Seit 47 Jahren bei der Rhätischen Bahn Unterwegs mit Streckenwärter Hämpi Felix

Er bahnt den Zügen den Weg. Der Engandiner Hämpi Felix ist Streckenwärter bei der Rhätischen Bahn. Er marschiert und kontrolliert seit 47 Jahren: Schienen, Schotter und Tunnels. Unterwegs in der Kälte mit dem Mann im orangen Gwändli.

Am Ende seines langen, kalten Arbeitstages. Nachdem der Mann mit dem orangen Gwändli 25 Kilometer marschiert ist, 
immer entlang der Gleise, über Schienenstränge, Schotter und Viadukte, durch Tunnel, Neuschnee und einsame Täler. Nachdem er Dutzenden Lokführern in ihren warmen Führerständen zugewunken hat, drängt sich die Frage auf: Herr Felix, wären Sie nicht auch gern Lokführer? «Ich? Niemals! Ich bin Handwerker, ich muss werken mit den Händen! 
Ich bin ugära Streckenwärter, waisch!» Sagt Hanspeter Felix. Der von niemandem so genannt wird. Hamp, Hämp, Hampi oder Hämpu sagen die Kollegen, er selber mag am liebsten Hämpi. Ja dann … Hämpi Felix, 62, Oberengadiner, wohnhaft in Samedan, schweizerdeutsch- und romanischsprachig, erklärt wie ein Physik- und strahlt wie ein Skilehrer und arbeitet seit Ewigkeiten für die Rhätische Bahn, 
die RhB. Hämpi ist Streckenwärter, er überwacht das Trassee auf Veränderungen und Beschädigungen. Keiner hat so viel Erfahrung und Wegkilometer wie Hämpi. Er kontrolliert und marschiert seit 47 Jahren. 

384 Kilometer misst das Streckennetz der Rhätischen Bahn. 115 Tunnel, 612 Brücken, 103 Haltestellen und Stationen müssen laufend (und laufend) kontrolliert werden. 


Ich bin ugära Streckenwärter, waisch

RhB-Depot Samedan, 5.30 Uhr. Am wichtigsten sind die Schuhe. Bequem, robust und warm müssen sie sein. Hämpi trägt schwarze Arbeitsschuhe, mit Gummisohlen in Bündner-Nusstorten-Dicke. Er setzt den Bauhelm mit hochklappbarem Gehörschutz auf, schnallt seine Bähnlertasche um und packt Handlampe und den «Selbst-Retter» ein, ein Not-Set mit Atemmaske und Sauerstoffflasche für Brandfälle im Tunnel. Drei Stollen wird Hämpi Felix heute kontrollieren, der längste misst 5864 Meter, der Albulatunnel, «mein Tunnel» nennt ihn Hämpi. Nach 47 Jahren gleicht sein Verhältnis zur Infrastruktur mehr einer Liaison.

Einmal die Woche (die anderen Tage arbeitet er als Gleismonteur) schreitet Hämpi seine Strecke ab: die Gebiete Albula und Oberengadin. Jedes Mal gut 25 Kilometer. In 47 Jahren (abzüglich Ferien) sind das 45 000 Kilometer. Etwas mehr als der Erdumfang. Hämpis Marsch beginnt mit Bahnfahren. Mit dem 5.50-Uhr-Zug reist er nordwärts, von Samedan nach Preda, durch den Albulatunnel. Zwölf Minuten Fahrt. Der gleiche Weg zurück durchs Loch wird zu Fuss drei Stunden dauern. 

Lektion Nummer 1 im Leben eines Streckenwärters: Wer überleben will, muss telefonieren. 
Ab jetzt steht Hämpi Felix mit dem RCC (Rail Control Center) 
in Landquart in Verbindung. Im Freien tut er das mit dem Handy, im Tunnel wird er ein Streckentelefon verwenden. «Allegra, do isch de Hämpi, i gang jetzt in 
Albula inna», informiert er seine Kollegen. Die Ampel vor dem Nordportal springt auf Rot. Wichtig sei, sagt Hämpi, dass man eine zuverlässige Armbanduhr und den Fahrplan im Kopf habe (und sicherheitshalber auch noch in der Bähnlertasche). Beim Marsch durch den Albula wird er dreimal in Tunnelnischen ausweichen müssen, wenn Züge durchfahren. Er kennt sie auswendig: jener 
um 6.45 Uhr, der 7.25er, der 7.35er (ein Güterzug), der 8.25er … Ziel sei, sagt Hämpi, jeweils fünf 
Minuten vorher in einer Nische 
in Sicherheit zu sein. 

