Star Wars zur Adventszeit Das Wettleuchten

Stille Nacht, heilige Nacht, grelle Nacht. Wer hat die spektakulärste Weihnachtsbeleuchtung? Im Stegmattquartier in Lyss BE herrscht ein adventlicher Wettstreit um den Star der Lämplipracht. 

Odu blendende! Wer sich den himmlischen Weihnachtsglanz auf die Erde an seine Hausfassade holen will, braucht eine Engelsgeduld: planen, montieren, verkabeln. Nur mit elfenhaftem Eifer, elektrotechnischen Kenntnissen und dem festen Glauben an die Power des Sicherungskastens erzielt man den hochheiligen Glanz am Eigenheim. Dabei wird auch unglamouröses Material eingesetzt: Vor dem Lichterfest bindet man die Lichter fest - mit Kabelbindern und Hundekot-Säckli. Lämpligirlanden, Bethlehem-Sterne, Neon-Rentiere und LED-Schneeflocken zurrt man am effektivsten mit Kabelbindern fest. Und um die Kupplungen der Stromkabel gegen Regen, Schnee und Glühwein zu schützen, umwickelt man sie mit den kleinen braunen Gaga-Beuteln. Wer all das beherzigt, freut sich an seiner Weihnachtsbeleuchtung. Es sei denn, der liebe Nachbar hat die noch schönere.

Brennpunkt (oder besser Leuchtpunkt) ist Lyss BE. Im Stegmattquartier stehen die Häuser von Steffen und Heiniger. Sie sind die Platzhirsche (oder besser Platzrentiere) in Sachen Weihnachtsbeleuchtung. Martin Steffen, 61, arbeitet bei der Post. Martin Heiniger, 77, ist Pensionär und besass früher ein Sportgeschäft.

Steffen wohnt am Stegmatt-weg 6, Heiniger am Stegmattweg 7.

Steffen war der erste Weihnachtsliechtli-Monteur im Quartier, ist kreativ und ertüftelt jedes Jahr neue Lichtspielereien. Und er hat diesen Samichlaus, der auf dem Drahtseil Velo fährt.

Heiniger dagegen hat treue Elfen-Helfer, beginnt mit der Dekoration schon im Oktober und betört die Besucher mit Glühwein. Und er hat diesen Samichlaus, der singt und mit den Hüften wackelt.

Alle Jahre wieder entbrennt zwischen Steffen und Heiniger ein gutnachbarlicher Wettstreit. Bei wem blinkt, leuchtet, funkelt und glitzert es prächtiger? Wer ist der Star der Lichter? Vorhang auf zu adventlichen Star Wars!

Der erste Punkt im Wettleuchten geht an Heiniger: Er beginnt heuer, als Erster zu dekorieren. (Später werden wir erfahren, dass Steffen die Startphase wegen Grippeerkrankung seiner Frau Hedy verschieben musste.) 26. Oktober, 13 Uhr, 16 Grad, Sonnenschein. Heiniger, mit samichlausroter Trainerjacke, begrüsst zur Befehlsausgabe die Pensionäre Roland Stampfli, 78, und Kurt Flückiger, 75. Sie sind seine Helfer (pardon Elfen) und ihm seit Jahren treu.

Dann gehts in den Keller - der Himmel für jeden Weihnachtsdekorateur. Hier übersommert der himmlische Glanz. Kisten mit kilometerlangen Lämpchenschnüren, Kabelrollen, Akkus und Schaltuhren. Rentiere, Schneemänner und Pinguine thronen zwischen eingewinterten Topfpflanzen, Bethlehem-Sterne stehen neben Rennvelos, und auf einem Regal zwischen einem Anker-Bildli und einer Hillary-Clinton-Biografie warten Eisbären und Samichläuse auf ihren Einsatz.

Wie die Rentner da Stern um Stern die Kellertreppe hochtragen, durch den Garten marschieren, in Einerkolonne, sportlich flink, mit feierlichen Gesichtern - wie die eiligen heiligen drei Könige.

