Chronische Erkrankung Lipödem: Eine Krankheit, die Körper und Psyche belastet

«Elefantenbeine» sind nicht nur ein ästhetisches Problem – die betroffenen Frauen müssen unerträgliche Schmerzen ertragen. Eine Liposuktion kann helfen – doch wer bezahlt diese?
Check-up: Lipoödem

Meine Schwiegertochter leidet an Elefantenbeinen. Nach einer ersten Arztkonsultation wurde die Krankenkasse angefragt, welchen Kostenbeitrag sie zu einer Liposuktion beitragen würde. Meine Schwiegertochter ist privat versichert und erhielt den Bescheid, dass es sich beim Lipödem nicht um eine Krankheit handelt und man damit leben könne. Diese Krankheit aber bewirkt, dass man kaum mehr gehen kann und sehr starke Schmerzen hat, was bei der Schwiegertochter bereits der Fall ist. Sie leidet psychisch und physisch stark und hat sich deshalb weitgehend von der Gesellschaft zurückgezogen. Ihre Mutter kann ebenfalls kaum mehr gehen.

Wir holten eine zweite Meinung von einer Ärztin ein, die sich ebenfalls um einen Kostenbeitrag zur notwendigen Liposuktion einsetzte. Leider erhielt meine Schwiegertochter dann eine negative Antwort vom Rechtsdienst der Swica. Sie sah keinen Ausweg mehr und wollte auch kein Rechtsverfahren anstreben und hat deshalb den Termin für eine Einsprache verpasst.

Weshalb stuft man diese Krankheit, die genetisch vererbbar ist, nicht als Krankheit ein und verweigert eine Kostenübernahme? Weil der Eingriff unumgänglich ist, werden wir die Liposuktion trotzdem auf eigene Kosten vornehmen und hoffen, dass sich ihr Zustand wesentlich verbessert. Für ihre Mutter kommt jedoch jede Hilfe zu spät. Sie kann kaum noch gehen, und das Fett breitet sich auch an den Armen und anderen Körperteilen aus.

Die Beurteilung von Dr. Stutz:
Das Lipödem ist selbst unter Ärzten noch wenig bekannt und wird oft mit einem Lymphödem oder noch schlimmer mit Adipositas verwechselt. Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung, die fast ausschliesslich bei Frauen auftritt. Sie ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Unterhaut-Fettvermehrung mit Wassereinlagerung. Betroffen sind vor allem die Beine und oft auch die Arme. Charakteristisch sind Spannungs-, Berührungs- und Druckschmerzen. Schon das blosse Tragen einer Hose oder das Aufliegen einer Bettdecke kann starke Schmerzen auslösen. Die Ursache ist weitgehend unklar. Die Vererbung spielt eine wichtige Rolle, da häufig mehrere Mitglieder einer Familie betroffen sind. Auch die strikteste Diät hilft nichts dagegen.
Die Behandlung erfolgt mit Kompressionsstrümpfen. Die im Lauf der Jahre schlimmer werdende Fettvermehrung wird dadurch aber nicht beeinflusst. Abhilfe schafft nur die Liposuktion mit speziellen Kanülen unter lokaler Betäubung. Die neue Technik ist ausgesprochen gewebeschonend und sicher und sorgt für rasche Resultate, die bis vor Kurzem kaum vorstellbar waren. Die Beschwerden verschwinden oft ganz. Die Liposuktion muss im Gegensatz zur Behandlung mit Kompressionsstrümpfen nur einmal oder wenige Male angewendet werden. Klinische Nachuntersuchungen über mehr als zehn Jahre zeigen keine negativen Folgen. Die internationalen Fachgesellschaften haben die Liposuktion deshalb in ihre Leitlinien zur Behandlung des Lipödems aufgenommen.

Eine Rücksprache mit dem zuständigen Ombudsmann ergibt, dass wegen des knapp verpassten Einsprachetermins keine Hoffnung auf eine rechtliche Anfechtung besteht. Einzige Möglichkeit wäre eine freiwillige Kostenübernahme. Die Swica lässt auf Anfrage jedoch ausrichten: «Es handelt sich im vorliegenden Fall nicht um eine Pflichtleistung der obligatorischen Krankenversicherung, da die existierenden konservativen Behandlungsformen nicht ausgeschöpft wurden. Wir stützen uns dabei auf die Leitlinien der Gesellschaft Deutschsprachiger Lymphologen.» Und in einer Verfügung des Rechtsdienstes der Swica heisst es: «Bei dem gewünschten Eingriff handelt es sich um eine Operation, die ausschliesslich zur Verbesserung des äusseren Erscheinungsbildes dient. Es ist kein qualifizierter Krankheitswert erkennbar, der eine Leistungspflicht der obligatorischen Krankenpflegeversicherung begründet. Der kosmetische Aspekt steht klar im Vordergrund.»

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