Pater Martin Werlen Seine etwas andere Wall-Fahrt ins Heilige Land

Vier Monate lebte Pater Martin Werlen, der frühere Abt von Einsiedeln, in Jerusalem. Er schrieb ein provokatives Buch und besuchte den umstrittenen Grenzschutz-Wall auf Palästinensergebiet. Die «Schweizer Illustrierte» hat ihn auf seiner speziellen Wall-Fahrt begleitet.

Selbst ein Gruss kann in Jerusalems Altstadt einen Religionskrach auslösen. Wenn man sich in der Sprache irrt. Man sollte schon präzise wissen, ob man sich im christlichen, jüdischen, muslimischen oder armenischen Quartier befindet. Ob man hebräisch Schalom oder arabisch Salam grüssen muss. Martin Werlen, 52 Jahre alt, früherer Abt und nun wieder gewöhnlicher Pater aus dem Kloster Einsiedeln SZ, kennt Jerusalems Quartier- und Grussgrenzen bestens. Mit wehender Kutte eilt er durch die Altstadt, ruft einem jüdischen Studenten Schalom zu, grüsst einen Palästinenser mit Salam («der bäckt himmlische Süssigkeiten»), parliert mit italienischen Pilgern und posiert lachend mit indischen Touristen, die ihn für eine Vatikan-Hoheit halten und ihm die Hand küssen. Jerusalem, die Heilige Stadt genannt, bietet göttliche Historie, himmlische Düfte, höllisches Gedränge und eine Überdosis Religion.

Pater Martin biegt in die Via Dolorosa ein, jene Gasse, in der Jesus sein Kreuz bis zur Hinrichtungsstätte schleppte. Heute stauen sich hier Pilger aus Südamerika, alle mit gelben «Ave Maria»-Halstüchern uniformiert. Von den Moscheen rufts Allahu akbar, Gott ist gross, Kirchenglocken hallen, und ein hohlwangiger Jüngling in Jesus-Sandalen und Büssergewand schluchzt ein Gebet. Überwacht wird die ganze Szenerie von jungen israelischen Soldaten mit Milchbärten, Kugelwesten und M16-Sturmgewehren. «Ist das nicht unglaublich faszinierend hier?», meint Pater Martin. Ein obdachloser Palästinenser, alt, zahn- und mittellos, ergreift seine Hand: «Salam, Mister Martin.» Der Pater staunt: «Sie kennen mich noch?»

Martin Werlen ist für ein paar Tage nach Jerusalem zurückgekehrt. Fast vier Monate lang, Frühling und Sommer dieses Jahres, lebte er hier, an diesem für Muslime, Christen und Juden heiligen Ort, diesem Schmelztiegel von Kultur, Kulinarik und Religion, dem Mekka der religiösen Zankerei, wo ohne Unterlass geglaubt, gebetet, gelitten und gestritten wird. «Und wo ich von Fanatikern auch schon angespuckt wurde», sagt der Pater. Die Stimmung hier könne schnell kippen: Wenn aus Verzückung Verblendung wird und gar Fanatismus, dann sterben Menschen. So wie letzte Woche, als Palästinenser betende Juden töteten. Sieben Menschen starben. Wie angespannt die Situation ist, hat Pater Martin mehrmals selber erfahren. Allein das Zusammensitzen mit jungen Palästinensern machte das deutlich: Bald kam die Polizei und kontrollierte. «Die meinten, wir handeln mit Drogen.»

Nachdem Werlen Ende 2013 als Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln zurückgetreten war, erhielt er eine Auszeit, ein Sabbatical. Im Heiligen Land fand er Ruhe und Anregung, machte sich Gedanken und Notizen - daraus wurde ein Buch: «Heute im Blick». «Es wird zu reden geben», weiss der Pater. Die Kirche sei für den Menschen da, nicht der Mensch für die Kirche, lautet eine seiner Kernbotschaften. Die Kirche müsse wieder zu den Leuten gehen, sie dort abholen, wo sie im Alltag stehen. Werlen legt den Finger auf die wunden Punkte, dorthin, wo die Kirche den Menschen nicht erreicht, nicht erreichen will: Er schreibt über die Rolle der Frau, über Familie, Homosexualität, Suizid und gebauchpinselte Kirchenfürsten, die sich lieber in Äusserlichkeiten und theologischen Spitzfindigkeiten verlieren, als die wahren Nöte der Menschen wahrzunehmen. «Wir Ordensleute sollten wieder Brandstifter des Glaubens sein, Aschenhüter sind bei uns fehl am Platz.» Manches aus Jerusalem hat ihn beim Schreiben inspiriert. Selbst Vogelschiss auf die Mönchskutte findet sich im Buch wieder: «Viele Theologen denken leider selten daran, dass es noch andere Vögel gibt als den Heiligen Geist, und nicht alles Gnade ist, was von oben kommt.»

