Check-up: Frühgeburten Schwieriger Start ins Leben

Babys, die vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, gelten als Frühgeburt. In der Schweiz ist das jedes zwölfte Kind. Trend: zunehmend. Für die Grenze zur Lebensfähigkeit gibt es in der Schweiz Empfehlungen, die im vergangenen Jahr revidiert wurden. Der Graubereich befindet sich in der 25. Schwangerschaftswoche.
Frühchen werden intensivmedizinisch betreut, und zwar rund um die Uhr.
© Dick Vredenbregt Frühchen werden intensivmedizinisch betreut, und zwar rund um die Uhr.

Eine Handvoll Mensch: Winzige Händchen, zerbrechlich wirkende Beinchen, die Haut rötlich braun, fragil, die Sauerstoffmaske verdeckt die Hälfte des Gesichtchens, überall sind Schläuche angeschlossen, jede Regung des winzigen Menschleins wird von Maschinen aufgezeichnet. Zu früh geborene Babys werden intensivmedizinisch betreut, rund um die Uhr. Für Wochen ist der Inkubator ihr Zuhause. Der Start ins Leben ist für Frühchen nicht einfach.

Und: Es werden immer mehr. Die Zahl der extrem früh Geborenen nahm seit 1995 um knapp die Hälfte zu. So die Zahlen einer britischen Studie, die vor einigen Wochen im «British Medical Journal» veröffentlicht wurde. Über 3000 Babys wurden untersucht, die zwischen der 22. und 25. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen. Die Überlebensrate dieser extrem früh Geborenen stieg zwar um rund 15 Prozent an, doch die Babys, die durch die frühe Geburt schwere Behinderungen wie etwa Bewegungsstörungen durch Gehirnschäden davontrugen, leider auch. Die Autoren der Studie befürchten, dass die Gesamtzahl der Kinder, die wegen einer Frühgeburt mit lebenslangen Behinderungen zu kämpfen haben, weiterhin steigen wird.

Auch in der Schweiz nehmen Frühgeburten eindeutig zu. Das bestätigt Prof. Dr. Hans Ulrich Bucher, Direktor der Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich. «Noch vor zehn Jahren waren Fertilitätsbehandlungen oft der Grund für Frühgeburten, weil es sich dabei meist um Mehrlingsgeburten handelte», erklärt er. Heute sehen Mediziner den Grund im späten Gebäralter der Mütter. Wegen des Alters kommt es öfter zu Komplikationen, und das bedeutet in den meisten Fällen: Frühgeburten. In der Schweiz kommt jedes zwölfte Kind vor der 37. Woche auf die Welt, gilt also als Frühgeburt. 90 Prozent dieser Babys überleben. Vor der 32. Woche sprechen Fachleute von extrem früh Geborenen. In der Schweiz sind das ungefähr ein Prozent. «Das sind die Kinder, die wirklich Probleme haben. 13 Prozent dieser Babys sterben», erklärt der Neonatologe. Doch nicht nur die Schwangerschaftswoche ist entscheidend für die Chance auf Leben, auch das Geburtsgewicht spielt eine wichtige Rolle.

In der Schweiz wurden Empfehlungen für alle Spitäler formuliert, die eine Grenze für die Überlebensfähigkeit von Frühchen festhalten. Die Empfehlungen aus dem Jahre 2002 wurden im vergangenen Jahr erstmals revidiert. «Wir haben in der Schweiz einen Graubereich definiert. Das ist die 25. Woche einer Schwangerschaft. Eine Grenze von 22 Wochen ist ethisch nicht vertretbar», erklärt Prof. Bucher. Aus Statistiken könne man ersehen, dass das eine oder andere Extremfrühchen zwar überlebe, die meisten aber sterben würden. «Wenn es überlebt, ist die Chance, dass das Kind später schwere Probleme hat, sehr hoch.»

Entscheidend für das Überleben eines zu früh geborenen Kindes sind die Lungen. Diese funktionieren erst ab der 37. Woche selbstständig. Bei Babys, die im Graubereich der 25. Woche geboren werden, sind alle Organe noch nicht ausgebildet. Der Darm funktioniert noch nicht, die Haut ist sehr dünn und fragil. Das heikelste Organ ist laut dem Neonatologen das Gehirn. Es sei sozusagen die Achilles-Ferse. «Es gibt im Gehirn Stellen, die besonders empfindlich auf Blutdruckschwankungen reagieren. Häufig kommt es zu Hirnblutungen. Die sind bei Frühgeborenen allerdings gang und gäbe. Anders als bei Erwachsenen sind lange nicht alle problematisch», beruhigt der Direktor der Neonatologie. Andere Probleme des noch nicht ausgebildeten Gehirns sind schwerwiegender: Sie reichen von Cerebralparese, über Seh- und Hörstörungen bis zu Schwierigkeiten in der Schule. Vor allem Rechnen und teilweise auch das räumliche Denken machen Frühgeborenen später Mühe. Es gibt aber auch beim psychischen Profil Faktoren, die ganz deutlich Frühgeborenen zugeordnet werden: Sie sind eher ängstlich, trauen sich nicht allzu viel zu, gehen weniger Wagnisse ein und hängen sehr an ihrer Mutter. Der positive Aspekt dieses Profils: Sie kommen weniger mit dem Gesetz in Konflikt und haben selten Drogenerfahrung.

Eine Studie über die Selbstwahrnehmung Frühgeborener, die vergangenes Jahr unter Mitwirkung von Prof. Bucher mit 55 ehemaligen Frühchen im Alter von 20 bis 25 Jahren durchgeführt wurde, brachte Erstaunliches an den Tag: Die Mehrheit der Frühgeborenen beurteilen ihre Lebensqualität als gut, obwohl ihre Umgebung – Eltern und Lehrer – das ganz anders sehen.

Check
Das müssen Sie wissen:

Wann eine Frühgeburt verhindert werden kann:

  • Ein schlechter Verschluss der Gebärmutter: Sie kann zugeschnürt oder sogar vernäht werden.
  • Droht die Fruchtblase zu springen, kann dies verhindert werden. Bei einer Fruchtblase, die bereits gesprungen ist, kann es zu einer Infektion kommen und damit zu einer Frühgeburt.
  • Auch bei einer missgebildeten Gebärmutter werden Versuche unternommen, eine Frühgeburt zu verhindern.
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