Bruno Risi Ballett statt Velorennen

Beim ehemaligen Profi-Radrennfahrer Bruno Risi daheim geht schon mal die Post ab: eine typische Familie, die sich in der rasch verändernden Welt orientieren muss. Im neu gegründeten Eltern Club Schweiz von Pro Juventute lädt die SI zum Gespräch ein.
Sandra und Bruno Risi legen Wert darauf, dass die Kinder gewisse Regeln einhalten.
© Marcel Noecker / Schweizer Illustrierte Sandra und Bruno Risi legen Wert darauf, dass die Kinder gewisse Regeln einhalten.

Gian Nico, 6, ist ein echter Risi. Blonde Locken, rote Backen, strahlendes Lachen. Ein wenig scheu öffnet er die Tür zu seinem Elternhaus, streckt den Besuchern seine kleine Hand entgegen und zeigt die grosse Zahnlücke in ganzer Pracht. Willkommen in der «Villa Kunterbunt» von Bürglen UR: Zusammen mit seinen Geschwistern Corsin, 11, und Shellyann, 7, sorgt Gian Nico für Betrieb fast wie in der Schlussnacht eines Sechstagerennens. Die Eltern Sandra, 39, und Bruno, 43, nehmens gelassen – solange sich ihre Jungmannschaft an die Familienregeln hält. Sportlich haben sich die Kinder aus dem Windschatten des Vaters gelöst. Shellyann tanzt Ballett, Corsin will bergsteigen, Gian Nico möchte als «Buur» einfach ins Heu «gumpen».

Schweizer Illustrierte: Wie ist es, einen Weltmeister als Vater zu haben?
Shellyann: Cool!
Corsin: Die Klassenkameraden fragen oft, ob sie ein Autogramm haben können.
Sandra: Aber es gibt auch andere Momente. Einmal warst du sehr traurig.
Corsin: Ja, das war während der Olympischen Spiele in Peking. Als Daddy nicht gewonnen hat, hänselten mich die Kollegen.
Gian Nico: Alle kennen unseren Daddy!
Bruno: Aber dich kennen auch alle – ohne dass du sagst, wer du bist. Deine Frisur ist fast wie ein Adressschild um den Hals.

Habt ihr euren Papi auch live als Rennfahrer erlebt?
Corsin: Ja, klar. Auf der offenen Rennbahn Oerlikon oder am Sechstagerennen. Als Papi im Innenraum gefestet hat, haben wir Versteckis gespielt.

Was, euer Papi hat am Sechstagerennen gefestet?
Bruno (lacht): So kommt alles aus. Kinder sagen halt immer die Wahrheit.

Könnt ihr alle Velo fahren?
Corsin, Shellyann und Gian Nico (zusammen): Jaaah!
Bruno: Mit den Laufvelos lernen die Kinder das heute ganz automatisch. Die Trittbewegung ist dann aber etwas schwieriger.

Muss ein echter Risi besonders früh Velo fahren können?
Bruno: Überhaupt nicht. Es bringt nichts, etwas zu stark zu forcieren. Kinder sollen den Sport spielerisch kennenlernen – aus eigenem Antrieb. Als Eltern muss man aber gewisse Regeln aufstellen.
Corsin: Welche Regeln?
Sandra: Zum Beispiel beim Skifahren. Da wisst ihr ganz genau, dass ihr immer an einem bestimmten Ort warten müsst. Sonst ist es zu gefährlich. Corsin: Ich bin ein Freestyler.

Was ist ein Freestyler?
Corsin: Ich fahre Skateboard und Inlineskates. Und auf Ski mache ich Tricks und kann auch rückwärtsfahren.
Gian Nico: Ich fahre am liebsten pfiifägrad hinab.
Bruno: Wir freuen uns, dass unsere Kinder Spass am Sport haben. Ob sie talentiert sind oder nicht, ist nebensächlich. Jeder muss für sich den richtigen Weg finden. Bei mir war das nicht anders. Ich habe Fussball und Eishockey gespielt – und mich auch in der Leichtathletik versucht. Eher per Zufall kam ich dann zum Radsport. Ich möchte unseren Kindern den gleichen Weg ermöglichen.
Corsin: Ich bin Lionel-Messi-Fan und spiele Fussball beim FC Schattdorf. Im Sommer will ich mit Klettern beginnen.
Shellyann: Ich gehe seit einem Jahr ins Ballett. Den Spagat kann ich allerdings noch nicht.

Ballett in Uri – ist das nicht ein wenig exotisch?
Sandra: Wir wären nie auf diese Idee gekommen. Aber Shellyann gefallen die Röckchen und das Tanzen. Und sie will wie ihre Freundin den Spagat lernen.
Gian Nico: Ich kann Mundharmonika spielen.
Bruno (energisch): Gian Nico, nimm die Finger aus dem Mund!
Sandra: Er ist wirklich gut. Eines Morgens habe ich plötzlich gehört, wie er in seinem Zimmer ganz für sich allein gespielt hat.

Wo verläuft die Grenze zwischen elterlicher Unterstützung und Überforderung der Kinder?
Bruno: Wir haben eine spezielle Methode zur Selbstregulierung. Wenn die Kinder beispielsweise zum Fussball oder ins Tanzen wollen, müssen sie zu Fuss oder mit dem Velo dorthin. Es macht für uns keinen Sinn, wenn die Eltern ihre Kinder überall herumchauffieren – sie quasi überbehüten und von jeder Verantwortung befreien.
Sandra: Bei gewissen Familien entsteht das Gefühl, die Kinder hätten einen so ausgefüllten Terminkalender wie Geschäftsleute – Schule, Turnen, Singen, Tanzen …
Bruno: … und wenn sie dann draussen mit den anderen Kindern spielen sollen, haben sie keine Ideen und Fantasien mehr. Man darf Kinder nicht überfordern. Ich finde, zwei Trainings pro Woche sind das Maximum.

Welche Regeln gelten bei der Familie Risi?
Bruno: Wir legen Wert darauf, dass wir als Familie mindestens einmal pro Tag gemeinsam essen – meistens am Abend. Dann bleiben alle am Tisch, bis der Letzte fertig ist. Nachher müssen die Kinder die Teller selber abräumen. Wenn sie nach den Sportlektionen nach Hause kommen, müssen sie ihre Wäsche selber aufhängen. Gleiches gilt für das Versorgen der Spielsachen.
Sandra: Noch wichtiger als Regeln sind aber Gespräche und gemeinsame Aktivitäten. Wir verbringen viel Zeit mit unseren Kindern draussen. Wenn ich dann sehe, dass andere schon im Kindergarten rechnen und schreiben können, wundere ich mich.
Gian Nico (sehr energisch): 8 und 8 und 8 gibt 24.

Auch interessant