Ein Fall für Stutz «Ja, ich bin süchtig, fresssüchtig!»

Lisa G., 57-jährig, erzählt ihre Geschichte über Esssucht und ihren behutsamen Weg aus Selbstverachtung und Scham. Ein Fall für Doktor Samuel Stutz.

Kommt das Thema Sucht bei einer Diskussion auf, dann handelt es sich meistens um Alkohol, Drogen, Medikamente oder Sexsucht. Bei einem Alkoholkranken empfiehlt man einen Entzug in einer Klinik, und jedermann erachtet es als selbstverständlich, dass geholfen wird. Dasselbe bei einer Drogen- oder Medikamentensucht. Spricht man die Esssucht an, wird hartnäckig geschwiegen. Der oder die frisst halt zu viel, soll sich doch ein bisschen zusammenreissen.

Eine Sucht kann man nicht heilen, indem man sich zusammenreisst. Es gibt Menschen, die weniger schnell einer Sucht erliegen, und andere, die einfach hineinrutschen. Ob das mit Intelligenz oder Naivität zu tun hat, bezweifle ich. Vielleicht sollte man darüber reden. Aber mit wem? Mit Freunden oder Bekannten? Es ist halt so, dass das nicht wirklich jemand interessiert. Das habe ich zur Genüge erlebt. Ich möchte erzählen, nur ein kleines bisschen Aufmerksamkeit bekommen, und schon werde ich unterbrochen. Das Gegenüber beginnt, von sich zu erzählen. Das tut weh. Ich bin nicht wichtig.

Ich stehe seit Kurzem zu meiner Sucht, dank dem Abnehm-Programm von Dr. Stutz. Ja, ich bin süchtig, fresssüchtig. Es ist gar nicht so einfach, dies zuzugeben. Schlägt die Sucht zu, bin ich nicht imstande, normal zu denken, geschweige denn zu handeln. Das läuft ab wie in Trance, wie ferngesteuert. Manchmal ist das Suchtessen aber auch geplant. Nach dem Abendessen habe ich schon das Bild im Kopf, was gefuttert wird, sobald der Lebenspartner endlich im Bett liegt und schläft. Denn ich schäme mich, ihn dies wissen zu lassen, also esse ich heimlich. Oft so viel, dass ich nicht auf dem Bauch liegend einschlafen kann, denn beim kleinsten Schluckauf läuft das Gegessene vom Hals in den Mund als eklige Säure. Ich schäme mich zutiefst, dies zugeben zu müssen.

Oft habe ich daran gedacht, das Gegessene zu erbrechen

Oft, sehr oft, habe ich daran gedacht, das Gegessene zu erbrechen. Dazu bin ich aber wiederum nicht imstande, weil es mich ekelt und ich nicht einfach erbrechen kann, sondern fast daran ersticke. Ich habe schon viele Stunden an meinem Lebenslauf gearbeitet, versucht zu verstehen, versucht zu verzeihen, versucht, mich selbst als liebenswerten und einzigartigen Menschen anzunehmen. Es ist auch nicht Blödheit oder Unwissen, was mich zu diesem Fressen führt. Ich selber musste erkennen, dass ich diese Sucht habe, sie auslebe und sie in mir ihren Platz hat.

Nur schon anzuerkennen, dass ich fresssüchtig bin, gibt mir den Impuls, endlich etwas dagegen zu tun. Ich werde beginnen, das ganz tief in mir drin zu speichern, und ich weiss, dass ich es schaffen werde, diese Sucht loszuwerden. Ich kann sie nicht verbannen, sie gehört zu mir wie die Demütige, die Lustige, die Traurige, die Starke, die Schamvolle, die Ängstliche, die Bösartige, die Verletzte, die Ungeduldige, die Vergebende. Alle diese Personen trage ich in mir, sie alle zusammen sind Ich. Und ich habe es in den Händen, dafür zu schauen, dass es allen gut geht, damit wir miteinander leben können. Jede dieser Personen hat in meinem Leben ihren Platz. Und jede dieser Personen braucht viel Aufmerksamkeit, denn wird sie vernachlässigt, herrscht nur Chaos in meinem Leben.

Der Auslöser für meine Fressattacken sind meistens Momente, in denen ich mich überfordere. Nicht körperlich, sondern geistig und seelisch. Wenn ich an meine Grenzen stosse und mich nicht getraue, Nein zu sagen. Wenn mir zu viel aufgeladen wird, womit ich nicht zurechtkomme, eine Familiengeschichte oder bei Liebesentzug. Nach dem Motto: «Wenn ich nicht mache, was von mir verlangt wird, liebt man mich nicht mehr.» Damit muss ich zurechtkommen. Grenzen setzen und lernen, dass ich es nicht allen recht machen kann und muss.

Ich malträtierte meinen Körper mit sinnlosen Diäten, dann wieder mit Fressanfällen

Es ist tragisch und traurig, wie Kindheitserinnerungen ein Leben bestimmen können. Wie oft musste ich hören: «Du bist dick, du bist blöd. Aus dir wird nie etwas.» Mein älterer Bruder war der Stolz der Eltern. Wir, die Arbeiterfamilie. Er, der es geschafft hat, Ingenieur zu werden. Dann noch der Nachzügler, der kleine, verwöhnte Junge. Dazwischen ich, das Mädchen. Ich kann nicht andere dafür verantwortlich machen, egal, was für eine Kindheit ich hatte. Irgendwann muss jeder versuchen, sein Leben selber in die Hand zu nehmen. In den letzten Wochen habe ich angefangen, mich wieder zu spüren und mich selber zu begreifen. Noch nie habe ich so viel erfahren über mich wie jetzt. Noch nie habe ich mich so um mich selber gekümmert. Immer waren die anderen dran. Eigentlich traurig, wie ich mich übergangen habe. Und mein Körper schreit seit Jahren nach Aufmerksamkeit. Ich malträtierte ihn mit sinnlosen Diäten, dann wieder mit Fressanfällen. Jetzt endlich sehe ich hin. Wie ein inneres Auge, das schaut und nicht urteilt, beobachtet und hie und da Signale sendet an den Teil, der sich Vernunft oder Einsicht nennt. Oder ist es Mitgefühl oder Liebe, die in mir endlich ihren Platz einnehmen darf? Es ist spannend, was da abläuft. Es berührt und stärkt.