Keine Autobus-Stunde südlich von Jerusalem liegt Jesu Geburtsort, Bethlehem. Ein kurzer Weg – in eine andere Welt. Hier ist Westjordanland, palästinensisches Autonomiegebiet. Entlang der Grenzlinien mit Israel (aber immer auf palästinensischem Boden) verläuft eine israelische Sperranlage, 759 Kilometer lang, an manchen Stellen mit einer acht Meter hohen Mauer aus Stahlbeton befestigt, ein Schutzwall, mit dem sich Israel vor Selbstmord-Attentätern schützen will. Von einem Bollwerk gegen den Terrorismus spricht Israel, die Palästinenser nennen es Käfig, und für den Rest der Welt symbolisiert die Mauer die unlösbaren Probleme im Nahostkonflikt.

Still und sichtlich betroffen marschiert Pater Martin auf der palästinensischen Seite dem Wall entlang, fotografiert mit seinem iPhone Mauersprüche und Graffiti und winkt den israelischen Soldaten im Wachturm zu. Keiner winkt zurück. Dem Schweizer Fernsehen gab er hier einst ein Interview, sagte damals, Mauern seien nie eine Lösung. Für diese Aussage büsste er später mit einem Protestbrief des Schweizerischen Baumeisterverbandes. Manchmal kann der Pater so herrlich frech spitzbübisch lachen.

Nur 300 Meter von der Mauer entfernt steht das Kinderspital Bethlehem. «1952 gründete der Schweizer Pater Ernst Schnydrig, ein Walliser, dieses Spital», erzählt Pater Martin, und es ist nicht ganz klar, worauf er stolzer ist: dass der Wohltäter ein Pater war oder ein Walliser – wie er auch. Über 32'000 Kinder pro Jahr werden im Spital behandelt, erzählt Chefärztin Dr. Marzouqa. Viele Babys leiden an Infektionen, Atemwegs- und Erbkrankheiten. Die Ärztin reicht Werlen die sieben Tage alte Lourdes, das Mädchen ist eine Frühgeburt. «Ein so winziges Baby hatte ich noch nie im Arm», sagt der Pater ein klein wenig unsicher. Im Brutkasten nebenan lag ein zwei Wochen altes Baby aus dem Gazastreifen mit Hirnhautentzündung; letzte Nacht, sagt Dr. Marzouqa, sei es gestorben.

Später, beim Besuch der Geburtskirche in Bethlehem, wird Pater Martin erzählen, wie froh und traurig zugleich ihn ein Besuch des Babyspitals jedes Mal macht. Mit Kindern kann er es gut. Im Kloster Einsiedeln unterrichtet er Gymischüler in Religion. Werlen ist beliebt, sein Humor legendär. Ein Schüler meinte einmal: «Sie sind eine Mischung aus Gandhi und Mister Bean.»

Zurück nach Israel, nach Jerusalem. Über den schwer bewachten Checkpoint, durch lange Gittertunnels, gefilmt, gefilzt, befragt, Gepäck und Mensch durchleuchtet. Erstaunlicherweise hat der junge Israeli bei der Passkontrolle keine Ahnung, wo die Schweiz liegt. Dabei könnte ihm Pater Martin gar zeigen, wie sein Daheim aussieht. «In jedem Schweizer Pass», sagt der Mönch, und ein klein wenig Stolz sickert durch, «findet man auf Seite 12, oben links, ein Bild des Klosters Einsiedeln.»

Eine Palästinenserfamilie aus Jerusalem, Muslime, hat den Pater heute zum Znacht eingeladen. Kennengelernt hat er sie im Frühling im Bazar der Altstadt, wo sie einen Laden führen. Werlen ist fasziniert von ihrer Gastfreundschaft. «Etwas, was wir in der Schweiz wieder lernen müssen», sagt er und spricht dann lange und flammend über das Asylwesen in der Schweiz. Wie schrieb er noch in seinem Buch: Brandstifter des Glaubens statt Aschenhüter. Es ist wohl kein Zufall, dass das Hintergrundbild auf seinem Handy ein loderndes Feuer zeigt.

Nun muss er sich aber sputen. Kreuz und quer durch die Altstadt, treffsicher im Grüssen, da ein Schalom, dort ein Salam. Wobei, eigentlich befinde er sich sowieso ständig auf Palästinensergebiet, selbst in Einsiedeln ... Er deutet auf seine schwarzen Lederschuhe. Die seien in Hebron gefertigt worden, im Westjordanland, ennet der Mauer. «Auf diesen Sohlen wandle ich somit stets auf palästinensischem Boden.»

«Heute im Blick - Provokationen für eine Kirche, die mit den Menschen geht.» Martin Werlen, Verlag Herder, CHF 21.90.

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