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Die berührende Liebesgeschichte von Niggi & Annette Bräuning

Seit 20 Jahren an der Seite seiner gelähmten Frau

Ihre Geschichte bewegt die Schweiz. Und ihre Tochter gewinnt damit den Solothurner Filmpreis! Annette und Niggi Bräuning aus Basel sind seit 50 Jahren unzertrennlich. 
Sie ist vom Hals abwärts gelähmt. Und er 
chauffiert sie im Bus durch die Welt.

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Zu Besuch: Annette, 70, und Niggi Bräuning, 71, in ihrer Wohnung in Basel. Tochter Fanny, 44, lebt als Regisseurin.

Remo Nägeli

Einst standen die Betten von Annette und Niggi Bräuning dicht beieinander. «Aber das ist lange her», sagt Niggi – so sachlich, als lese er den Klappentext seiner Nachttischlektüre. Man müsse drum von jeder Seite an Annettes Bett herankommen. 

Annette, 70, ist vom Hals abwärts gelähmt. Ausser ihren Kopf kann sie nichts mehr bewegen.

Remo Nägeli

Abgetaucht: Mit dem selbst gebastelten Rollstuhllift fährt Annette Bräuning zu Hause vom 
ersten Stock 
ins Parterre.

«Niggi», ruft sie jetzt aus der Küche, ihre Stimme klingt wie eine verlangsamte Tonaufnahme. Und wieder: «Niggiii!» – «Ich komme ja schon, Madame», seufzt er, spielt den Genervten. In der Küche drückt er Annette einen Kuss auf die Stirn. «Stürmicheib, du.» Sie lächelt.

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Annette kann ihren Rollstuhl nicht selbst steuern, ohne Hilfe steht sie still – und das ausgerechnet in dieser Wohnung in Basel, 
in der alles in Bewegung ist: 
Bücher liegen kreuz und quer im Regal, Bilder lehnen wie beiläufig hingestellt an der Wand.

Aber Annette hat Niggi. Und der sorgt dafür, dass ihre Welt so beweglich ist wie nur möglich. Mehrmals im Jahr packt er sie in einen umgebauten Kleinbus und reist mit ihr wochenlang durch Europa. Dann sieht Annette das Meer, die Wüste und die Wolken. «Meine Augen sind das Letzte, was ich noch habe», sagt sie.

Die Kamera hielt alles fest

Auf dem Küchentisch liegt ein Berg aus Bildern mit ihren Abenteuern. Niggi hat sie für den Film von Fanny, 44, herausgesucht. Fanny ist die Tochter der Bräunings, die ältere von zweien.

Über mehrere Jahre hat sie ihre Eltern mit der Kamera auf deren Reisen begleitet, nach Griechenland, Italien, Albanien, Rumänien. Hat gefilmt, wie sie lachen und leiden, stürmen und staunen. Ihr Werk – «Immer und ewig» – ist kürzlich mit dem Hauptpreis der Solothurner Filmtage ausgezeichnet worden.

Fanny Bräuning lebt mit ihrer Familie in Berlin, aber die nächsten Wochen verbringt sie in der Schweiz, bewirbt den Start ihres Kinofilms. Sie warte noch auf ihr Gepäck am Flughafen, sagt Niggi – er hat eben mit ihr telefoniert. Niggi organisiert, hastet hin und her, und man fragt sich, wie dieser Mann alles auf die Reihe kriegt, der mit seinem zerzausten Haar und der dicken Brille ein bisschen wie Woody Allen aussieht.

Remo Nägeli

Dalli, dalli! 
Bevor Niggi mit Annette nach draussen geht, erledigt er alles andere – damit sie nicht in der Kälte ausharren muss. 

Zwar hat er Unterstützung – bei den Bräunings gehen sechs Pflegekräfte, drei Haushaltshilfen und sieben verschiedene Therapeuten ein und aus. Aber er ist der Einzige, der rund um die Uhr für 
Annette da ist. «Früher war sie 
die Sportliche von uns», sagt er und zeigt auf eins der Bilder auf dem Tisch: eine junge, schlanke Frau mit einem breiten Lachen.

«Früher», das ist lange her. An der Kunstgewerbeschule Basel lernen sich Annette und Niggi kennen und lieben. Sie wird Grafikerin, er Fotograf. Ihre erste Reise machen sie im Döschwo seines Vaters, nach Schweden.

1975 kommt Fanny zur Welt, zwei Jahre später Julie. Kurz danach hat Annette plötzlich taube 
Beine und Schwindel. Multiple Sklerose, sagen die Ärzte, kurz MS.

