Fünf Frauen erzählen ihre Geschichte So leben Musliminnen in der Schweiz

Zur Burka verpflichtet, zwangsverheiratet, unterwürfig: Über muslimische Frauen wird viel geredet – mit ihnen jedoch kaum. 170 000 Musliminnen leben in der Schweiz. Fünf Frauen erzählen, wie Allah ihr Leben gerettet hat, warum sie nicht in die Badi gehen, weshalb sie einen Rechtsaussen-Politiker lieben und warum sie es müde sind, ihre Religion zu verteidigen. 

Merve Sulemani: «Kopftuchzwang? Das kann nicht in Allahs Sinn sein!»

Das mag manche überraschen, aber ich bin Feministin. Die politische Gleichberechtigung von Mann und Frau steht in keinem Widerspruch zu den islamischen Schriften – im Gegenteil! Die Unterdrückung der Frau, wie wir sie in gewissen muslimischen Ländern erleben, ist kulturell bedingt, nicht religiös. Auch in der Schweiz herrscht immer noch ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Ein erkennbarer Muslim wird hier nie so häufig angegriffen wie eine Muslimin, die Kopftuch trägt. Das ist wahrlich Unterdrückung.

Ich war 20 Jahre alt, als ich mich entschieden habe, ein Kopftuch zu tragen. Es war eine persönliche Entscheidung. Meine Eltern haben sie begrüsst, aber sie würden mich genauso lieben, wenn ich kein Kopftuch tragen würde. Man darf niemandem etwas aufzwingen. Nie. In Glaubensangelegenheiten ist Zwang sogar besonders absurd. Allah ist gerecht und allbarmherzig. Wie kann es da in seinem Sinn sein, wenn jemand dazu gezwungen wird, ihn anzubeten oder ein Kopftuch zu tragen?

Für mich bedeutet der Hijab eine tägliche Lobpreisung, meine Verbeugung vor Allah. Ich bete auch fünfmal täglich, nehme am Freitagsgebet teil und faste im Ramadan. Diese Zuwendung zur Spiritualität ist auch eine Abkehr vom Konsum. Erst durch den Verzicht lernen wir wahre Wertschätzung. Das ist doch erstrebenswert, oder? Dankbarkeit und Demut vor dem Wunder des Lebens.

Weil mich die vielen Wunder dieser Welt so faszinieren, habe ich Biologie studiert. Bildung ist im Islam Pflicht. Nicht nur die religiöse, sondern auch die philosophische und naturwissenschaftliche. Religion ist bei Weitem nicht das Einzige, wofür ich mich interessiere und engagiere. Ich spiele zum Beispiel leidenschaftlich Basketball – ja, das geht – und lege grossen Wert darauf, einen möglichst kleinen ökologischen Fussabdruck zu hinterlassen. Und ich setze mich im Rahmen verschiedener Menschenrechtsorganisationen für eine friedlichere Welt ein, unabhängig von der Religionszugehörigkeit meiner Mitmenschen. Ein Muslim, eine Muslimin, die nicht für Frieden einsteht, hat die Botschaft Allahs falsch verstanden.

Leider werde ich wegen meines Kopftuchs immer wieder angegangen. Aber die Angriffe machen mich nur stärker. Ich habe eine dickere Haut bekommen. Und ich versuche, den Menschen zu verzeihen. Evolutionsbiologisch gesehen sind Vorurteile etwas natürlich Erlerntes, eine Schutzfunktion. Niemand ist frei davon – auch ich nicht. Eine Errungenschaft der Zivilisation ist aber, dass wir unsere antrainierten Reflexe hinterfragen und kontrollieren, statt ihnen blindlings zu folgen.

Wajma Engel: «Erst in der Schweiz wurde ich gezwungen, Kopftuch zu tragen.»

Musliminnen Wajma Engel
© Thomas Buchwalder

Wajma Engel, 41: SBB-Speisewagen-Wirtin, Schweizerin, Afghanin.

