Zu Besuch beim Snow-Polo-World-Cup Galopp gegen die Langeweile

Der Snow-Polo-World-Cup in St. Moritz. Zwischen modernen Gladiatoren, schwitzenden Pferden und der ewigen Suche nach dem ultimativen Kitzel - eine Reportage. 

Der Tweed muss überall gezwickt haben damals. Am Hintern, im Schritt, an den Oberschenkeln. Als sich der britische Adel vor 150 Jahren auf die Eisfläche wagte und dem Eierblas-Wettkampf frönte. Auf allen vieren pusteten die Herren Eier über eine Eisfläche. Und die Damen spielten sie mit einem Holzpaddel zurück. Etwas infantil, aber splendid, herrlich! Langeweile führt ebenso zu genialen wie bizarren Dingen. Was das mit Snow Polo zu tun hat? Alles. 

Mittwochmorgen in St. Moritz Bad. Das Thermometer zeigt minus 18 Grad. Ein blauer Maserati Levante braust heran. Vor dem Pferdestall steigt ein grosser Mann mit Jeans und Sonnenbrille aus. Tito Gaudenzi, 32, Schweizer Poloprofi. Sein Vater Reto Gaudenzi hat das Snow Polo erfunden, das Turnier in St. Moritz 1985 aus der Taufe gehoben. 

 
Snow Polo nach China und Kitzbühel 2017 in St. Moritz
© Remo Nägeli

Heimspiel: Der St. Moritzer Tito Gaudenzi ist Polo-Profi und sagt: «Luxus ist Teil unserer Welt, aber der Sport ist hart.»

An diesem Wochenende spielt Tito im Team Badrutt's Palace gegen die Mannschaften von Cartier, Maserati und Perrier-Jouët. Er führt in den Stall. 20 Boxen, 
19 Pferde. Alle in Paris gemietet und in die Berge transportiert. Sieben Pferdepfleger, sogenannte Grooms, aus Argentinien, Frankreich, den USA und Österreich wuseln herum. Die Zuchtstuten und -hengste gehören zur Rasse Polo Argentino, einer Mischung aus argentinischen Criollos und englischen Vollblütern. Hier drinnen steht ziemlich viel Geld auf Hufen - und Handelsware für die Spieler, die sowohl im An- und Verkauf als auch als Züchter ihr Geld verdienen. Je nach Alter, Herkunft und Erfahrung kann ein Pferd zwischen 5000 und 250'000 Franken kosten. 

Die 16 Spieler der vier Teams zählen auf insgesamt 80 Pferde. Im Stall werden sie rasiert, damit sie sich in der beissenden Kälte nach getaner Arbeit nicht erkälten. «Die Pferde sind das Wichtigste», sagt Gaudenzi. «Am Ende des Tages heisst es: Ross, Ross, Ross!» Er, der in seiner Kindheit in St. Moritz die Primarschule besucht, wächst im «Palace» auf, sein Vater ist damals 
General Manager des Hotels. Tito sitzt mit 5 Jahren erstmals auf 
einem Pferd, mit 14 entdeckt er das Polo, macht später einen Business-Bachelor in Deutschland, geht mit 20 ins Polo-Eldorado nach Argentinien. Heute wohnt er in Miami, führt eine Eventagentur und besitzt das Snow-Polo-Turnier in Kitzbühel, das sein Vater aufgebaut hat. 

Die Pferde sind das Wichtigste. Am Ende heisst es Ross, Ross, Ross!

«Gooooo Daddy», schreit eine Frau. Auf dem Arm schaukelt sie ein Baby. Auf dem Kopf wippt ein Waschbär. Sie trägt ihn mit erhabenen Gesichtszügen wie eine Krone. Es ist Freitagmittag, mitten auf dem St. Moritzersee. Cartier und sein englischer Star Chris 
Hyde weisen Perrier-Jouët in die Schranken. Die 184 mal 90 Meter des Polo-Felds sind perfekt präpariert. 5000 Kubikmeter Schnee wurden dafür produziert und verteilt. Dazu kommt die Infrastruktur mit Tribünen und Zelten, die mit 2600 Tonnen aufs Eis drücken. Aber der Januar war kalt. Das Eis ist 50 Zentimeter dick. Sie könnten auch noch ein paar Elefantenbullen heranschaffen. Keiner würde hier einbrechen. 

 
Snow Polo nach China und Kitzbühel 2017 in St. Moritz
© Remo Nägeli

Schneeteppich für die Pferde: Der sieben Tonnen schwere Pistenbully bereitet nach den Spielen das Polo Feld vor. Falls er einbricht, schützen ihn Schaumtanks vor dem Sinken.

