Melken und malen Johann Hautle, das Appenzeller Original

Seit 50 Jahren verbringt Johann Hautle den Sommer auf der Meglisalp. Der einzige Bauer, der noch melkt und malt, ist ein Appenzeller Original. Seine Liebe zur Heimat drückt er in Bildern aus, die berühren. Die «Schweizer Illustrierte» durfte ihn exklusiv besuchen.

Die «Chäshötte» von Johann Hautle? Sie lässt sich nicht auf Anhieb finden. Am besten, man folgt diesem eigenartigen Duft. Tatsächlich: Würziger Picadura-Tabak kitzelt die Nase. Im Türrahmen steht ein kleiner Mann mit kräftiger Statur, sonnengegerbtem Gesicht und wasserblauen Augen. In den «verwerchten» Händen hält er das silberbeschlagene Lendauerli. Das lederne Backseckel hat er im Hosensack versorgt. Ab und zu saugt er am dünnen Röhrchen, den Blick schweigend in die Ferne gerichtet.

Johann Hautle kann humorvoll sein und verschmitzt. Aber auch einsilbig, wenn er nichts sagen will. Auf der Meglisalp ist er eine Legende. Das Sennendörfli am Fusse des Säntis ist das Lieblingsmotiv des letzten Bauernmalers im Appenzellerland, vielleicht sogar der ganzen Schweiz. Er malt, wie er lebt: authentisch, echt. Mit Dreck unter den Fingernägeln, im Einklang mit seinen Tieren und der Natur, die den Alltag im mächtigen Alpstein prägt.

Neun Uhr in der Früh. Hautle ist seit vier Stunden auf den Beinen. Am 18. Februar feierte der pensionierte Landwirt seinen 70. Geburtstag. Nun gönnt er sich die erste Pause. Nie käme es ihm in den Sinn, sich im Bett noch einmal auf die andere Seite zu drehen und die Tiere im Stall warten zu lassen. 10 Kühe und 25 Jungtiere, Galtlig genannt, sind in seiner Obhut. Die meisten stammen von seinem Hof, der «Chutterenegg» ob Gonten AI. Er hat ihn vor fünf Jahren verpachtet. Manche sagen, er sei ein Tierflüsterer. Mit sanftem Gemurmel lockt er die Herde in den Stall oder überredet sie gar, sich unter einen Baum in den Schatten zu stellen.

Den ersten Sommer auf der Meglisalp verbrachte Johann Hautle 1964 mit einem Dutzend Bauern. Heute wird das idyllische Flecklein auf 1517 Metern noch von drei Sennen und einer Sennerin bewirtschaftet. Von Juni bis September bringen Emil, Hermann, Johann und Heidi ihre Tiere zum Sömmern auf die Weiden am Fusse des Säntis. Insgesamt 350 Liter Milch werden pro Tag gemolken. 170 Liter zentrifugiert allein Johann Hautle im «Chäshüttli». Moderne Maschinen sieht man bei ihm keine. Das meiste macht er von Hand. Auf dem Leiterwagen karrt er die Kannen mit Rahm zum Transportbähnli. Bäuerin Irene Dörig nimmt die Fracht an der Talstation in Empfang und fährt sie vorbei am Seealpsee in die Appenzeller Milch AG.

Melken, misten, mähen. Der Alltag ist hart. Dass das Leben von Johann Hautle auf ganz wundersame Weise um ein weiteres M-Wort, das Malen, bereichert wurde, verdankt er seinem Bruder Sepp. «De hetts chöne», erzählt der Gontner und lächelt. «Er sagte mir aber auch immer, was ich falsch mache.» Der Ältere liess den Jüngeren über die Schulter schauen und brachte ihm bei, was er wissen musste. Doch Johann wollte mehr.

Der Autodidakt entwickelte ein Gespür für Proportionen. Feilte an Techniken und fand seinen eigenen Stil, den Kenner und Sammler heute als «archaisch», «kraftvoll» «prägnant», «einzigartig» beschreiben. In der Schule kam sein Talent nicht zum Vorschein. «Im Zeichnen war ich schlecht.» Dass Johann vom Lehrer öfter aus der Schulstube zum Holzspalten in den Keller geschickt wurde (weil er das lieber tat, als am Unterricht teilzunehmen), erklärt, warum.

Über seine Nebenbeschäftigung, die «einträglicher ist, als die paar Chääsli zu machen», sagt er: «Man muss nur genug üben, dann lernt man auch das.» Wenn es so einfach wäre! Das Innerrhoder Original schuf Ende der 50er-Jahre erste Tafelbilder. Seither entstand in Tausenden Arbeitsstunden ein kleines, feines OEuvre. 100 seiner Bauernmalereien sind bis 1. November im Museum Appenzell ausgestellt. Ein Teil stammt von Sammlern und ist unverkäuflich. Andere gehören Johann Hautle - und sind ebenfalls unverkäuflich.

Brummig gibt er zu, dass er sich nicht von allen Ölgemälden gleich gerne trennt. Besonders freut ihn, dass seine Landschaften bei jungen Leuten Anklang finden. Die Preise beginnen bei 2500 Franken und reichen bis zu 20'000 Franken. Grossformate sind rar, da sie zeitintensiv sind. Bis jedes Detail mit allerkleinsten Pinselstrichen hinzugefügt ist, kann es Monate dauern. Ebenso lange muss man sich für einen «Hautle de luxe» gedulden: Die Warteliste beträgt zwei Jahre!