Die Schweiz und die Schweizer – ich liebe sie! Ich bin auch ein Riesenfan von Jesus. Und von Roger Köppel, Christoph Mörgeli – oh, und von Marine Le Pen. Ich weiss, ich weiss, das klingt verrückt. Aber das sind die Menschen, die meine Werte am besten verkörpern. Werte wie Fleiss, Tradition und Freiheit. Denn ich weiss vor allem auch, was es bedeutet, nicht frei zu sein.

Ich kam vor zwölf Jahren in die Schweiz, weil ich an einen hier lebenden Afghanen zwangsverheiratet wurde. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte. Mein Vater und mein Grossvater waren hochrangige Offiziere in der afghanischen Armee, bevor die Taliban die Macht ergriffen. Mein Vater wurde gefoltert, und meine Familie war gezwungen, nach Pakistan zu fliehen, weil sie sich weigerte, vor diesem Terrorregime auf die Knie zu fallen. Wir waren Teil des Bildungsbürgertums. Keine Frau in unserer Familie hatte jemals ein Kopftuch getragen. Bis auf mich. Weil die Familie meines Mannes mich in der Schweiz dazu zwang.

Chabu, wie Allah in meiner Muttersprache heisst, kann aber nichts dafür. Es ist bei Afghanen schlicht nicht Brauch, dass eine Frau ihren Partner wählt. Meine Familie meinte es gut, als sie mich an einen bekannten afghanischen Ex-Politiker vergab, der in der Schweiz diplomatisches Asyl erhalten hatte. Dennoch: Im Flugzeug habe ich nur geweint. Zu Recht! Mein Mann war grausam. Und todkrank. Nach nur einem Jahr starb er an Krebs. Aber damit war die Tortur nicht zu Ende. Die Familie meines Mannes fürchtete, dass ich ihrem Namen Schande bereiten könnte. Also sperrte sie mich ein und liess mich nicht ohne Schleier aus dem Haus. Vier Jahre lang war ich in Schockstarre. Bis zu dem Tag, an dem eine Tante, die in Frankreich als Ärztin arbeitet, zu Besuch kam und mir den Schleier zornig vom Kopf riss. Da wachte ich auf.

In Pakistan habe ich als Englischlehrerin und Journalistin gearbeitet. In der Schweiz war ich ohne die reiche Familie meines verstorbenen Mannes aber erst einmal nichts. Trotzdem habe ich mich stets geweigert, Sozialhilfe anzunehmen. Zuerst habe ich im McDonald’s gearbeitet, dann im Zugrestaurant. Dort habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Er ist Zugchef. Ich habe ihn gesehen und gedacht: Die Frau an seiner Seite muss die glücklichste Frau der Welt sein. Und dann kam heraus: Er war ledig!

Er ist der anständigste Ehemann, den man sich wünschen kann. Er ist Christ, ich bin Muslimin. Ich bin eher sozial, er ist eher streng. Er ist Schweizer Demokrat, ich bin Afghanin. Und wir lieben uns. So sehr! Dafür danke ich Chabu jeden Tag. Überall. Auch in der Kirche.

Emina Konjalič: «Ich bin Muslimin, wie ich Luzernerin und Schweizerin bin.»

Musliminnen Emina Konjalic
© Thomas Buchwalder

Emina Konjalič, 33: KV-Angestellte, Studentin der Slawistik und Geschichte, bosnienstämmige Schweizerin.

Mein Urgrossvater war ein Hodscha – ein muslimischer Pfarrer – und zwei meiner Cousins sind es heute auch. Ich stamme aus einer sehr religiösen Familie aus einer ländlichen Region in Bosnien. Bei uns sind alle Nuancen der Religiosität vertreten, von ganz liberal bis strenggläubig. Ich selbst würde mich als spirituell, aber nicht gläubig im streng islamischen Sinn bezeichnen. Ich bin eine weltliche Muslimin, eine Kulturmuslimin. An Wochenenden lege ich als DJane Musik auf, trinke hin und wieder Alkohol und rauche ab und zu eine Zigarette. Auch wenn meine Familie eher traditionell eingestellt ist, akzeptiert sie mein liberales Leben. So wie ich ihres.