Streckenwärter marschieren wie kleine Mädchen. Sie trippeln. Sieht komisch aus, geht aber nicht anders. Man marschiert zwischen den Schienensträngen, von Schwelle zu Schwelle. Weil diese im Abstand von nur 60 Zentimetern verbaut sind, macht man zwangsläufig Mädchenschritte. 

Der Albula-Tunnel, seit 1903 in Betrieb, ist ein hufeisenförmiges Röhrengewölbe, nur 4,20 Meter breit, teils gemauert, teils nack
ter Fels. An der Decke die Fahrleitung, an den Seitenwänden allerlei Röhren. Manchmal kommen Hämpi Füchse entgegen, man kennt sich, kreuzt sich, jeder geht seines Weges. Mehr Mühe hat Hämpi mit Schlangen. Im Sommer, bei Arbeiten im Freien, schlängeln sich beim sonnengewärmten Bahnschotter manchmal Vipern und Kreuzottern: «Drum tragen wir Gleismonteure keine kurzen Hosen mehr.» 

Nach 47 Jahren gleicht sein Verhältnis zur Infrastruktur mehr einer Liaison.

Er erhöht die Trippel-Kadenz. Im Fernsehen gab es doch ein-
mal diese Werbung mit dem 
Duracell-Batterie-Hasen … Mit der Handlampe leuchtet Hämpi den Tunnel aus, kontrolliert Schotter, Schienen, Schrauben. «Gseht guat us!» Und immer wieder der Kontrollblick auf die Armbanduhr. In sieben Minuten kommt der 6.45er. Pro Kilometer hat es eine grosse Nische, alle 
50 Meter eine Notnische. Hämpi eilt, noch sechs Minuten, noch fünf, vier … Hämpi im Stress. In Zugzwang.

Schliesslich erreicht er die erste Kammer, kramt aus der Bähnlertasche ein blaues Handtelefon, stöpselt das alte Ding in die Tunnel-Telefonleitung ein, wählt erneut das RCC, sagt, er 
sei in Sicherheit, der 6.45er habe freie Fahrt. Kurz darauf braust der Zug mit Tempo 80 vorbei. Einmal, da war Hämpi blutjung, verschätzt er sich, stand auf offener Strecke, als ein Zug nahte. Er habe sich an die Tunnelwand gedrückt. Dann sei der Zug vorbeigerast und er vom Luftdruck beinahe mitgerissen worden. «Nur so viel hat gefehlt», Hämpi spreizt Daumen und Zeigefinger. Sonst ist ihm all die Jahre nie etwas passiert. Hundert Jahre alt könne er werden, hat ihm sein Arzt prophezeit: «Ich habe viel Kalzium in den Knochen, drum bricht bei mir nichts so schnell.»

Um 8.45 Uhr tritt Hämpi durchs Südportal ans Tageslicht, ins Val Bever. Es ist bitterkalt. 
Im Albula war es fast zehn Grad warm – hier draussen, im «wildromantischen Val Bever» (Hämpi sagt, die Touristiker würden das Tal immer so benennen) sinds bissig-knackige minus 27 GradDoch, doch, Hämpi weiss, 
was Handschuhe sind. Er trage 
sie aber nur bei grosser Kälte. Er zeigt seine Hände, die, wenn man sie anfasst, an narbiges Leder und wulstigen Velosattel erinnern. 

Zu Hämpis Aufgaben gehört es auch, auf Erdrutsche oder Lawinen zu achten, die Strommasten begutachtet er, Brückengeländer, Ampeln, die Signalisationen. Und ab und zu gibt es eine gebrochene Schiene. Vorgestern Nacht hat Hämpi das erlebt. Schon im Bett lag er, als ihm ein Notfall gemeldet wurde. Er eilte hin, behob den Schienenbruch provisorisch mit einer stählernen Notlasche; so konnte der nächste Zug problemlos darüberfahren. Später flickte ein Spezial-Team die Schiene definitiv. Eine Schiene zu schweissen, sei eine Kunst, sagt Hämpi. Wegen der Temperaturextreme in Graubünden sei die richtige Breite 
 der Schweisslücke wichtig. Hämpi doziert die Formel: 0,0115 mal Schienenlänge mal Schienentemperatur ergibt die Schweisslücke. 