Ausblenden oder verdrängen darf ich diese Sucht nicht, wie ich das eigentlich wollte. Dr. Stutz hat mir klargemacht, dass ich mich damit auseinandersetzen muss. Die Sucht will Aufmerksamkeit, ist ein Teil von mir. Deshalb setze ich mich hin und rede mit ihr. Manchmal ist sie schlau und trickst mich aus. Aber ich denke, wir beide freunden uns immer mehr an, sodass ich bald von den abendlichen Fressattacken wegkommen kann.

Mein Essverhalten tagsüber hat sich schon geändert. Mir reichen jetzt zwei Mahlzeiten. Was ganz frappant ist. Ich habe wieder mal das Gefühl von Hunger! Wirklicher Hunger, nicht Gelüste. So freue ich mich jeweils aufs Essen. Und ich schaue so gut zu mir wie seit Jahren nicht mehr. Auch in Sachen Bewegung tut sich etwas. Ich habe einen Trick gefunden, wie ich mich beim Zähneputzen bewegen kann. Dann hat mir meine Tochter auf Youtube Filme mit Arabic Belly Dance gezeigt. Das geht ganz schön in die Beine, Bauch, Nacken und Arme. Aber es macht einen Riesenspass. Es ist unglaublich, was sich in dieser kurzen Zeit alles verändert hat.

Ich fange an, zu glauben, dass ich es schaffe. Kürzlich ist es mir passiert, dass ich das Einkaufen vergessen habe. Ich, die immer einen gut gefüllten Kühlschrank hat. Wenn ich ihn heute öffne, ist da nix drin ausser Salat, Peperoni, Gurken, zwei hartgekochte Eier und zwei Stück Parmesan. Zum ersten Mal seit vielen Jahren interessiert mich nicht wirklich, was mein Mann und ich dieses Wochenende essen werden. Diese Erkenntnis berührt mich extrem. Ich spüre auch immer mehr, was mir guttut. Ich versuche, die Lebensmittel möglichst sanft zu behandeln. Gemüse mal kurzzubraten, statt zu einer Pampe zu zerkochen. Am besten sättigt mich rohes Gemüse, weil ich es lange kauen muss. Jeden Morgen setze ich mich um halb sieben mit einer grossen Tasse Kaffee auf unseren Sitzplatz, geniesse das Vogelkonzert und die morgendliche frische Luft. Es ist still, und ich kann meinen Gedanken nachgehen.

Ich mag mich noch nicht anschauen. Höchstens bis oberhalb der Brust. Mein Ziel ist es, mich von oben bis unten anschauen zu können und mich in Ordnung zu finden und vielleicht noch sagen zu können: «Du gefällst mir, so wie du bist. So mag ich dich. Dieser Weg ist der richtige. Ich werde ihn weitergehen. Mit Demut und mit dem Wissen, dass ich es schaffen kann.»

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DAS SAGT DER EXPERTE:
Dr. med.Stephan N. Trier, M. H. A, Ärztlicher Direktor, Privatklinik Aadorf TG.

«Die Binge-Eating-Störung ist eine Krankheit»

Frau G. leidet an einer speziellen Form von Essstörung, an der sogenannten Binge-Eating-Störung (BES). Unter den Essstörungen ist sie am meisten verbreitet. Etwa die Hälfte der Betroffenen haben zusätzlich Depressionen und/oder Angststörungen. «Schlägt die Sucht zu, bin ich nicht imstande, normal zu denken. Das läuft ab wie ferngesteuert.» Frau G. schildert eindrücklich den für die BES typischen Mechanismus des Kontrollverlustes. Im Essanfall werden in kurzer Zeit grosse Mengen an meist kalorienreichen Lebensmitteln eingenommen, ohne dass danach erbrochen wird. Dies führt zu Übergewicht. Es ist bezeichnend für BES, dass Frau G. aus Scham mit dem Essanfall wartet, bis ihr Partner schläft. Sie isst heimlich bis zu einem unangenehmen Völlegefühl und fühlt sich selbst danach abstossend und schuldig. Ihr Hunger- und Sättigungsgefühl ist gestört.

Die Entstehung der BES basiert auf dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Betroffene weisen eine beeinträchtigte Gefühls- und Impulsregulationsfähigkeit sowie eine erhöhte Belohnungssensitivität für Nahrungsmittel auf. Viele Betroffene sind bereits als Kind übergewichtig. Bei der Behandlung ist der erste wichtige Schritt, dass BES erkannt und als Krankheit akzeptiert wird. Frau G. ist motiviert, sich mit ihrem Essverhalten auseinanderzusetzen und etwas zu ändern. Die Verhaltenspsychotherapie verspricht die besten Erfolge. Medikamente können hinsichtlich des Kontrollverlustes bei Essanfällen eine gewisse Unterstützung bringen. Dabei hat sich eine bestimmte Gruppe von Antidepressiva, die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, als wirksam erwiesen.

Sind Sie auch ein scheinbar unlösbarer Fall? Schreiben Sie an sprechstunde@doktorstutz.ch.

 

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