Von Liebe und Schlampen Maggie Tapert & Pony M. über Polyamorie und Orgasmen

Frauen wollen Orgasmen, sagt Sex-Expertin Maggie Tapert. Männer meinen, sie müssen potente Hengste sein, sagt Bloggerin Pony M. Zwei Generationen über Monogamie, Polyamorie und das Single-Leben.
Pony M. und Maggie Tapert über Sex, Kurse, Buch
© Fabienne Bühler

Haben viel zu lachen: Maggie Tapert, 70, und Yonni Meyer, 35, alias Pony M.

Heisse Themen bei gedämpftem Licht. In der Tina Bar im Zürcher Niederdorf treffen sich Sex-Expertin Maggie Tapert, 70, und Online-Kolumnistin Yonni Meyer alias Pony M., 35. Wir unterhalten uns über Liebe, Sex und Beziehungen. 

Maggie Tapert, Sie haben über 20 Jahre lang Frauen geholfen, ihre Sexualität zu entdecken. Wieso brauchten sie Ihre Hilfe?
Maggie Tapert: Viele waren unglücklich und wussten nicht, warum. Oft lag es am unerfüllten Sexleben. Sie kriegten keinen Orgasmus und verloren das Interesse am Sex. Darunter litt dann die Beziehung. Die Frauen lernten in meinen Seminaren ihren Körper kennen. Etwas vom Wichtigsten dabei war eine tabulose Sprache.

Auch bei öffentlichen Auftritten sagen Sie offen, was Frauen von ihrem Sexpartner wollen. Wie kommt das an?
Tapert: Besonders ältere, wütende Männer greifen mich deswegen an. Männer glaubten lange, eine Frau kriege alleine vom Penetrieren einen Orgasmus. Das stimmt nicht! Statistiken zeigen, dass 70 Prozent nie zum Orgasmus kommen. Das hören viele Männer nicht gerne.

Yonni Meyer, Sie erzählen in Ihrer Internet-Kolumne als Pony M. aus Ihrem Privatleben. Erhalten auch Sie gehässige Reaktionen?
Yonni Meyer: Ja, besonders auf Texte rund um Geschlechter und Sex. Leser fühlen sich schnell persönlich angegriffen. Ich stelle aber fest, dass junge Männer eher mal interessiert Rückfragen stellen. Dann sind wir Frauen am Zug und müssen Verständnis für sie zeigen. Wir sollten offener mit ihnen über unsere Bedürfnisse reden.

Wenige Idioten versauen den Ruf von vielen

Warum ist das so schwierig?
Tapert: Viele Frauen schämen sich, Interesse an Sex zu zeigen. Früher nannte man eine Frau, die Sex liebt, Nymphomanin. Sie galt als krank! Heute wäre das lächerlich. Aber die Angst, deswegen Schlampe genannt zu werden, ist immer noch gross.
Meyer: Ich musste mich auch schon Schlampe schimpfen lassen. Es ist schade, dass es oft von Männern kommt. Denn ich bin ein grosser Männer-Fan! Wenige Idioten versauen den Ruf von vielen, nur weil sie am lautesten sind.

Auch Frauen können kritisch sein.
Tapert: Logisch! Frauen stehen oft in Konkurrenz zueinander. Auch sie bezeichnen einander als Schlampe. Frauen sollten die Bezeichnung einfach annehmen. Schlampen sind Frauen, die Sex lieben. Ich bin eine Schlampe und stolz darauf! So verliert das Wort seine beleidigende Wirkung.

Wieso sind Frauen 2017 immer noch nicht sexuell emanzipiert?
Tapert: Das geht nicht von heute auf morgen. Frauen haben in ihrem Kopf immer noch ein Programm, das ihnen vorschreibt, was sie alles nicht dürfen.
Meyer: Fairerweise muss man sagen, dass auch der Mann in gewissen Denkmustern feststeckt.

Ich habe drei feste Lover, einer ist mein Liebling. Er ist verheiratet und hat Kinder

In welchem zum Beispiel?
Meyer: Der Mann als starker, immer potenter Hengst. Ist er das nicht, droht ihm der Titel «Softie». Schuld sind oft Pornos. Sie zeigen ein unrealistisches Bild.

