Buchspezial Neue Schweizer Bücher für Osterhasen und Leseratten

Sie lesen gerne literarische Roadmovies? Oder lieber eine Familiensaga, einen spannenden Politthriller? Oder doch lieber einen Krimi mit Lokalkolorit? Die Kulturredaktion hat die Neuerscheinungen des Schweizer Bücherfrühlings durchstöbert und präsentiert ihre persönliche Auswahl.
Hasen die Eier verstecken? Kommt schon, Kinder, überlegt doch mal ein bisschen...
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Das Osterwetter ist mies - aber perfekt, um ein neues Buch anzufangen.

1. «Simeliberg» von Michael Fehr
Worum geht es? Griese, ein Vollzugsbeamter, muss den Bauer Schwarz zur Befragung in die Stadt bringen, denn dessen Frau ist verschwunden. Der Bauer redet wirres Zeug, seltsame Sachen passieren um sein Haus, und Griese gerät zwischen die Fronten.

Wer ist der Autor? Der Berner Michael Fehr gewann mit einem Auszug aus «Simeliberg» 2014 an den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Kelag-Preis sowie den Federwelt-Preis der Automatischen Literaturkritik.

Einige Sätze?
...
kannst dich dann anschnallen
wenn wir ein halbes Jahr unterwegs sind 
die Menschheit zum Mars 
ein halbes Jahr durchs All 
das ist zum Anschnallen
da weisst du nicht
was alles geht
da läuft Zeug
da draussen
...

Für wen? Für alle, die sich dem Fluss sowie dem Klang der Sprache hingeben können – und mögen – und einen Text ohne Kommas und Satzpunkte nicht scheuen.

Das Fazit nach der Lektüre? Michael Fehrs Sprache ist knorrig, derb, kraftvoll. Und gespickt mit Helvetismen. Das Glossar am Ende des Buches ist von Nutzen.

2. «Alle Geschichten, die ich kenne» von Dagny Gioulami
Worum geht es? Es beginnt mit der kuriosen Überwachung einer chemischen Reinigung. Die Erzählerin engagiert einen tätowierten Polizisten, der mit ihr von einer gegenüberliegenden Wohnung das verdächtige Objekt observiert. Doch das einzige Drama, dass sich dort abspielt, ist, dass das grüne (!) Hochzeitskleid für die Schwester der Ladenbesitzerin beschädigt wurde. Kurz entschlossen macht sich die Erzählerin mit ihrem namenlosen Polizisten auf nach Griechenland, um bei ihrer Tante, einer begnadeten Näherin, das Kleid neu nähen zu lassen.

Wer ist die Autorin? Dagny Gioulami, 44, ist Schauspielerin, schreibt Liedtexte, Libretti und Theaterstücke und hat nun ihren ersten Roman veröffentlicht. Die Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel lebt in Basel.

Die Sprache? Füllwörter gibts keine in diesem Buch. Kurz, knapp und einfach die Sprache, dafür ist die Geschichte gespickt mit humorvollen Einlagen und kuriosen Szenen.

Wem gefällts? Griechenland-Liebhaberinnen, Mythologiestudenten und allen Romantikern.

Das Fazit? Eine Mini-Odyssee mit geschickt variierten Tempi vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und gewürzt mit einer gehörigen Portion griechischer Mythologie.

3. «Wir zählen unsere Tage nicht» von Silvio Blatter
Worum geht es? Das unkonventionelle Paar Isa und Severin steht vor einer Lebenswende. Die erfolgreiche Radiomoderatorin wird pensioniert und ertränkt ihren Kummer in zu viel Brandy. Ihr Mann, dessen Arbeitsinstrument eine Kettensäge ist, war einst ein angesagter Bildhauer. Heute vergräbt er sich mit seinem Hund im Atelier, das in einer abgelegenen Kiesgrube steht. Dort allerdings piesackt ihn eine Paintball-Gang, die ihm das Gelände streitig macht. Doch finden die beiden schliesslich ins Leben zurück, weil sie sich den Konventionen auch im Alter nicht beugen wollen.

Wer ist der Autor? Silvio Blatter, 70, ist Schriftsteller, Maler und Kolumnist und gehört zu den wichtigsten Schweizer Gegenwartsautoren. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Blatter wohnt in Zürich und München.

Die Stärke des Buches? Eine Familiengeschichte, die allen Mitgliedern die Frage stellt: Seid ihr die geworden, die ihr habt werden wollen?

Ein prägender Satz? «‹Unsere Basis war die Illusion, der Übermut›, fasste Isa zusammen, Erfolg hiess, sein Ding durchzuziehen. Heute wägen die Jungen ab, sie haben den Beipackzettel mit den Nebenwirkungen gelesen.»