Wir haben sehr tiefe Frauenbeziehungen in unserer Familie. Und sehr starke Frauen. Meine Grossmutter und meine Urgrossmutter waren alles andere als unterdrückte und unterwürfige Duckmäuschen. Zähe Bäuerinnen, die den Laden auch im Alleingang geschmissen hätten. Sie trugen Kopftuch, aber so wie ich es in der Schweiz auf dem Land bei alten Bäuerinnen schon gesehen habe. Eher praktisch als religiös. Meine Mutter trägt kein Kopftuch, und es empört sie, wenn Glaubensbrüder und -schwestern behaupten, das Kopftuchtragen sei Pflicht. Meine Mutter legte aber immer grossen Wert darauf, dass wir uns anständig kleideten. Miniröcke und bauchfreie Tops sah sie gar nicht gern. Meinem Urgrossvater, dem Hodscha, war es sehr wichtig, dass seine Töchter lesen und schreiben lernten, was damals in Bosnien selbst für Buben nicht selbstverständlich war. Darauf bin ich stolz.

Als ich in die Schweiz kam, war ich acht Jahre alt. Ich stamme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Meine Mutter war Schneiderin und danach Hausfrau, mein Vater arbeitete vor seiner Pensionierung in einem Stahlwerk. Meine Eltern haben mir ihre traditionellen Werte vermittelt, gleichzeitig lernte ich aber in der Schule und der Freizeit mit Freunden eine viel offenere Lebenshaltung kennen. Diese Ambivalenz und Zerrissenheit habe ich früh gespürt. Aber ich habe gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen, indem ich das Beste aus beiden Welten in mir integrierte.

Muslimin, Bosnierin und Seconda zu sein, ist Teil meiner Identität. So wie Luzernerin, Schweizerin oder Sozialdemokratin zu sein. Ich bin ein Hybrid. Einen Widerspruch sehe ich darin nicht. Nicht mehr.

Fatima Moumouni: «Ich kann doch nicht ständig den Islam repräsentieren!»

Musliminnen Fatima Moumouni
© Thomas Buchwalder

Fatima Moumouni, 25: Spoken-Word-Poetin, Studentin der Ethnologie und Volkswirtschaft, Stadtzürcherin und Deutsche mit ghanaischen Wurzeln.

Dass ich Muslima bin, merkt man nicht auf den ersten Blick. Wenn, dann werde ich von Fremden nicht wegen meiner Religionszugehörigkeit, sondern wegen meiner Hautfarbe oder meines Namens angefeindet. Beides ist natürlich gleich dumm, aber seltsamerweise fällt es mir leichter, mich gegen Rassismus wegen meiner Hautfarbe zu wehren als gegen antimuslimischen Rassismus. Als Muslima habe ich ständig das Gefühl, ich müsse beweisen, wie «normal» ich trotz meinem Glauben bin und dass ich rational denken kann. Religiösen Menschen – auch Christen – wird generell oft die Fähigkeit zu kritischem Hinterfragen abgesprochen. Beim Islam kommt noch hinzu, dass man ständig dazu aufgefordert wird, sich von Terror und dem Patriarchat zu distanzieren. Als Mann muss man beweisen, wie wenig gewalttätig, als Frau wie wenig unterdrückt man ist.

Glauben ist etwas sehr Intimes. Etwas, was ich für mich leben will. Umso verletzender ist das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich will nicht ständig über meinen Glauben reden müssen. Es gibt 352'000 Muslime in der Schweiz. Dass die nicht alle gefährlich und scheisse sein können, erklärt sich von selbst. Und genauso wenig, wie ich für alle Deutschen, die in Zürich wohnen, oder für alle Ethnologie-Studentinnen sprechen kann, kann ich für alle Musliminnen sprechen. Ich kann doch nicht die ganze Zeit den Islam repräsentieren, ich habe im Fall auch noch ein Leben! Und die ganze Diskussion von moderat oder traditionell nervt mich. Ich habe es satt, als Vorzeigemuslima herumgereicht zu werden, einfach, weil man mir meinen Glauben nicht ansieht. Nur weil ich kein Kopftuch trage, bin ich keine schlechtere oder bessere Muslima oder wertvollere oder weniger wertvolle Bürgerin!