Sie sind beide Single. Ein bewusster Entscheid?
Meyer: Ich habe noch keinen Mann gefunden, mit dem ich längerfristig zusammen sein will. Ich bin da wenig kompromissbereit.
Tapert: Ich war zweimal verheiratet und will mich keinem Mann mehr anpassen. Ich erfülle mir meinen Partnerwunsch anders: Ich habe drei feste Lover, einer ist mein Liebling. Er ist verheiratet und hat Kinder. Seine Frau akzeptiert unsere Liaison. Für mich hat er mit 45 auch das richtige Alter.
Meyer: Oha! Da haben wir zumindest altersmässig ein ähnliches Beuteschema (lacht).
Tapert: Wir verbringen zwei bis drei Stunden miteinander, und dann geht er wieder. Danach bin ich entspannt und trinke einen Gin Tonic. Es passt perfekt.

Machen das die Jungen auch so?
Meyer: Die sind bei Weitem nicht so entspannt wie Maggie! Einige wollen zwar um jeden Preis unabhängig sein. Viele junge Frauen machen sich damit aber etwas vor. Sie verlieben sich nämlich laufend. Sie sollten dazu stehen, dass sie etwas Ernstes möchten. 

Wäre eine offene Beziehung etwas für Sie?
Meyer: Nein. Mir würde das früher oder später das Herz brechen. Ich dachte früher, ich sei deswegen langweilig. Heute weiss ich, dass es in Ordnung ist. Um frei zu leben, muss man sich gut kennen.

Was kann man dafür tun?
Meyer: Zeit alleine verbringen. Solche, die sich ständig mit anderen umgeben, spüren sich nicht richtig. Sie sind sich nur noch fremde Hände gewohnt.
Tapert: Nur wenige Frauen finden authentische weibliche Sexualität zusammen mit Männern. Die sind zu oft auf ihren Schwanz fixiert. Frauen müssen das alleine, zusammen mit anderen Frauen oder starken Vibratoren tun.

Was ist aus der klassischen monogamen Beziehung geworden?
Tapert: Immer noch 99 Prozent wollen eine. Das ist für viele gut so. Monogamie gibt Sicherheit und Stabilität. Problematisch finde ich es, wenn man sich dafür entscheidet, nur weil Mami und Papi das vorgelebt haben.
Meyer: Ich wünsche mir eine monogame Beziehung. Erlebst du mich deswegen als unfrei?
Tapert: Überhaupt nicht! Aber du bist erst 35, ich 70. Deine aktuelle Situation kenne ich bestens. Ich aber bin polyamourös. Ich verliebe mich in mehrere Menschen.
Meyer: Ich liebe auch viele Leute, die mich faszinieren. Das heisst aber nicht, dass ich auch Sex mit ihnen möchte.
Tapert: Ich auch nicht! Ein Beispiel: Ich habe eine Freundin, wir sind beide heterosexuell. Aber wir sind sehr ineinander verliebt. Wenn wir uns im Restaurant innig in die Augen blicken, denken alle, wir seien lesbisch (lacht).

Können Sie Sex von Liebe trennen?
Meyer: Liebe ohne Sex ist Freundschaft. Reine Sexbeziehungen hingegen funktionieren nur selten langfristig. Früher oder später verknallt sich einer. Aber Online-Dating hat Sex ohne Liebe sicher Auftrieb verschafft.

Lernen  Sie auch Männer übers Internet kennen?
Meyer: Nein, ich lerne sie unterwegs kennen, etwa bei Auftritten oder an kulturellen Anlässen. Manche schreiben mir, weil sie meine Texte lesen. Darauf lasse ich mich aber nur selten ein.
Tapert: Ich habe ein Profil auf einer Dating-Seite, bin damit aber nicht sehr erfolgreich. Meine Liebhaber lernte ich kennen, wenn sie sich für meine Seminare meldeten. Ab und zu brauchte ich nämlich Männer, die mit meinen Frauen arbeiteten. Als sich das herumsprach, bewarben sich viele. Die Hübschesten behielt ich für mich (zwinkert).

Masturbieren ist wunderbar

Wie nehmen Sie die Beziehung von jungen Menschen zu Sex wahr?
Tapert: Ich nehme regelmässig an einem BDSM-Stammtisch teil (Anm. der Red: eine softe Variante von Sado-Maso). Der ist von jungen Leuten überlaufen. Junge sind die neugierigste Gruppe einer Gesellschaft.
Meyer: Das muss nicht nur gut sein. Ich denke wieder an Pornografie. Wenn ein junges Paar das erste Mal miteinander schläft und er das Gefühl hat, er müsse von vorne, von hinten, von überallher … das kann ein Mädchen auch mal traumatisieren.
Tapert: Ich sehe höchstens da ein Problem, wo Pornos Männer von realen Kontakten abhalten. Masturbieren ist wunderbar. Aber im Übermass vergisst man den Umgang mit fremden Körpern.

