Ein Fall für Stutz «Immer habe ich Angst vor Entzugssymptomen»

Seit Jahrzehnten ist diese Patientin süchtig, ohne dass sie sich dessen bewusst war. Ärzte haben ihr das Schlaf- und Beruhigungsmittel Temesta im Dauerrezept verschrieben, ohne sie je darauf aufmerksam zu machen, wie gravierend die Abhängigkeit und die Nebenwirkungen sein können. Ein Fall für Doktor Samuel Stutz.

Vor vierzig Jahren hatte ich eine schwere Lebenskrise und verfiel in eine Depression. Ich war in psychiatrischer Behandlung und erhielt neben Antidepressiva auch grosszügig das Beruhigungs- und Schlafmittel Temesta. Und zwar einige Jahre lang. Als es mir besser ging, ich aber immer noch sehr unruhig und ängstlich war, empfahlen mir mehrere Ärzte, Temesta weiter zu nehmen. Ich bekam ein Rezept für ein ganzes Jahr, sodass ich das Beruhigungsmittel jederzeit holen konnte. Davon machte ich dann rege Gebrauch, ohne zu ahnen, dass das schlecht ist. Hauptsache, es ging mir so gut, dass ich wieder arbeiten konnte.

Ich nahm das Mittel abends vor dem Zubettgehen. Am Anfang schlief ich gut. Mit der Zeit wollte ich aber von dieser Pille wegkommen. An einem Silvesterabend entschloss ich mich, von einem Tag auf den anderen mit Temesta aufzuhören. Vier Tage ging das gut, und ich konnte auch einigermassen schlafen. Dann erwachte ich eines Morgens und fühlte mich miserabel. Ich konnte kaum noch stehen. In meinem Kopf drehte sich alles, und ich war extrem nervös. Es war kaum auszuhalten. Jetzt hatte der Entzug zugeschlagen. Eine Woche hielt ich es in diesem jämmerlichen Zustand aus. Dann bettelte ich bei meinem Arzt wieder um ein Rezept. Ich hatte ja eine Familie und musste einfach für sie da sein. Schon nach kurzer Zeit ging es mir wieder gut. Der Fall war klar: Ich war von Temesta abhängig. Doch die Ärzte versicherten mir, dass mir diese Tablette nicht schaden könne. Also weshalb dieser Krampf? Bis heute nehme ich Temesta. Manchmal nehme ich es schon am Tag, wenn Angstgefühle mich beschleichen. Nie gehe ich ohne Temesta aus dem Haus. Und immer habe ich Angst vor Entzugssymptomen. Ich schärfte auch meinem Mann ein, dass ich das Medikament unbedingt brauche, sollte mir einmal etwas passieren.

Eine Zeit lang schlief ich recht gut. Aber die Wirkung von Temesta liess mehr und mehr nach. Es wurde für mich wie Zuckerwasser. Die Schlafprobleme wurden schlimmer, und ich wurde immer unruhiger. Nächtelang war ich wach. Am Tag darauf war ich fix und fertig, und alles tat mir weh.

Ich muss unbedingt weg von diesem Temesta! Mein Körper soll wieder lernen, alleine den Schlaf zu finden. Wie mache ich das am besten? Ich kann allen Leserinnen und Lesern nur raten, die Finger von solchen Schlaf- und Beruhigungsmitteln zu lassen! Die machen uns mit der Zeit nur fertig und krank. Ich bin froh, dass ich meine Geschichte jemandem erzählen konnte. Wenn ich zurückblicke, ist es der pure Wahnsinn.

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DAS SAGT DER EXPERTE:

«Die Abhängigkeit von solchen Pillen ist weit verbreitet!»

Ihre Geschichte ist der pure Wahnsinn. Vor allem schockiert mich, dass Ihre behandelnden Ärzte diese Schlaf- und Beruhigungspillen so verharmlost, Ihnen ein Jahresrezept ausgestellt und Sie so in die Abhängigkeit getrieben haben. Benzodiazepine, so nennt man deren Inhaltsstoffe, führen schon in niedrigen Dosen zu Gewöhnung und Abhängigkeit. Sie können auch mit schweren körperlichen, intellektuellen und psychischen Störungen einhergehen. Die Abhängigkeit von solchen Pillen ist weit verbreitet. Aufgrund des gravierenden Abhängigkeits- und Nebenwirkungspotenzials dürfen Benzodiazepine nur sehr zurückhaltend und zeitlich limitiert eingesetzt werden. Zum Entschluss, von diesen Mitteln loszukommen, kann ich Sie nur beglückwünschen. Reduzieren Sie das Temesta aber nur ganz langsam, sonst laufen Sie in den nächsten Entzug. Sie werden Mittel finden, Ihre Unsicherheit und Ängste auszuhalten. Sie gehören zum Leben. Machen Sie einmal den Versuch, auf das Temesta zu verzichten. Nehmen Sie eine Sanduhr oder etwas Ähnliches. Bis sie abläuft, nehmen Sie bewusst keine Pille. Ich bin sicher, dass, wenn die Zeit verstrichen ist, die Angst schon den grössten Teil ihres Schreckens verloren hat. Sie werden feststellen, dass Ihnen gar nichts passiert ist. Falls Sie doch noch etwas machen müssen, greifen Sie nicht zum Temesta, sondern rufen Sie einen vertrauten Menschen an. Oder schreiben Sie Ihre Gefühle nieder. Vielleicht schreiben Sie Ihrer Angst sogar Briefe. Wenn Sie Ihrer Angst in einer Form Ausdruck verleihen, verliert sie an Bedrohlichkeit und Bedeutung.

Und nun zu Ihrer Schlafstörung: Ein Schlafproblem wird erst dann zum Problem, wenn man daraus ein Problem macht. Klingt komisch, ist aber wahr. Ich kann es auch medizinischer ausdrücken: Erst durch die negative Bewertung des Wachliegens erhält die Schlaflosigkeit Krankheitscharakter. Was heisst das? Nehmen Sie ab sofort Ihr Schlafproblem auf die leichte Schulter! Nehmen Sie es total cool, wenn Sie nicht schlafen können. Gehen Sie ganz spät zu Bett, zu jenem Zeitpunkt, an dem Sie normalerweise einschlafen können, auch wenn das erst um halb zwei Uhr morgens ist. Wenn Sie zwischendurch aufwachen: Aufstehen, aus dem Schlafzimmer gehen und irgendetwas anders machen! Am Morgen nicht nachschlafen, sondern raus aus den Federn, auch am Wochenende, auch wenn sie todmüde sind. So schaffen Sie es, innert weniger Tage den Schlafdruck aufzubauen, den der Körper für einen natürlichen Schlaf braucht.

Wie ist der Verlauf? Nach ein paar Wochen berichtet die Leserin Folgendes:
Das Temesta kann ich schön langsam abbauen, ohne Entzugserscheinungen. Ich bin geistig schon viel wacher und weniger vergesslich als früher. Es ist fantastisch, dass ich von diesem Zeug wegkomme. Auch mit dem Schlafen geht es viel, viel besser. Ich gehe später zu Bett, nehme alles viel leichter und habe ganz tolle Nächte, wo ich wirklich nach kurzer Zeit einschlafen und komplett durchschlafen kann. Irgendwie geniesse ich es, jetzt mehr Zeit für anderes zu haben, auch am Morgen. Tausend Dank für Ihre Hilfe.

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