Für mich findet die Islamdebatte weitab von der Lebensrealität von Muslimen und Muslimas in Europa statt. Ich habe Freundinnen, die Kopftuch tragen und täglich rassistischen Übergriffen ausgeliefert sind: von dummen Sprüchen übers Angespucktwerden bis zu physischer Gewalt. Ein paar überlegen sich, ob sie überhaupt das Haus verlassen wollen – nicht, weil es ihr Mann verbietet, sondern weil sie keine Lust haben, sich den Anfeindungen auszusetzen. Das muss sich ändern.

Kaoutour Mekroud: «Im Islam ist die Scheidung das Verhassteste unter dem Erlaubten»

Musliminnen Kaoutar Mekroud
© Thomas Buchwalder

Kaoutar Mekroud, 45: Hausfrau, Mutter, Ehrenämtlerin, Schweizerin, Marokkanerin.

Was das Kopftuch für mich bedeutet? Wow (lacht)! Es ist der Glaube. Insgesamt. Glauben ist eine schwere Sache. Das muss man fühlen, spüren und begreifen. Das konnte ich früher nicht. Der Glaube war wie geerbt. Es dauerte lange, bis ich ihn selbst entdeckte. Das war in der Schweiz einfacher als in Marokko. Denn das Herausforderndste am Glauben ist, das aufrichtig anständige Verhalten, das er voraussetzt. Respekt und Barmherzigkeit – Nächstenliebe. Das habe ich erst hier erlebt. So gesehen hat die Schweiz mich bekehrt! Lustig, gell?

Ich war 21 Jahre alt, als ich hierherkam. Jung und abenteuerlustig. Oh, und ich habe damals ein weltliches Leben geführt! Mein erster Mann – ich bin jetzt zum dritten Mal verheiratet – war Tscheche. Ein Luxusauto-Händler. Goldküste, Mercedes, Designerkleider, Schmuck … Ich vermisse nichts davon! Mein Glaube hat mir gezeigt, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein. Es erstaunt die Leute, dass ich, die Kopftuch und Abaya trägt, bereits zum dritten Mal verheiratet bin. Aber im Islam ist die Scheidung das Verhassteste unter dem Erlaubten. Wäre ja dumm, das nicht auszunützen.

Von meinem jetzigen Mann hätte ich mich auch schon 50-mal scheiden lassen können. Männer – pfft. Allah, gib mir die Kraft, seinen Fahrstil noch einen Tag länger zu ertragen! Im Ernst: Er ist ein wundervoller Vater für unsere beiden Kinder. Meine Kleinste ist jetzt vier, der Grosse sechs. Jasmin, meine älteste Tochter aus zweiter Ehe, ist 20. Sie sind mein ganzes Glück.

Jasmins Vater ist Libanese. Von ihm habe ich mich nicht getrennt, er hat mich verlassen, als ich angefangen habe, ein Kopftuch zu tragen. Das war schmerzhaft. Ach, jeder hat ein Herz, jeder einen Kopf, und die führen uns. Meinen jetzigen Mann habe ich mit Kopftuch geheiratet. Er stammt wie ich aus Marokko. Seit wir verheiratet sind, hat auch er einen Schweizer Pass. Sein Geld verdient er im Fitnessstudio seiner Familie. So halte ich ihn aus dem Haus und unsere Ehe am Leben!

Spass beiseite: Als Jasmin geboren wurde, habe ich nebenher weiterhin gearbeitet. Im Callcenter, im Service: vier Leben und hundert Jobs. Jetzt engagiere ich mich noch in verschiedenen Vereinen zwecks Völkerverständigung, aber sonst geniesse ich es, voll und ganz für meine Kinder da zu sein. Das ist der einzige Luxus, den ich mir gönne.

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