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Jobwechsel

Vier Menschen wagen mit 50 den Neuanfang

Altes Eisen? Von wegen! Vier Ü50er zeigen uns, 
wie sie beruflich nochmals Durchstarten. 
Von der Schulbank 
über den Mechaniker-Tisch 
bis zum Kuhstall.

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Wer ist hier der Lehrling? Coni Steger (r.) mit ihrer 25 Jahre jüngeren Berufsbildnerin Samida Brunold.

Joseph Khakshouri

Coni Steger, 52, Neftenbach ZH 
Früher: Papeteristin / Hausfrau 
Heute: Fachbetreuerin Gesundheit

Joseph Khakshouri

Liebevoll: Coni Steger mit dem behinderten Lian 
in der Sonderschule Sandacker in Schaffhausen. 

«In jungen 
Jahren war mir die Ausbildung egal»

Geduld ist für diesen Job eine wichtige Qualität: Im Schulhaus Sandacker in Schaffhausen hilft Coni Steger dem behinderten Lian, 9, die Anfangsbuchstaben 
für die Bilder auf den Kärtchen 
zu finden. Sie schmunzelt und sagt: «So schnell wie heute war er noch nie.» 

Samida Brunold, ihre Berufsbildnerin, schaut ihr dabei zu. Sie ist 25 Jahre jünger als Steger, doch das macht der 52-Jährigen nichts aus: «Es geht ja um die Arbeit – da spielt das Alter keine Rolle.»

Ein knappes Jahr später ist Steger heute diplomierte Fachperson Betreuung und arbeitet 
zu 70 Prozent in einer heilpädagogischen Schule im Zürcher Weinland. Doch bis dahin ist es ein langer Weg gewesen.

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Diplom in der Tasche: «Meine erwachsenen Söhne sind stolz darauf, was ich erreicht habe.»

Joseph Khakshouri

Als Kind und Jugendliche 
geht Steger nicht gerne zur Schule. Sie «bringt sie hinter sich» 
und lässt sich zur Papeteristin ausbilden. Danach sucht sie einen Bürojob und geniesst das Leben. «Mir war die Ausbildung egal, 
ich lebte für den Ausgang und meine Freunde», sagt sie rückblickend. Ihre eigene Mutter habe ihr damals gesagt, sie werde das irgendwann bereuen. Sie sollte recht behalten. «Auf einmal bedauerte ich, keine Matur und keine gute Ausbildung gemacht zu haben.» 

Stolz auf den Neuanfang

Als ihre Söhne älter werden, nimmt sie einen Job in einer heilpädagogischen Einrichtung an. Ihre Schulleiterin legt ihr nahe, sich zur Fachperson Betreuung ausbilden zu lassen. Sie ist begeistert. Und ihre Familie? Ihr Mann und die beiden über 20-jährigen Söhne unterstützen sie. «Sie haben mich aber auch mal hoch genommen, wenn ich mich vor dem Lernen drückte.» 

Heute sind Familie und Freunde stolz darauf, dass sie in ihrem Alter nochmals neu angefangen hat. Und sie selbst? «Ich bin rundum zufrieden, der Neuanfang war die beste Entscheidung.»

Jürg Gebhard, 52, Wildegg AG
Früher: Gefängnischef
Heute: Landwirt

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Angekommen: Jürg Gebhard in seinem Lehrbetrieb in Gränichen AG, wo er nun eine Festanstellung hat. 

Joseph Khakshouri

«Lebensqualität ist mir wichtiger als der Lohn»

Jürg Gebhard kommt in seinem Leben immer wieder an den Punkt, an dem er sich sagt: «Das kann es noch nicht gewesen sein. Ich habe Lust auf etwas Neues.» Zum ersten Mal mit 19 Jahren. Nach dem Lehrabschluss als Zimmermann meldet der Aargauer sich für die Polizeischule an. Dort ist er zuletzt Postenchef. 

Bis er mit 41 genug hat und sich für eine Stelle als Leiter im AKW Gösgen bewirbt. «Die Arbeit gefiel mir, aber ich konnte mir nicht vorstellen, sie bis 65 zu behalten», sagt er heute. Seine nächste Station: das Bezirksgefängnis Zofingen AG, wo er bis 50 als Gefängnisleiter amtet. «Eine spannende Tätigkeit, aber ich wollte so gern in der Natur arbeiten.»

Joseph Khakshouri

Büffeln: Weil Gebhard schon einen anderen Beruf erlernt hat, kann er 
die Ausbildung zum Landwirt 
in zwei Jahren abschliessen. 

So sucht der Vater einer Tochter eine Berufsberaterin auf und erzählt ihr, er wolle Bauer oder Förster werden. Sie guckt ihn lange an und sagt ihm unverblümt, dass er in beiden Berufen nicht glücklich werde. Doch sein Traum, mit Tieren zu arbeiten und draussen den Launen des Wetters standzuhalten, ist grösser. 

Er findet eine Lehrstelle im Kanton und büffelt im Landwirtschaftlichen Zentrum in Gränichen AG mit seinen viel jüngeren Mitschülern Getreidesorten und Landmaschinendetails. Das macht ihm ebenso wenig aus wie der Lehrlingslohn von 610 Franken netto. «Mir ist die Lebensqualität viel wichtiger.» Allerdings müssen er und seine Frau – sie ist Lehrerin – in dieser Zeit auf das Ersparte zurückgreifen. 

