminalfälle nach. Ermittler gaben im Studio Auskunft und baten die Zuschauer um Mithilfe.

Von Beginn an eine Mischung aus Unterhaltung und todernstem Hintergrund. Nicht nur die Einschaltquoten stimmen, auch die Zahl der gelösten Fälle: 1'853 sind es inzwischen, wie ZDF.de schreibt. Eine Erfolgsquote von über 40 Prozent.

Fast 50 Prozent gelöste Fälle in der Schweiz

Ab 1969 war auch das Schweizer Fernsehen dabei. Der Zürcher Werner Vetterli, †78, präsentierte von 1969 bis 1976 die Schweizer Fahndungsaufrufe. Auf Werner Vetterli folgte ab 1976 Konrad Toenz, 75. 1998 übernahm Stephan Schifferer, 65.

Werner Vetterli Aktenzeichen XY ungelöst
© Keystone

Bis 1976 moderierte Werner Vetterli die Schweizer Fahndungsaufrufe in «Aktenzeichen XY... ungelöst». Danach schlug der Zürcher eine Politkarriere ein und sass von 1991 bis 1999 für die SVP im Nationalrat.

Im Jahr 2003 stieg das SRF aus der Sendung aus. Trotzdem zeigte das ZDF weiterhin auch Schweizer Fahndungsaufrufe. «Wenn uns ein guter Schweizer Fall angeboten wird, machen wir den immer gerne», sagte die Redaktionsleiterin Ina-Maria Reize-Wildemann vergangenes Jahr.

463 Schweizer Fälle kamen in den 50 Jahren zusammen. Fast die Hälfte davon konnte geklärt werden. Darunter auch einige spektakuläre Fälle.

Der Fall Rupperswil

Der Vierfach-Mord von Rupperswil AG gehört zu den aufsehenerregendsten Fällen der Schweizer Kriminalgeschichte. Am 21. Dezember 2015 wurden in der Aargauer Gemeinde eine 48-jährige Frau, ihre zwei Söhne sowie die Freundin des älteren Sohnes umgebracht. Anschliessend zündete der mutmassliche Täter das Haus an - die Feuerwehr fand die Leichen nach den Löscharbeiten.

Lange tappte die Aargauer Kantonspolizei im Dunkeln, weshalb man sich entschied, einen Beitrag für «Aktenzeichen XY... ungelöst» zu realisieren. Die Dreharbeiten fanden teilweise in Rupperswil statt. Die Ausstrahlung wäre für den 8. Juni 2016 vorgesehen gewesen. Am 12. Mai nahm die Polizei jedoch den Verdächtigen Thomas N., 34, fest. Dieser ist zwar geständig, der Gerichtsprozess fand jedoch noch nicht statt. In Absprache mit der Polizei entschloss sich die Produktionsfirma anschliessend, den Beitrag nicht mehr auszustrahlen.

Aktenzeichen XY Rupperswil
© Keystone/Kapo AG

Kabelbinder, Tape, eine alte Armeepistole und Stricke, welche beim Täter im Vierfachmord Rupperswil sichergestellt worden sind.

Der Überfall des Polizisten

Der erste Schweizer Fall bei «Aktenzeichen XY... ungelöst» überhaupt - und gleich ein Fahndungserfolg. Im August 1968 überfiel Georg G., der sich zuerst als Polizist ausgab, in Luzern vier italienische Gastarbeiter. Wenig später hatte er es auf seine ehemalige, 83-jährige Wohnungsvermieterin abgesehen. Beim dritten Mal versuchte sich Georg G. als Betrüger. Er verschickte im Namen einer Berner Bank eine Anweisung an ein anderes Finanzinstitut, ihm 20'000 Franken auszuzahlen. Die Bank durchschaute die Masche. Georg G. flüchtete. Wenig später trat er jedoch wiederum als Polizist in Erscheinung und überfiel in Bonn erneut Gastarbeiter.

Dann brachte «Aktenzeichen XY... ungelöst» den Fall. Ein Beamter der Luzerner Kantonspolizei gab im Schweizer Studio Auskunft. Drei Monate nach der Ausstrahlung erkennt ein Zuschauer Georg G. in einer Augsburger Gaststätte und alarmiert die Polizei.

Der Beitrag in «Aktenzeichen XY... ungelöst»:

Der Fall Werner Ferrari

1985 wird der 7-jährige Daniel in Rümlang entführt. 1987 der 10-jährige Christian in Windisch. Beide Kinder verschwanden während eines Volksfestes. Beide wurden später tot aufgefunden. 1988 riefen die Ermittlern bei «Aktenzeichen XY... ungelöst» zur Mithilfe auf. Es sei durchaus möglich, dass die Taten zusammenhängen, so der Moderator damals.

