Mammografie-Expertenbericht «Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen!»

Ist die Mammografie eine unnötige Untersuchung zur Entdeckung von Brustkrebs? Ein Expertenbericht verunsichert die Frauen und empört die Fachärzte. Was kann die Mammografie wirklich?
Mammografie - trägt zur Senkung der Brustkrebs-Sterblichkeit
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Die Mammografie trägt zur Senkung der Brustkrebs-Sterblichkeit bei. 

Schweizer Illustrierte: Herr Prof. Köchli, wie war Ihre Reaktion auf den Bericht des Swiss Medical Board?
Prof. Köchli: Das Gremium, das diesen Bericht verfasst hat, kann sicher nicht abschätzen, welchen psychologischen Schaden und Scherbenhaufen es damit verursacht hat. Es stellt sich die Frage nach der Ethik. Schliesslich sind Frauen die Leidtragenden. Alle Frauen, die vergangene Woche zu mir in die Praxis kamen, haben sich aufgeregt, dass wieder einmal mehr die Kosten im Vordergrund stehen. Nach dem Motto: Die Frau ist es nicht wert. Die Verunsicherung ist sehr gross. Was hängen bleibt, ist das Wort Mammografie. Es geht aber nur um das Screening. Viele Frauen kennen den Unterschied zwischen einer systematischen, opportunistischen und diagnostischen Mammografie nicht.

Macht Ihrer Meinung nach ein gesamtschweizerisches Screening Sinn?
Aus meiner wissenschaftlichen Beurteilung und Erfahrung kann diese Frage für die Schweiz zurzeit gar nicht beantwortet werden. Ich empfinde es allerdings als «mutig», unter diesen Umständen eine solch negative Konklusion zu ziehen, obwohl alle anderen Länder eine andere ziehen. Dazu noch aus nicht schweizerischen Daten. Unsere Versorgungsqualität bei der Brust ist komplett anders als zum Beispiel in England. Die Daten lassen sich nicht auf die Schweiz übertragen.

Könnte ein flächendeckendes Screening die Rate von 1400 Frauen, die jährlich an Brustkrebs sterben, signifikant senken?
Allgemein bei Screenings haben wir das Phänomen, dass die falschen Leute in die «Kirche» kommen. Wir wollen diejenigen erreichen, die normalerweise nicht in die «Kirche», sprich Mammografie, gehen. Gesundheitsbewusste Frauen lassen sich sowieso untersuchen. Mit einem Screening wollen wir auch Unterprivilegierte, Randgruppen, Frauen, die Angst haben, zum Gynäkologen zu gehen, erreichen. Genau für diese Frauen ist ein Screening sehr gut. Dieses kann allerdings nicht mit einer Brustuntersuchung verglichen werden, wie sie bei einem Senologen oder in einem Brustzentrum durchgeführt wird.

Wie läuft eine optimale Brustuntersuchung ab?
Zuerst wird eine Anamnese erstellt, und wir sprechen über das Problem der Brust. Dann erfolgt die Brustuntersuchung. Wenn angezeigt, wird ein Ultraschall und/oder eine Mammografie gemacht. Jede Mammografie wird von zwei Radiologen begutachtet, danach wird sie vom zuweisenden Facharzt nochmals gelesen. Unklare Befunde werden zusätzlich mit einem Tumor-Board besprochen. Das ist nicht gesamtschweizerischer Standard. Die Versorgung der Brust ist unterschiedlich, vor allem wenn Ballungszentren mit Landgebieten verglichen werden. Bei einem landesweiten Screening wären die Unterschiede sicher geringer. Aber das opportunistische Screening lässt sich nicht eliminieren. Nicht jede Frau will eine Mammografie ohne Brustuntersuchung und ohne ein Gespräch mit dem Gynäkologen. Viele Frauen gehen trotz Screening zu ihrem Gynäkologen.

Bemängelt wird in dem Bericht die zu zahlreichen falsch positiven Diagnosen. Wie gross ist dieses Problem?
Wir haben vier Prozent falsch positive Resultate. Diese Zahl muss ganz klar gesenkt werden. Möglichst tief gehalten werden kann sie durch eine Zweitbeurteilung der Mammografie und eventuell sogar durch eine Drittlesung durch ein Spezialistengremium. Mit dem Ultraschall haben wir zusätzlich ein hervorragendes Diagnose-Tool, um falsch positive Resultate zu vermindern. Ausserdem kann hier auch die Elasto-Sonografie, mit der die Härte des Tumors angezeigt wird, eingesetzt werden. Ein weicher Tumor ist unverdächtig. Wir sollten nicht nur Frauen mit einem falsch positiven Befund gewichten, sondern auch jene, die wir durch eine unauffällige Mammografie glücklich machen.

Steigt die Qualität der Mammografie-Begutachtung mit der Quantität?
Der europäische Mindeststandard beträgt 5000 Screening-Bilder pro Jahr. Die Radiologen in unserem Centrum sehen pro Jahr 9500 Mammografien. Da gehe ich mit dem Expertenbericht des Swiss Medical Board einig: Die Zahl der Begutachtungen korreliert mit der Qualität der Aussagen.

Ihre Empfehlung für eine optimale Brustversorgung?
Hohes Know-how, die besten Geräte, Beratung und Befragung durch den Gynäkologen, Brustuntersuchung durch einen erfahrenen Brustspezialisten, richtige Indikationsstellung für Ultraschall, Mammografie und MRI, und ganz wichtig: Der Termin für die nächste Untersuchung muss kommuniziert werden.

Wie geht es weiter nach diesem Bericht?
Wir Gynäkologen müssen den Scherbenhaufen beseitigen und gut informieren. Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie werden folgen. Die Kassen sind gut beraten, die Mammografie weiterhin zu vergüten, da Früherkennung beim Brustkrebs wirklich etwas bringt. Wenn man die frühen Fälle wegen fehlender Mammografie nicht mehr entdeckt und wartet, bis der Tumor metastasiert, wird es für die Kassen erst richtig teuer und die Erkrankung für die betroffenen Frauen sehr belastend.

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