Heute hat er die zweijährige Ausbildung abgeschlossen und arbeitet zu 100 Prozent als Landwirt im Ausbildungsbetrieb, wo er zur Schule ging. Und endlich kann er sagen: «Ich bin angekommen.»

Markus Schmidt, 51, Neunkirch SH
Früher: Wirt / Kellner
Heute: Produktionsmechaniker

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Fokussiert: Markus Schmidt in der Produktionshalle des Medizinaltechnikherstellers Zanol in Neunkirch SH. 

Joseph Khakshouri

«Ich bin froh, trifft der Lohn regelmässig ein»

Nachdem sein Lohn wieder einmal nicht ausbezahlt worden ist, hat Markus Schmidt genug. Er kündigt seinen Job. 
34 Jahre lang war er im Gastgewerbe tätig – mal als Kellner, mal als Koch. Zudem machte er das Wirtepatent und betreute Lehrlinge. «Mit 48 habe ich beschlossen, die Branche zu wechseln.»

Nur 25 Meter von seinem Zuhause in Neunkirch SH steht die Firma Zanol, ein Herstel
ler von Medizinaltechnik. Weil sich Schmidt für den Beruf 
des Produktionsmechanikers interessiert, bewirbt er sich. Der Chef, Markus Gross, 65, ist ihm auf Anhieb sympathisch, obwohl er ihm anfangs keine Stelle geben kann. 

Doch der alleinerziehende 
Vater von drei Kindern im Alter zwischen drei und 18 Jahren bleibt hartnäckig. Immer und 
immer wieder meldet er sich bei der Firma, beteuert, wie gerne er für sie arbeiten würde. 

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Erfahrung zählt: Markus Schmidt (r.) mit seinem Chef Markus Gross. 

Joseph Khakshouri

Irgendwann wird Gross weich: «Ich gebe Menschen gerne eine Chance.» Zudem bezahlt die regionale Arbeitsvermittlung RAV Einarbeitungszuschüsse, was die Einstellung eines «Beinahe-Fünfzigjährigen» laut Gross einfacher gemacht habe. 

Ordentlich und organisiert

Mittlerweile dreht, fräst und montiert Schmidt seit rund zwei Jahren bei Zanol, im Frühling absolviert er seine Lehrabschlussprüfungen. Von der Firma gibt
 es nur Lob: «Er bringt wertvolle 
Erfahrungen mit», sagt sein Chef. Schmidt sei sich eine effizien
te Arbeitsweise gewohnt, er sei ordentlich, organisiert und kenne sich mit Hygiene aus. 

Und Markus Schmidt selber? Er ist glücklich darüber, dass 
er den Neuanfang gewagt hat. «Und ich bin froh, dass mein 
Lohn regelmässig auf dem Konto eintrifft.» 

Caroline Imfeld, 52, Giswil OW
Früher: Hausfrau
Heute: Studentin Soziale Arbeit

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Lange Tage: Die Mutter von drei Kindern absolviert gerade ein 60-Prozent-Praktikum im Sozialdienst.

Joseph Khakshouri

«Meine Kinder waren sofort
 einverstanden»

Vorlesungen, Seminare, Arbeit, Einkaufen, Vorkochen, gemeinsames Essen, Lernen. Die Tage von Caroline Imfeld sind lang, 
sie enden selten vor Mitternacht. «Mir reichen sechs Stunden Schlaf.»

Mit 16 lässt sie sich zur Hochbauzeichnerin ausbilden, dann besucht sie die Handelsschule und arbeitet in einem Büro, bis 
sie ihre erste Tochter gebärt. In den folgenden Jahren kommen zwei weitere Kinder, eine Pflegetochter und zwei Tagesbetreuungssöhne dazu. Doch das ist nicht genug Programm für die energiegeladene Frau: In ihrem Dorf Giswil OW übernimmt sie das Mutter-Kind-Turnen und 
die Spielgruppe. «Damals wurde mir klar, dass ich gerne im sozialen Bereich arbeite», sagt die 52-Jährige.

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Motiviert: Zwei Semester an der Fachhochschule Luzern hat Caroline Imfeld bereits geschafft.

Joseph Khakshouri

Je älter ihre jüngste Tochter wird, desto stärker meldet sich 
ihr Wunsch, doch noch zu studieren. Pünktlich zum Lehrbeginn ihrer Tochter hat Caroline Imfeld die Berufsmatur in der Tasche und kann das Studium der sozialen Arbeit aufnehmen. Heute ist sie im dritten Semester an der Fachhochschule in Luzern und arbeitet 60 Prozent als Praktikantin im Sozialdienst der Gemeinde Baar ZG. Ihr Lohn: 1450 Franken pro Monat. 

Zu Hause hat jeder sein Ämtli, damit Mama Imfeld Zeit zum Lernen bleibt. «Meine Kinder waren sofort einverstanden damit. Und obwohl die Wäscheberge 
bisweilen riesig sind, klappt es ganz gut», sagt sie und lacht.

Von Muriel Gnehm am 28.01.2019
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