In einem kleinen Zelt ist die Team-Garderobe. Tito Gaudenzi sitzt mit seinen Mitspielern auf Plastikstühlen, zieht die Stiefel an, legt die Bambusstöcke bereit. In der Ecke richtet sich Melissa Ganzi die Haare. Die Amerikanerin hat schon mit Prinz William und Prinz Charles gespielt, richtet Polo-Turniere für Jugendliche, weniger Betuchte und Schwule aus, ist Tochter und Erbin des milliardenschweren Autohändlers Victor Potamkin. Ihr Mann Marc Ganzi hat ein Vermögen in der 
Telekommunikationsbranche gemacht und spielt selbst exzellent Polo. Auf ihrem üppigen Anwesen in Wellington, Florida, steht eine Pferdefarm mit 120 Ställen, und statt auf einen verwunschenen Garten mitsamt Pool blicken sie auf ihre zwei Polo-Felder, die zusammen 10 Hektar gross sind. Das sind 100'000 Quadratmeter. Oder 10 Fussballfelder. Sie ist Patronin des Teams. Die Patrons bezahlen ihre Mitspieler, sind selbst aber meilenweit vom Können der Besten entfernt. Das ist der Reiz und die Besonderheit des Polos. Es 
ist, wie wenn Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch auch noch die Flanken von Diego Costa einnicken wollte. 

 
Snow Polo nach China und Kitzbühel 2017 in St. Moritz
© Remo Nägeli

Die Chefin und ihr Team: Die Amerikanerin Melissa Ganzi (M.) macht sich vor dem Spiel mit Tito Gaudenzi (l.) und Jesse Bray bereit.

Ganzis Star ist der Argentinier Alejandro Novillo Astrada. Er wird anständig entlöhnt. 40'000 bis 50'000 Franken an einem Wochenende. Er hat Handicap 8. Das Maximum ist 10, das Minimum minus 2. Ganzi hat Handicap 0. Sie spielt dennoch auf der offensivsten Position, weil das am meisten Spass macht. Es ist das Privileg der Patrons. Richard Britton, ein britischer Patron, bringt den Reiz für die Superreichen auf den Punkt: «Wer auf einem schönen, voll austrainierten Pferd in unglaublichem Speed reitet, fühlt sich viel lebendiger als einer, der einen Ferrari rund um einen Eis-Rink fährt. Ich kann mir keinen anderen Sport vorstellen, der eine solche Lebensqualität, ein Gefühl von Geschwindigkeit, Gefahr und Glücksgefühl, hervorruft.» 

Snow Polo nach China und Kitzbühel 2017 in St. Moritz
© Remo Nägeli

Nebelmeer: Die Pferde im Zelt auf dem See dampfen, wenn sie vom Eisfeld hereinkommen. Obwohl ihr Einsatz kaum mehr als zwei, drei Minuten dauert.

Während der vier mal sieben Minuten Spielzeit werden die Pferde alle drei bis vier Minuten gewechselt. Jeder reitet pro Spiel vier bis fünf Pferde. Denn die Antritte, die abrupten Richtungswechsel und Stopps gehen an die Substanz. Selbst die schwächeren Spieler sind allesamt exzellente Reiter. Die Dynamik und Wucht einer Gruppe aus acht Pferden, die mit 50 bis 60 Stundenkilometern den Banden entlangprescht, ist von atemberaubender Schönheit. Aber wer stürzt und vor 
die Hufe gerät, muss sich fühlen 
wie in einem Gartenhäcksler. 7:1 
gewinnt Badrutt's Palace gegen Maserati. Gaudenzis Anspannung weicht, er lächelt. Dreimal hat er sich schon die Nase gebrochen, zweimal den Kiefer, ein paar Rippen krachten. «Dazu hatte ich drei Bandscheibenvorfälle, und die hier habe ich neu», sagt er und klopft mit dem Zeigefinger gegen seine Schaufelzähne. 

 
Snow Polo nach China und Kitzbühel 2017 in St. Moritz
© Remo Nägeli

Abgeworfen: Ein Sturz vom Pferd passiert ab und zu - das Schneemobil mit dem Arzt ist aber innerhalb Sekunden zur Stelle.

James Beh ist etwas angesäuert. Der Besitzer einer malaysischen Kette von Privatspitälern hat gerade mit seinen drei Söhnen für Maserati gespielt und lässt einen ahnungslosen Journalisten - den er wohl für einen Offiziellen hält - wissen, was für Versager die Schiedsrichter seien. «Oh, my friend, they fucked up», sagt er, «die habens versaut!» Dann hält die Kamera des Organisators auf ihn. Beh lächelt. «St. Moritz ist das beste Turnier! Ich war schon in Aspen, in Palermo - aber das hier schlägt alles.» An der Siegerehrung bekommt er Bündnerfleisch und eine Flasche Royal Salute Blended Scotch Whisky, 21-jährig.

