Trotz Buschfeuer & giftiger Schlangen Schweizerin lebt seit 13 Jahren allein im australischen Busch

Barbara Walker reiste vor 20 Jahren nach Australien. Sie verliebte sich erst in das Land, dann in ihren späteren Ehemann. Der ist inzwischen gestorben. Jetzt lebt sie alleine, irgendwo im Nirgendwo. Die nächste Stadt liegt über 100 Kilometer weit weg. Mit SI online spricht die Schweizerin über ihr Leben, das sie nie gegen einen geordneten und geregelten Alltag in der Schweiz tauschen würde.

1994 beginnt Barbara Walkers Reise in ein neues Leben. Mit einem Einjahres-Visum und einer 12 Kilogramm schweren Fotoausrüstung im Gepäck macht sie sich auf nach Down Under. Ihr Ziel: die australische Tier- und Pflanzenwelt entdecken. «Ich wollte die Gegend aber nicht als normale Touristin erleben und so reiste ich in abgelegene Gebiete», erzählt die Schweizerin im Gespräch mit SI online. In den Kimberleys, einer Region im Norden des Bundesstaates Western Australia, lernt sie Roy kennen. Bei ihm bleibt sie zwei Monate, fotografiert die Landschaft und hält sein Leben fernab der Zivilisation in Bildern fest. «Ich verliebte mich erst in das Land und dann in den Mann.»

Doch ihr Visum läuft aus. Barbara muss zurück in die Schweiz. Mit dem Entschluss im Kopf, wieder nach Australien zu fliegen und Roy zu heiraten. Sechs Monate später setzt sie ihren Plan um. Im Juni 1995 geben sich Barbara und Roy das Ja-Wort. Die Zeremonie findet - wie könnte es anders sein - mitten im Busch statt. Dort haben sie sich kennen- und später liebengelernt. Dort ist ihr Lebensmittelpunkt, umgeben von wilden, manchmal auch gefährlichen Tieren. Die nächstgrössere Stadt liegt über 110 Kilometer entfernt. Kanalisation? Fehlanzeige. Fliessend Wasser? Keine Selbstverständlichkeit mehr. Doch dort fühlt sie sich wohl und daheim.

Inzwischen lebt die gelernte Lithographin alleine im Busch, auf «Roy's Retreat». Ihr Mann stirbt 2002 im Alter von 77 Jahren an Krebs. Sein Grab liegt in unmittelbarer Nähe ihres Hauses, den Grabstein hat sie selbst angefertigt.

SI online: Barbara Walker, wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus?
Barbara Walker: Die einzige Routine, die ich kenne, ist, dass ich um 4 Uhr morgens aufstehe, all meine Kängurus und Wallabys füttere und den Garten giesse. Ansonsten gleicht kein Tag dem anderen. Es gibt so viele Arbeiten, die anfallen: Zäune reparieren, mich um meine Pferde und kranken Tiere kümmern oder Land und Boden auf Vordermann bringen. Wo meine Hilfe am dringendsten benötigt wird, dort fange ich an. Während der trockenen Sommermonate zwischen April und September helfen mir Studenten. In der Regenzeit bin ich auf mich alleine gestellt und manchmal auch von der Aussenwelt abgeschnitten.

Kennen Sie Einsamkeit?
Lustig, diese Fragen stellen mir immer Leute, die aus der Stadt kommen. Ich bin nie alleine. Ich fühle mich sehr wohl mit all meinen Tieren oder wenn ich einfach den Klängen der Natur lauschen kann. Etwas aber passiert, wenn man für sich lebt: Man fängt an, mit sich selbst zu sprechen, weil man menschliche Stimmen vermisst. Für mich ist es darum wichtig, abends den Fernseher einzuschalten, selbst wenn ich gar nicht richtig hinschaue.

Trotz Abgeschiedenheit muss Barbara Walker weder auf gekühltes Essen noch das Telefonat mit der Familie via Skype verzichten: dank eigener Solaranlage. Auch eine Dusche hat sie. Das nötige Wasser gelangt zu ihr von einem nahe gelegenen Bach via Feuerlöschpumpe.