Fühlen Sie sich auch mal einsam?
Tapert: Sehr selten. Ich habe gelernt, alleine glücklich zu sein. Das können die wenigsten.
Meyer: Ich habe schon einsame Momente. Aber eine Notlösungs-Beziehung würde das nicht ändern. Auch in einer Beziehung kann man einsam sein, wenn sie nicht passt. Ich versuche dann jeweils, Einsamkeit zu zelebrieren. Ich heule, und dann ist wieder gut.

Frau Tapert, Ihr Lieblings-Lover ist 25 Jahre jünger als Sie. Ist das heute akzeptiert?
Tapert: Wenn Sex, dann mit jemandem, der im Saft ist und sein Handwerk beherrscht. Gesellschaftlich sind junge Männer neben älteren Frauen wenig akzeptiert. Im Patriarchat sollen Männer halt junge hübsche Prinzessinnen neben sich haben. Ich finde dieses Vorurteil lächerlich.
Meyer: Jetzt sprichst du abschätzig über diesen Altersunterschied. Aber bei dir soll er okay sein?
Tapert: Ja, bei mir ist er okay (beide lachen).
Meyer: Ich will jemanden, der weiss, was er will. In jungen Jahren ist das aber selten der Fall. Ich könnte schon einen jungen Partner haben. Mit Sprüchen aus meinem Umfeld könnte ich umgehen.

Ist das nicht unfair? Männer müssen keine Kommentare fürchten.
Tapert: Klar ist das doof. Aber ich will einen Lover, der frei kommen und gehen kann. Er muss potent sein und wissen, wie ich zum Orgasmus komme. Meistens sind das halt jüngere Männer.

Wie bemerkt man überhaupt einen weiblichen Orgasmus?
Tapert: Das Blut schiesst hoch, Dekolleté und Hals röten sich, sie atmet anders. Und wenn sie sich frei fühlt, macht sie einen Riesenlärm. Ich schreie, wenn ich komme. Wenn der Mann fragen muss, ob die Frau gekommen ist, hatte sie garantiert keinen Orgasmus.

Ich bin 35 und hätte gerne einmal Kinder. Ich kann noch so emanzipiert sein, dieser Wunsch ist da

Geht die Liebe in der übersexualisierten Welt unter?
Tapert: Nein, Liebe ist immer noch hoch oben auf der Prioritätenliste. Wir können sie aber neu definieren, nicht mehr nur auf eine Partnerschaft reduzieren.
Meyer: Liebe ist das Wichtigste im Leben. Es kann schädlich sein, alles sofort aufzugeben, sobald es einem nicht mehr passt. Genauso aber das Einlassen auf schlechte Kompromisse, nur um nicht verlassen zu werden.
Tapert: Natürlich ist das Leben schöner mit einem Mann an der Seite. Aber Frauen täuschen sich, wenn sie glauben, sie brauchen einen zum Überleben. Sie haben heute tolle Jobs und können sich ein Leben ohne Mann leisten.
Meyer: Ich könnte das problemlos. Aber ich bin 35 und hätte gerne einmal Kinder. Ich kann noch so emanzipiert sein, dieser Wunsch ist da. Dafür wünsche ich mir einen liebevollen Partner, der Freude an Kindern und an mir hat. 
Tapert: Das kann ich nachvollziehen. Ich habe zwei Kinder und vier Enkel.

Sagen Sie unseren männlichen Lesern zum Schluss, was Sie sich von Männern wünschen.
Meyer: Stolz hat in der Liebe wenig verloren. Wenn ich jemandem mein Herz schenken soll, dann muss er den Stolz überwinden können, sich auch ein Stück weit verletzlich machen – genauso wie ich das tue.
Tapert: Präsenz. Das wird sehr oft nicht verstanden. Aber gerade wenn es um Sex geht, will ich nicht, dass der Mann sein Kopfkino anschaltet. Er muss mit seinem Herz, seinem Hirn und seinem Schwanz ganz bei mir sein.

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