16 Uhr. Elisabeth Heiniger, 76, (ihr Mann nennt sie Mämu) ruft zum Zvieri. Apfelwähe gibts, in die Teetassen giesst die gute Frau Rum, Marke Caribbean Sun. Nach der Pause (jetzt leuchten die Gesichter) wird der aus Lichterschläuchen gefertigte und mit 400 Kabelbindern fixierte «Frohe Festtage»-Slogan am Gartenzaun montiert. Heiniger konzentriert sich seit Jahren nur noch auf warmweisses Licht: «Ich will kein farbiges Bling-Bling.» Ein (Weihnachts-)Mann, ein (Licht-)Konzept.

Die Schweizerische Agentur für Energieeffizienz hat hochgerechnet: Die private und öffentliche Weihnachtsbeleuchtung verbraucht pro Saison 100 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von 25'000 Haushalten.

Heiniger hat seine Lichterwelt auf LED-Lampen umgerüstet, die verbrauchen weniger Strom. Mit gegen 800 Franken beziffert er seine Stromkosten im Advent. Um das Gewissen zusätzlich zu beruhigen, hat er ein Hybrid-Auto gekauft.

Drei Wochen später. Es ist jetzt Mitte November - unser zweiter Besuch auf der Weihnachts-Baustelle Lyss. Eben chräsmen die drei Rentner-Elfen auf Heinigers Garagendach herum, montieren Santa Claus samt Schlitten und Rentieren. Für schwere Dekosachen haben sie einen Flaschenzug gebastelt, an dessen Ende ein Mordshaken pendelt. Vom Baumarkt? «Nein», sagt Heiniger, «vom Metzger, ein Fleischerhaken.» Mämu ruft zum Zvieri, diesmal Zitronencake, Tee mit Caribbean Sun.

Überall im Quartier wird dekoriert, viele lassen sich von Heiniger und Steffen anstecken und machen nun auch mit. Es geht das Gerücht, die Tochter des einen Nachbarn sei mit einem Elektriker liiert. «Ein richtiger Elektriker in der Familie wär natürlich ein enormer Wettbewerbsvorteil», fürchtet Heiniger. Wo doch bisher er und Steffen die Lämpli-Könige waren. Apropos Steffen: Zeit, die Kampfzone zu wechseln. Wir besuchen die andere Seite der Lichter-Front.

Martin Steffen hat tüchtig aufgeholt. Jetzt, wo seine Frau Hedy die Grippe auskuriert hat, gibt er Volllicht. Auch seine Hausfassade ist üppigst garniert, besonders spannend ist der Garten. Eine Märchenlandschaft. Häuschen, Brücken, Strassen, sogar das Matterhorn steht da samt Seilbahn (die tatsächlich läuft!). Ein Flugzeug, «Samichlous-Airlines» (bemalt von Steffens 90-jähriger Mutter) ist dauerhaft im Endanflug, blaue Lämpli markieren die Landepiste. Der Name des Flughafens ist eine Liebeserklärung an Steffens treuste Helferin - «Hedy-Airport».

1982 begann Martin Steffen, sein Heim weihnächtlich zu schmücken. «Erst nur ein kleines Bäumchen im Garten», erzählt er. Der Baum wuchs - die Deko auch. Mittlerweile sei es sein grosses Hobby, sagt Steffen. Bereits im Sommer plant er und sinniert an neuen Lichterattraktionen herum. Was es nicht zu kaufen gibt, bastelt er selber. Beispiel: Mannshohe Windlichter für den Garten? Die Lösung: 30-Kilo-Kanalisationsrohre, in die Steffen Sterne und Engel fräst. Allein die Stromkabel haben eine Gesamtlänge von fünf Kilometern, und um die 18'000 Lämpli illuminieren sein Heim.