Auf keinen Fall ins Heim

«Ich habe Mami nie ohne Stock gehen sehen», sagt Fanny – sie ist mittlerweile vom Flughafen eingetroffen. Nun wühlt auch sie in den Bildern. In den Momenten ihrer Kindheit. 

«Als ich Kind war, fuhren 
wir immer mit dem Bus in den 
Süden», erzählt sie im Film, «und während wir im Meer badeten, sass Mami vor dem Auto und zeichnete.» Als Fanny 22 ist, 
fällt ihre Mutter ins Koma. Ein septisch-toxischer Schock. Eine Woche lang bangt die Familie um Annettes Leben. Dann wacht sie auf – und ist vom Hals abwärts gelähmt. Sie könne nie mehr nach Hause, sagen die Ärzte.

Aber Niggi erwidert: «Kommt nicht infrage, dass Annette in einem Heim an die immer gleiche Decke starrt.» Er organisiert ein Pflegebett, renoviert das Badezimmer, baut einen Rollstuhllift ein. «Alles Basteleien», sagt er. Aber: Für Annette bedeuten diese Anschaffungen nicht weniger als ihre Heimkehr. 

Niggi gibt seinen Job als selbstständiger Fotograf auf, da ist er gerade mal 52. «Beides geht nicht, das habe ich schnell gemerkt.» Die Einnahmen aus zwei Mietwohnungen, Annettes IV-Rente und eine Hilflosenentschädigung reichen zum Leben. Für ein Leben zwischen Bett, Rollstuhl – und Reisebus. Schon als Annette noch im Koma liegt, träumt Niggi von einem Bus, mit dem sie wieder verreisen können.

Video: Trailer von «Immer und ewig»

«Sie ist meine Frau»

Dieser Bus steht heute auf dem Behindertenparkplatz vor dem Haus. Ein Citroën Jumper. Oder anders gesagt: eine Pflegestation auf Rädern – mit Rollstuhlplatz neben dem Fahrersitz, Pflegebett und spezieller Toilette.

Annette kann nicht selbstständig zur Toilette. Jeden dritten Tag muss Niggi ihren Darm von Hand entleeren. «Sie ist meine Frau», sagt er, «natürlich mache ich das.» Niggi spricht unverblümt, weil er möchte, dass die Menschen verstehen, was es heisst, eine Partnerin zu pflegen.

Er traure nicht einem anderen Leben nach. «Ich würde es nicht aushalten zu gehen», sagt 
er, «das muss ich gar nicht erst probieren.» In seinem Erstberuf als Rheinschiffer habe er gelernt, pragmatisch zu denken. «Du musst das Schiff heil von A nach B bringen, egal ob ein Sturm aufzieht.» Annette, die gehört hat, was Niggi sagte, haucht nur ein Wort in die Luft: «Liebi.»

Das Telefon klingelt. Niggi muss ran. Es ist eine Journalistin, die in ihrem Text über den Film geschrieben hat, Niggi füttere 
seine Frau. «Kühe füttert man», sagt er im Weglaufen. «Aber ich habe doch keine Kuh geheiratet!» Annette lächelt – und wartet, 
bis er wieder zurück ist. Sie muss oft auf Niggi warten, weil er so gerne redet und immer und überall hängen bleibt. Unter den vielen Dingen, die sie über die Jahre lernen musste, zählt Geduld zu den wichtigsten.

Sie habe durch die Kamera einen neuen Blick auf ihre Eltern bekommen, erzählt Fanny derweil. Der Humor ihrer Mutter! Die Entdeckungsfreude ihres 
Vaters. Und die lebendige Beziehung der beiden.

Remo Nägeli

Süferli: 
Niggi serviert Annette Kaffee. In der Spritze auf dem Tisch ist Wasser – «besser als 
ein Röhrli», sagt Niggi.

Später serviert Niggi Kaffee. Annette möge ihn heiss – «so heiss, dass er für jemand ande
ren zu heiss wäre». Er kennt ihre Vorlieben, ihre Hoffnungen, ihre Sorgen.

Sie sagt: «Wenn Niggi nicht mehr ist, dann möchte ich auch nicht mehr leben.» Er sagt, 
für den Fall, dass er vor seiner Frau sterbe, habe er keine Lösung. «Warum sollen wir uns mit dem Tod befassen? Wir sind ja schon heute immer zu spät dran.»

Würden die Bräunings auf 
einer Europakarte alle Länder, in denen sie schon waren, schwarz schraffieren, so bliebe ein einziger Punkt weiss: Lettland. Niggi sagt: «Wir wollen unbedingt mal nach Riga.»

Von Michelle Schwarzenbach am 09.02.2019
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