Familiensache: Auf dem Klettersteig Brunnistöckli Kleine Gipfelstürmer

Gut sichern, fest auftreten und einfach nicht runterschauen! Der Klettersteig Brunnistöckli in Engelberg OW gilt als einer der besten Klettersteige für Anfänger - dabei ist er gar nicht so ohne! Familie Egger hat sich getraut.

Der Morgen ist frisch, es riecht nach Erde und Stein. Der Titlis vis-à-vis, zu dessen Fuss sich die Touristen-Cars sammeln, glänzt mit einer weissen Schneespitze. Und die Luft ist so klar, dass das Gipfelpanorama von Hahnen links bis Graustock rechts wirkt, als wäre es eine Fototapete - zumindest auf dem Selfie, das Jenny Egger, 42, von sich, ihrem Mann Roland, 40, und den beiden Töchtern Norina, 10, und Elena, 7, in der Brunni-Luftseilbahn macht. «Solange ich fotografiere, schaue ich nicht in die Tiefe», meint sie lachend. «Mama hat Höhenangst», erklärt Norina. Sie nicht - sie habe Klettererfahrung. «Vom Baum hinterm Haus.»

Die Familie ist unterwegs zum Klettersteig Brunnistöckli, einem Einsteiger-Felspfad, geeignet für Anfänger und Familien. Die guten Schuhe haben die Kinder schon an den Füssen, Gstältli und Helm gibts für 25 Franken pro Person im Chrütterhüttli hinter der Brunni-SAC-Hütte bei der Bergstation des Sessellifts. Die Helme sitzen schief, die Gstältli eng und das Lachen richtig breit: Norina und Elena sind bereit fürs Abenteuer.

Der Klettersteig ist in 35 Minuten zu bewältigen, wenn man den Weg über den Zittergrat wählt, eine senkrechte Felswand, welche die Oberarme stark fordert. Schwierigkeitsgrad K4 (von 6) auf der Hüsler-Skala. Im Engelberger Klettersteig-Prospekt steht dazu: «… oft finden sich nur kleine Tritte und Griffe. Die Sicherungen sind sparsam eingesetzt.» Familie Egger wählt den einfacheren Aufstieg, der 45 Minuten dauert, Schwierigkeitsstufe K2 (einfach bis mittelschwer). 200 Höhenmeter führt der Weg hinauf. Eisentritte in der Steinwand geben Halt, das Sicherungsseil dient als Geländer.

Die ersten 50 Meter springen Norina und Elena wie Gämsen den Hang hinauf. Dann gehts plötzlich nicht mehr weiter. Vor den Mädchen führt ein rund zehn Meter langes Drahtseil über einen Abgrund. In den vorher noch strahlenden Gesichtern spiegelt sich Angst. «Keine Sorge, solange eure Karabiner gegengleich am Sicherungsseil hängen, kann nichts passieren», sagt Jenny. Dass sogar sie ihre Höhenangst überwindet, überzeugt die Mädchen. Vorsichtig balancieren sie über das Seil, schön eine nach der anderen. Abstand ist auf dem Klettersteig das A und O. Denn Steinschlag bleibt der gefährlichste und unberechenbarste Faktor dieser Kletterpartie.

Die Engelberg-Region ist bekannt als Eldorado für Klettersteig-Enthusiasten. Das Brunnistöckli ist der leichteste von fünf Eisenwegen, die zu vier verschiedenen Gipfeln führen. Auf Anfrage ist die Route sogar im Winter begehbar, wenn die Region zum Skigebiet wird. Für die schwierigeren Steige endet die Saison Mitte Oktober. Der anspruchsvollste ist die Fürenwand (K4–5) mit senkrechten Aufstiegen über teils glatte Felswände. 765 Höhenmeter überwindet der erfahrenere Bergsteiger hier in drei Stunden. Und der Ausstieg aus der Felswand braucht wegen seines Schwierigkeitsgrads sogar für Profis besondere Überwindung und Anstrengung.

Beim Brunnistöckli ist der Ausstieg einfach. Nach einer weiteren Hängebrücke, diesmal in Leiterform, zum Gipfel führt ein kurzer Wanderweg über eine Kuhweide hinunter zur Brunni-SAC-Hütte am Ufer des Härzlisees. «Wieso heisst der See wohl so?», fragen sich die Mädchen. Denn von oben erkennt man nicht einmal annähernd eine Herzform. Das Gewässer gleicht eher einer Nierenschale, an deren Ufer sich ein Weg schmiegt: der Barfuss-Kitzelpfad. Wie gut das tut, die Wanderschuhe auszuziehen! Doch wer hätts gedacht: Hier wartet nach den beiden Hängebrücken erst die wahre Mut-probe des Tages auf die Mädchen. Am Ende des Barfusspfads tauchen die Besucher ihre Füsse nämlich in ein Kneipp-Schlammbad. «Igitt!», rufen Norina und Elena - können hinter dem Ausruf ihre Entzückung jedoch nicht verbergen. Wann darf man sich unter den wachenden Augen der Eltern schon mal offiziell so schmutzig machen. Vorsichtig tauchen sie erst nur die Zehen ein. «Wer zuerst den ganzen Fuss drin hat, gewinnt!»

Den Rest des Tages verbringt die Familie in der Globi-Welt beim Bergrestaurant Ristis: Schatzsuche, Rodelbahn und Wasserspiele. Da haben sich die vier den rustikalen Alpenburger mit Bergkäse redlich verdient.

 

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