Im Garten zieht sogar eine Eisenbahn ihre Runden, die Lok macht täuschend echte Fauch-Geräusche. Damit der Zug auch bei Schnee fahren kann, hat Steffen unter die Gleise Heizschläuche eingezogen. Nur schneie es in Lyss halt nicht so oft, bedauert Steffen, was schade sei, weils doch so schön zur Weihnachtsstimmung passe. Man macht einen Witz: «Sie müssten halt eine Schneekanone kaufen, Herr Steffen!» So ernst wie der Mann einen jetzt anschaut, wird schlagartig klar: Ist kein Witz. Tatsächlich habe er die Anschaffung einer Beschneiungsanlage erwogen, sagt Steffen. Als Occasion sei so eine Maschine ab 2500 Franken zu haben. Auch Männer haben Wunschzettel ans Christkind.

Lichterzauber - aber bitte mit Recht und Ordnung. Da gibt es den Fall «Möhlin AG», einen Nachbarschaftsstreit um Weihnachtsbeleuchtung, der vor dem Bundesgericht endete. Dieses urteilt (auf viereinhalb eng bedruckten A4-Seiten), dass Weihnachtsbeleuchtung auf die Zeit zwischen dem 1. Advent und dem 6. Januar begrenzt ist und nur bis 1 Uhr morgens leuchten darf. Es herrsche Nacht- und Lichtruhe!

Das Finale in Lyss. Erster Advent. Brennen alle Lichter? Schmort irgendwo ein Kabel? Um Punkt 17 Uhr sollen alle Weihnachtslichter im Quartier angehen. Aber selbst unter Weihnachtsmännern gibts Rebellen: Steffens Lichterwelt leuchtet bereits ab 16.04 Uhr. Heilige Anarchie! Heiniger brummt. Seine Stunde kommt schon noch, hat er doch diesen US-Weihnachtsmann, der mit den Hüften wackelt und «Jingle Bells» und «O Christmas Tree» singt. Auch Steffens Geheimwaffe ist ein Weihnachtsmann. Seiner fährt auf einem Drahtseil hoch übers Haus.

Es dunkelt, es weihnächtelt, Publikum kommt. Familien mit Kindern, überall ertönen Ahs und Ohs und Jöös, die Kinder staunen, die Mütter schiessen Fotos, die Väter fachsimpeln über Wattleistungen und Reissfestigkeit von Kabelbindern. Kleinbusse mit Senioren aus umliegenden Altersheimen fahren vor, Jugendliche belächeln den Kitsch und schiessen dann doch ein Selfie davor. Und mittendrin - Heiniger und Steffen, glücklich, zufrieden, ihre Märchenlandschaften verzaubern die Menschen. Ihr Lichterwettkampf sei bloss eine Neckerei unter Kollegen, das Wettrüsten längst ein gemeinsames Projekt. Friede auf Erden und im Stegmattquartier sowieso. Auch Lyss' Gemeindepräsident Andreas Hegg lobt die beiden lichtbringenden Mitbürger: «Die überwältigende Weihnachtsbeleuchtung ist weitherum bekannt und ein grosser Publikumsmagnet.»

180 Mannstunden stecken in Heinigers Werk. Er mache das für die Kinder. Er selber hatte in seiner Kindheit schwere Weihnachten. Sieben Kinder, die Eltern arm - sechs Geschwister wurden in anderen Familien platziert, nur Martin wuchs daheim auf. «Besonders an Weihnachten habe ich meine Geschwister vermisst.» Und plötzlich wird klar, dass die Weihnachtsbeleuchtung für diesen Mann viel mehr ist als nur ein Hobby.

Tausende Menschen werden die Lichter-Wunderwelt in Lyss besuchen. Nicht immer alle kommen in Frieden. Am letzten Heiligabend hat doch tatsächlich einer in Steffens Garten Lämpli geklaut. Für die einen sind Heinigers und Steffens Häuser Märchenschlösser, für die anderen Kitschpaläste. Ihnen beiden ists egal. Es strahlt - also strahlen sie auch.

Am 6. Januar wird die ganze Pracht abmontiert. Danach macht Heiniger - müde vom Organisieren und Montieren - eine Kreuzfahrt. Mit Halt an schönen, kleinen, warmen Inseln. Mämu braucht schliesslich neuen Caribbean Sun. Damit ihre Rentner-Elfen sich auch nächste Weihnachten auf die Dächer trauen

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