Fast hätte der Medienstar, der gar keiner sein will, auch diesmal seine eigene Vernissage verpasst. «Es war der erste warme Heutag im Juni. Die Arbeit hatte Vorrang.» Schon vor zehn Jahren kam er zu spät zur Eröffnung seiner Einzelausstellung im Volkskunde-Museum in Stein AR. Weil er sich erst um die Tiere kümmern musste, verpasste er die Ansprache von Hans-Rudolf Merz. Dieser war damals noch nicht Bundesrat, aber schon lange ein Bewunderer von Hautles Virtuosität.

Vor der «Chäshötte» plätschert ein Brunnen. Blitzblank glänzen die Kannen und Kessel in der Nachmittagssonne. Eine schmale Treppe führt in den oberen Stock. Hier ist es kühl und dunkel. Auf dem Bett liegt eine Militärdecke. Alles wirkt aufgeräumt, sogar die Sonntagsschuhe sind geputzt. Das Alphüttli ist Arbeitsort, Schlafstätte und Atelier zugleich. Hier verbringt Johann Hautle den Sommer. Alleine. Er duscht und isst im Gasthaus Meglisalp. Das Wirtepaar Gaby und Sepp Manser ist seine Ersatzfamilie. Er hilft fast täglich beim Abwasch mit. Auf dem Hof in Gonten schaut Hautles Frau Cava, eine Eglisauerin, zum Rechten. Die beiden sind seit 2000 ein Paar. Fühlt er sich nicht einsam? «Hetocht, i bi geen muusbee-elee».

Neugierig blickt der Bauernmaler zum Fenster hinaus. Er ist ein begnadeter Beobachter, weiss haargenau, was auf der Meglisalp vor sich geht. Berge und Hügel malt er, wie er sie vom Arbeitsplatz aus sieht. Mit einem Lappen grundiert er den Karton. Es kann auch eine Spanplatte aus dem Brockenhaus sein. Die Rahmen kauft er ebenfalls in den Brockenstuben. Sie geben die Grösse des Bildes vor. «Ich habe so viele Bilderrahmen gesammelt, dass ich pressieren muss, um alle zu füllen, bevor ich sterbe.» Hautles Farbenspiel ist vielschichtig. Die saftigen Wiesen leuchten in Grün, Gelb, Rot. Dem Himmel über der Meglisalp verpasst er eine eigenwillige Aura in Vergissmeinnicht-Blau mit einem Hauch Rosarot. Die Öltuben sind im Kasten versorgt. Der Deckel dient als Palette und ist mit Farbtupfern übersät.

«Die heutigen Bauernmaler haben sich zu weit vom Urtümlichen wegbewegt», ist er überzeugt. Seine Vorbilder sind Caspar David Friedrich, Albert Anker, Giovanni Segantini. Die Augen strahlen unter den buschigen Brauen, wenn er vom Besuch im Segantini-Museum in St. Moritz erzählt. Vor allem die «Klassiker» der Innerrhoder Bauernmalerei, Franz Anton Haim (1830–1890) und Johann Baptist Zeller (1877– 1959), begeistern ihn. Die beiden Kleinbauern erlebten in ihrer Freizeit beim Malen dasselbe Gefühl von Zufriedenheit, Gelassenheit, «Noesinne» - wie er.

Ist die Vorlage trocken, folgt die Königsdisziplin: Tiere, Häuser, Menschen beleben die Meglisalp. Hautle malt Bauern beim «Tengele» und Heuen, Säumer mit Pferden und einen Senn, der die Kannen vom Transportbähnli holt. Auch die Kapelle Maria zum Schnee ist ein Fixstern auf seinen Gemälden, wie seine «Chäshötte», vor der immer besonders viele Kühe stehen. Mit altertümlichen Fraktur-Lettern und Girlanden signiert er das Werk auf dem Passepartout.

Alpaufzüge und Alpabgänge interessieren Johann Hautle nicht - zu folkloristisch. Und zu stressig für die Tiere. Das «Öberefahre» erledigt er im Transporter. Die Tiere treibt er ohne Zierde den schmalen Weg hinauf. Die Alpabfahrt hat Anfang September stattgefunden. «I goo geen ini, ond i goo geen wide hee.» Für Johann Hautle wars ein guter Sommer. Acht Bilder hat er diesmal im Gepäck. Einziger Wermutstropfen: Die Verstauchung der rechten Hand, die er sich gegen Ende seines Aufenthaltes zugezogen hat, will nicht so recht heilen.

Sein Heemedli ist die «Chutterenegg» bei Gonten. Hat er denn gar kein Fernweh, Lust auf fremde Länder? Johann schüttelt den Kopf. Im Militär musste er bei Basel der Grenze entlanglaufen. Das hatte ihm gereicht. Mit dem Wirtepaar der Meglisalp war er vor 30 Jahren in Meran in Südtirol. Am nächsten Tag kam er wieder nach Hause.

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