«Godfather of Snow Polo» wird Reto Gaudenzi auch genannt. Er grinst in die Mittagssonne. Sein Turnier brummt. Die 800 Plätze in den VIP-Zelten sind am Wochenende ausverkauft. Und das bei Preisen zwischen 650 und 850 Franken. «Die Deutsche Bank und Cartier bringen ihre Superkunden, das ist unser Business in St. Moritz. Wir leben vom Tourismus. Und das hier ist das Luxussegment. Die Leute fliegen von überall her ein. Abu Dhabi, Aserbaidschan. Der Jetset halt. All die Privatflieger, die hier über uns hinwegdonnern. Wohin, meinen Sie, wollen die?» Als sie 1985 begannen, hatten sie ein einziges Zelt, einen Wintersturm, der fast alles fortblies, aber vor allem genug Champagner. «Champagner ist ein guter Animator. Wir hatten trotz allem eine Riesenstimmung und am zweiten Tag die Bude voll. Wissen Sie, die Leute langweilen sich, die wollen etwas geboten bekommen.»

Er weiss, welche Klientel er bedient. Die englischen Touristen, die vor 150 Jahren erstmals auch die Winter in St. Moritz verbrachten und teilweise bis zu Ostern blieben, durchbrachen die Monotonie von Breakfast, Lunch und Supper mit dem «Outdoor Amusement Comittee». Ihnen fielen Dinge ein wie Ballon-Hockey, Figurenfahren auf Stelzenschlittschuhen - und eben: Eierblasen. Bis sie 1884 etwas schufen, das Bestand haben sollte: den legendären Eiskanal Cresta Run.

Die Leute langweilen sich. Die wollen etwas geboten bekommen

Samstagabend im Badrutt’s Palace. Die Teams und der Geldadel treffen sich zum Galadinner. Black Tie, prunkvolle Abendroben, junge Schönheiten, zeitlose Schönheiten und solche, welche die Zeit mit aller Gewalt festhalten wollen, im bunten Reigen. Joevy Beh, der Sohn von James Beh, macht sich Gedanken über den Auftritt seiner Familie. «Es ist etwas unglücklich, dass wir unsere Pferde nicht mitgebracht haben. Sie sind in Argentinien und Malaysia. Wir haben eine ganze Flotte. 40 Pferde. Aber es zählt auch das Soziale. Beim Drumherum ziehe ich Europa vor. Es geht auch um die Party.»

Snow Polo nach China und Kitzbühel 2017 in St. Moritz
© Remo Nägeli

Jetset 2.0: Die gut betuchten Damen wollen die Einlage der Tänzer aus Baku für die Nachwelt auf dem Handy festhalten.

In St. Moritz Bad im Stall. Die Grooms haben ihre Arbeit beendet. Seit 7 Uhr früh haben die Österreicherin Klarina Pichler und ihre Kollegen die eigentlichen Stars gefüttert, ausgemistet, die Pferde auf Hochglanz geputzt und bandagiert. Eingeritten, zugedeckt, heimgebracht, das Zaumzeug mit Sattelseife gewaschen und die Pferde erneut gefüttert. Die Grooms wohnen im Hotel Sonne. Die Zimmer kosten zwischen 60 und 130 Franken. Pedro ist Melissa Ganzis eigener Groom. Sie hat ihn First Class aus Miami einfliegen lassen. Sie offeriert ihm gerne alle Annehmlichkeiten. Es heisst, sie verhätschelt ihn ein ganz klein wenig. Aber hier schläft er wie die anderen in der Holzklasse, nicht im «Palace». Sonst wäre ihre Welt aus den Fugen. 

Der weltbeste Polo-Spieler, der Argentinier Alfredo Cambiaso, lässt die besten Pferde inzwischen klonen. Von einer besonders wertvollen Stute hat er sechs Klone geschaffen. Er nennt sie Cuartetera 1 bis 6. Bei einem der wichtigsten Turniere in Palermo bei Buenos Aires hat er alle geritten - und gewonnen. Klonen sei die Zukunft, heisst es. Hier in St. Moritz sind die Pferde noch verschieden. Sie heissen Nafta, Pibe oder Sufa. Und um 10 Uhr nachts kommt Klarina Pichler nochmals vorbei. Es gibt ein paar Streicheleinheiten. Und einen Gutenachtkuss.

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