Kennen Sie Angst?
Eigentlich ist es doch heutzutage viel gefährlicher, nachts in einer Stadt herumzugehen, wenn man nicht weiss, ob einer einem nicht gleich eins auf die Rübe haut. Aber bei mir im Busch? Das einzige, wovor ich Angst habe sind Zyklone, Buschfeuer, Fluten - und Schlangen. Vor allem die, deren Gift tödlich ist.

Was passiert, wenn Sie solch einer begegnen?
Ich schiesse auf sie, aber nur wenn sie in mein Reich eindringen. Mittlerweile musste ich schon fünf mit meiner Flinte erschiessen. Eine war einmal in meiner Toilette. Mein erster Schuss ging daneben, ich traf den Toilettendeckel. Mit dem zweiten Schuss pustete ich ihr den Schädel weg. Dafür habe ich jetzt ein grosses Loch in meiner WC-Wand.

Barbara Walker ist zufrieden mit ihrem Leben im australischen Busch. Um nichts in der Welt möchte sie mit ihrem alten Leben in der Schweiz tauschen. Bevor sie nach Down Under reiste, arbeitete sie als Lithographin, in Foto-Labors und als Assistentin eines Fotografen - so entdeckte sie auch ihre Leidenschaft für die Fotografie. In Zürich, wo sie lebte, verfügte sie über ein gutes Einkommen. Heute reicht ihr ihre Rente aus für ein glückliches Leben.

Wo ist für Sie Heimat - in Australien oder in der Schweiz?
Australien nenne ich ganz klar meine Heimat. Ich bin davon überzeugt, dass sich das Universum für mich aus gutem Grund diesen Platz ausgesucht hat, um Roy kennenzulernen und um mich um ein Stück Land und die vielen Tiere zu kümmern.

Vermissen Sie dennoch etwas aus der Schweiz?
Zuallererst meine Familie. Dann vermisse ich Schweizer Käse, Fondue und Kirsch sowie Bratwurst und Cervelat.

In Barbaras Haus finden sich auch einige Gegenstände, die sie an ihre Herkunft erinnern: Kuhglocken, Schweizer Hosenträger und ein typisches Bauernhemd hat sie. «Ich liebte die Sachen schon immer.» Nur ein Alphorn fehlt ihr für ihre Sammlung noch.

Welchen Kontakt haben Sie noch zur Schweiz?
Mit meiner Familie spreche ich mindestens einmal im Monat, meist per Skype. Meine Schwester und meine Nichte kamen mich auch schon mehrere Male besuchen, aber sie können es sich nicht leisten, jährlich die lange Reise auf sich zu nehmen.

Und wie oft waren Sie seither schon in Ihrer alten Heimat?
Erst einmal. Das war vor 15 Jahren, als meine Mutter krank wurde. Ich wollte sie noch ein letztes Mal sehen. Nächstes Jahr haben mich meine Schwester und ihr Mann eingeladen...

Aber...
...ich weiss nicht, ob ich eine passende Person finde, die sich während dieser Zeit um alles, auch um die Tiere, kümmern kann und der ich vertrauen kann.

Für Barbara Walker liegt die Zukunft in Australien. Sie habe sich in der Schweiz nie wirklich wohlgefühlt, sogar als Kind nicht, sagt sie. «Mir fehlte die Luft zum Atmen.» Die Schweiz sei sehr schön und sauber, perfekt für Ferien. Dort zu arbeiten und zu leben, sei aber etwas ganz anderes. Ein solches Leben, eingeengt zwischen Beton und Technik, konnte sie sich für sich nicht vorstellen. In Australien habe sie in den letzten 20 Jahren so viel gelernt wie in 40 Jahren in der Schweiz nicht. «Ich will im Einklang mit der Natur leben, mich lebendig und frei wie ein Vogel fühlen.»

Westaustralien Map Karte Down Under Barbara Walker Kimberleys
© Screenshot Google Maps

Kununurra ist die nächst grössere Stadt - über 100 Kilometer von Barbaras «Roy's Retreat» entfernt.

Der britische Abenteurer und Autor Ben Fogle besuchte Barbara Walker im Rahmen seiner TV-Serie «Ben Fogle: New Lives In The Wild» im australischen Busch. Im Juli strahlte Channel 5 die Folge aus.

Auch interessant