Einmal, da war Hämpi blutjung, verschätzt er sich, stand auf offener Strecke, als ein Zug nahte.

Marschhalt am Bahnhof Bever. Ein Lokführer lädt Hämpi in den Führerstand ein, nimmt ihn mit, fünf Stationen weit, bis 
Cinuos-chel-Brail. Ab hier wandert Hämpi wieder weiter, ostwärts, Richtung Scuol-Tarasp, kontrolliert ein paar zünftige 
Viadukte: Schreitet etwa über 
das Inn-Viadukt, wo es kirchturmhoch in die Tiefe geht, oder das Val-Mela-Viadukt, bei dessen Bau 1911 zwölf italienische Bauarbeiter starben. Auf dem Val-
S-chüra-Viadukt bleibt er einen Augenblick stehen und schildert, wie genau hier letzten April, nachts um 23 Uhr, ein 110-Kilo-Jungbär von einer Lok überfahren wurde.

Seit acht Stunden ist Hämpi Felix nun bereits unterwegs. Er isst nichts, er trinkt nichts. «Ich brauche nichts», sagt er, spricht am liebsten von seiner Arbeit, ist sehr zufrieden mit seiner Arbeit, mit sich, dem Leben, dem Engadin, mit der RhB sowieso. «Es gibt für mich nichts Schöneres, als 
allein in dieser Landschaft die Gleise entlangzuwandern.» Einen Tag ohne Bahn – und Hämpi hat Entzugserscheinungen. Hämpi, was gefällt dir an 
deinem Beruf am besten? «Die Freiheit und im Freien 
zu sein.» Was macht dir Freude? «Der Frühling gefällt mir, der Sommer ist herrlich, der Herbst auch und der Winter sowieso.»

«Hämpi, Du bist mein wertvollster und sonnigster Dinosaurier.» 

 

Um 14 Uhr und nach 25 Marsch-Kilometern in den Beinen ist Feierabend. Beim alten Wärterhüsli der Station Carolina steigt Hämpi in den Regionalzug, der ihn zurück ins Depot nach 
Samedan bringt. Auf der Fahrt im Wagon gesteht der auftauende Gleiswärter, es gebe da doch auch noch andere Bahnen, die er mindestens ebenso toll fände wie 
die Rhätische. Und er schwärmt von der Zillertalbahn, der Pinzgauerbahn, der Semmeringbahn, 
«alle wunderschön, alle aus Österreich». Seine Frau, sagt Hämpi, sei drum Österreicherin.  

Mit ihr zusammen wohnt er 
in Samedan – direkt neben den RhB-Gleisen. Sowieso. Besonders stimmungsvoll sei es beim Znacht, erzählt Hämpi. Vom Küchentisch aus beobachten er und seine Frau jeweils den prachtvollen RhB-Speisewagen, der da vorbeigleitet. «Wir sind jedesmal beeindruckt von den schönen, edlen Tischlämpchen.» Daheim nach Feierabend macht Hämpi nicht mehr viel: entspannen, geniessen, «einfach etwas Schönes tun». Heute wird er die Steuererklärung ausfüllen. Dann verabschiedet er sich, nickt, lächelt, dankt, grüsst. 
Sein Vorgesetzter schreibt in der letzten Mitarbeiterbeurteilung: «Hämpi, Du bist mein wertvollster und sonnigster Dinosaurier.» 

Auf Hämpis orangem Schutzhelm stehen seine Initialen: HP. F. Von Hand, mit silberfarbenem Filzstift geschrieben. Hämpi – ein klein wenig stolz, doch sehr viel mehr verlegen – sagt: «Ich bin 
der Einzige bei der RhB, der 
Silberbuchstaben am Helm trägt.» 47 Jahre…Seine Initialen müssten längst golden sein.

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