Für wen? Für alle, die sich Mut anlesen wollen, das Ungewöhnliche zu wagen.

4. «Auf beiden Seiten» von Lukas Hartmann
Worum geht es? In jungen Jahren bewundert Mario seinen Deutschlehrer Gruber, und auch der hält viel von seinem sprachbegabten Schüler. Das ändert sich radikal, als Mario dessen Tochter Bettina heiratet. Die Ideale des Heimatverteidigers Gruber und des Heimatkritikers Mario prallen ungebremst auf-einander. Dann kommt die Wende von 1989 und wirft sowohl Mario wie auch Gruber aus der sicher geglaubten Lebensbahn. Marios Journalistenkarriere geht den Bach runter, und die Fichenaffäre und die Geheimorganisation P-26, der Gruber jahrzehntelang angehörte, fliegen auf.

Wer ist der Autor? Der Berner Autor Lukas Hartmann, 71, steht mit seinen historischen Romanen regelmässig auf den Schweizer Bestsellerlisten. Er ist mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga verheiratet.

Ein typischer Abschnitt? «Sei vernünftig, Mario (...). Du darfst meine Enkel nicht mit diesem Friedensbazillus infizieren.»

Das Fazit? Ein brisanter Roman über die Fichenaffäre der Schweiz, der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Hartmann weiss, wovon er schreibt. Er hat vor der Wende einige Male die DDR besucht, war SP-Mitglied, wurde selbst überwacht und hat seine Fiche eingesehen. Allerdings hatte alles auf einer Karteikarte Platz: «Unerhebliche Sachen – wer mich besucht hat, Autonummern von Observierten.» 

5. «Der Metzger von Aarau» von Ina Haller
Worum geht es? Andrina Kaufmann arbeitet in einem Verlag – sie ist die Lebenspartnerin von Marco Feller, dem Leiter der Aargauer Kantonspolizei. Als in Aarau eine Anschlagsserie auf Supermärkte verübt wird und gleichzeitig der Verlag Postsendungen mit abgehackten Händen bekommt, steht die Kantonspolizei vor einem Rätsel. Bald gerät auch Andrina ins Visier des Täters, und so beginnt die junge Frau auf eigene Faust, Nachforschungen anzustellen.

Wer ist die Autorin? Ina Haller lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau. «Der Metzger von Aarau» ist ihr dritter Krimi mit der sympathischen und unkonventionellen Ermittlerin Andrina Kaufmann.

Ein Abschnitt? «Häusermann drehte sich zu Feller um, der mit vor der Brust verschränkten Armen neben ihm stand und seinen Blick unverwandt auf Andrina gerichtet hielt. In seinen Augen loderte es, was ihr Angst machte. Wann hat er sich so verändert? Andrina wurde klar, er würde ihr nicht verzeihen können. Das Aus ihrer Beziehung schien besiegelt.»

Für wen? Für Leser, die nicht auf brutale Krimis stehen und Lokalkolorit mögen.

Was bleibt? Es ist immer wieder erstaunlich, was für Rachefeldzüge Menschen sich ausdenken, denen Unrecht widerfahren ist. 

6. «Das Ende vom Lied» von Alfred Bodenheimer
Worum geht es? Rabbi Klein wird von Carmen Singer gestalkt. Als diese vom Zug erfasst wird, glaubt Rabbi Klein weder an Selbstmord noch an einen Unfall. Was den Fall erschwert: Rabbi Kleins Frau Rivka und Carmen hatten kurz vor ihrem Ableben heftig miteinander gestritten, was Kommissarin Karin Bänziger auf den Plan ruft.

Wer ist der Autor? Alfred Bodenheimer ist seit 2003 Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel. «Das Ende vom Lied» ist sein zweiter Band über den sympathischen Rabbi Klein.

Ein paar Sätze? «Klein sei wie gemacht für das Rabbinat der Cultusgemeinde, hatte Rivka ihm einmal gesagt, weil er es zwar nicht vermöge, die Leute zu überzeugen, aber sie zu beeindrucken. Und genau das sei es, was die Mitglieder der Gemeinde wollten. Ihre Überzeugungen hätten sie schon, davon seien sie nicht abzubringen, aber beeindrucken liessen sie sich gerne.»

Was sagt der Krimi aus? Es geht hier zwar um Mord, doch es steckt viel mehr drin. Etwa das Zusammenleben in einer Gemeinde – im Besonderem in der jüdischen Gemeinde Zürich – und eine grosse verlorene Liebe.

Nach der Lektüre? Man schliesst diesen neugierigen, offenen und warmherzigen Rabbi schnell ins Herz und hofft, ihn bald wieder als Ermittler anzutreffen. 

 
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