Tatsächlich meldete sich noch während der Sendung eine Frau - die Mutter eines Kindes, das bereits 1971 entführt worden war, ebenfalls während eines Volksfestes. Auch dieser Junge wurde tot aufgefunden, der Täter im Rahmen der damaligen Ermittlungen gefasst. Ein Gericht veurteilte Werner Ferrari zu 10 Jahren Haft. 1979 kam er vorzeitig wieder auf freien Fuss. Nach dem Hinweis der Frau verdächtigte die Polizei Werner Ferrari, auch der Täter der beiden Fälle in en 80er-Jahren zu sein. Ferrari war jedoch nicht auffindbar.

Erst zwei Jahre nach der Ausstrahlung bei «Aktenzeichen XY... ungelöst» nehmen Ermittler Werner Ferrari wegen des Mordes an einem Mädchen in Solothurn fest. Die Untersuchungen ergeben: Er war auch der Täter bei Daniel und Christian.

Werner Ferrari Aktenzeichen XY ungelöst
© Keystone

Eine Gerichtsverhandlung in Wettingen AG mit Werner Ferrari im Jahr 2007.

Der Fall Ylenia

Es gibt aber auch Fälle, deren Ausstrahlung bei «Aktenzeichen XY... ungelöst» keine konkreten Hinweise brachten. Trotzdem konnten sie gelöst werden. So zum Beispiel der Fall Ylenia.

Am 31. Juli 2007 wollte die fünfjährige Ylenia in Appenzell eine Shampoo-Flasche im Hallenbad holen, die sie am Tag zuvor dort vergessen hatte. Nach dem Verlassen des Hallenbads verschwand das Mädchen spurlos. Schnell war klar: Ein in Spanien lebender Schweizer Rentner hatte Ylenia entführt. Dieser tötete sich selbst jedoch noch am selben Tag. Von Ylenia fehlte jede Spur.

In den darauffolgenden Wochen wurde intensiv nach Ylenia gesucht, sogar das Militär half mit. Auch in «Aktenzeiche XY... ungelöst» gab es einen Aufruf. Dieses Mal jedoch ohne Erfolg. Erst am 15. September 2007 fand eine Privatperson Ylenias Leiche in der Nähe von Oberbüren SG, 50 Zentimeter tief vergraben, von Wildtieren teilweise wieder freigelegt. Die Untersuchungen ergaben: Das Mädchen starb an einer Vergiftung. Die genauen Umstände konnten jedoch nicht mehr geklärt werden. Einzig, dass Ylenia keine körperliche Gewalt angetan wurde und sie auch nicht sexuell missbraucht wurde.

Ylenia Aktenzeichen XY ungelöst
© Keystone

Ende August 2007 waren auch Armeeangehörige an der fieberhaften Suche nach Ylenia beteiligt.

Tödlicher Überfall auf eine Postbeamtin

1996 starb im thurgauischen Mettlen eine Postbeamtin, erschossen von einem Einbrecher. Dieser hatte bereits frühmorgens bei der Postfiliale auf sie gewartet. Zuvor hatte er in der Nacht versucht, das Sicherheitsschloss zu knacken, erfolglos. Er bedrohte die Postbeamtin mit der Pistole, diese öffnete ihm den Tresor. Die Beute: Bargeld und Wertsachen in Wert von 50'000 Franken. Trotzdem schiesst der Einbrecher anschliessend mehrmals von hinten auf die Frau.

Im gleichen Jahr nahm sich «Aktenzeichen XY... ungelöst» dem Fall an. Ohne Erfolg. Erst einige Jahre später konnte der Täter gefasst werden. Ein Gericht verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe von 19 Jahren.

Der Beitrag in «Aktenzeichen XY... ungelöst» vom 5. Juli 1996

Die verschwundene Journalistin

Einige der Schweizer «Aktenzeichen XY... ungelöst»-Fälle bleiben bis heute ein Rätsel. So auch der Fall der Journalistin Heidi Scheuerle. Am 8. Oktober 1996 war die damals 26-Jährige per Anhalter unterwegs von Kreuzlingen TG nach Basel. An der Raststätte Forrenberg sah man Scheuerle zum letzten Mal. Danach verlor sich ihre Spur. Auch als drei Jahre später «Aktenzeichen XY... ungelöst» den Fall zeigt, bleiben hilfreiche Hinweise aus.

Erst im Frühjahr 2002 findet ein Spaziergänger menschliche Überreste in einem Wald bei Spreitenbach AG. Sie konnten der Journalistin zugeordnet werden. Was jedoch genau geschah, bleibt bis heute im Unklaren.

Heidi Scheuerle
©

Mit diesen Bild von Heidi Scheuerle sucht die Kantonspolizei Aargau bis heute nach Hinweisen, inklusive Belohnung von maximal 50'000 Franken.

Die nächste «Aktenzeichen XY... ungelöst»-Folge gibts am Mittwoch, 25. Oktober, um 20.15 Uhr auf ZDF. Um 21.45 Uhr folgt eine Dokumentation zum 50-Jahre-Jubiläum.

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