«Fifty Shades Of Grey» Stehen denn alle auf Sado-Maso?

Mit ihrem Sexroman bricht Autorin E.L. James derzeit Verkaufsrekorde. Alle wollen «Fifty Shades Of Grey» lesen, und auch die Stars bleiben vom Hype nicht verschont. Schauspieler streiten sich bereits um die Rolle des dominanten Protagonisten Christian Grey, und selbst US-Präsident Barack Obama kann sich dem schlüpfrigen Thema kaum entziehen.

Eine britische Laienautorin schreibt ein Buch und landet damit einen Bestseller. Kennen wir das nicht bereits? Während J.K. Rowlings «Harry Potter» aus dem Nichts eine Welle von Begeisterung hervorzauberte, macht Neo-Autorin E.L. James mit ihrem Roman «Fifty Shades Of Grey» vor allem eines: sie polarisiert. Auch wenn die Thematik - Mann dominiert Frau sexuell - längst filmisch verarbeitet wurde, soll die Sado-Maso-Trilogie ins Kino kommen. Stars wie Ian Somerhalder, Alexander Skarsgard oder Emma Roberts reissen sich angeblich bereits um eine Rolle.

Skarsgard, der in der Serie «True Blood» einen Vampir verkörpert, könnte gute Chancen haben, denn: Eigentlich wollte James hobbymässig eine erotische «Twilight»-Fanfiction schreiben. Darin war Bella Swan eine Studentin mit devoten Neigungen und Edward Cullen ein SM-liebender Firmenchef statt Vampir. Warum also nicht gleich das «Twilight»-Duo Robert Pattinson und Kristen Stewart für die Rollen verpflichten? Weil sich die beiden noch zieren. Pattinson hat die Bücher noch nicht einmal gelesen: «Wenn es vor mir liegen würde, würde ich einfach dasitzen und die Seiten ablecken», scherzt der Schauspieler.

Ausserhalb der Vampir-Community sorgt der Roman definitiv für Gesprächsstoff. Und zwar für positiven wie negativen. SI online hat die Höhepunkte der Literatur-Diskussion für Sie zusammengefasst:

  • Der Blog «50shadesofsuck» nimmt sich der häufig kritisierten, einfachen Schreibweise des Romans an. Die Bloggerin kopiert die dümmsten Stellen und Dialoge und kommentiert diese.
     
  • Justin Biebers Freundin Selena Gomez parodiert die Story für ein Comedy-Programm:

     
  • Autorin Sibylle Berg hat das Thema in ihrer Kolumne im «Spiegel» auf spezielle Art und Weise behandelt: Ihre Literaturkritik hat sie als Kurzgeschichte formuliert.
  • US-Präsident Barack Obama zieht sich in einer Talk-Show aus der Affäre:
  • Und auch die Fans abseits des Rampenlichts befassen sich mit dem Sexroman. Sie liefern ein musikalisches Pro und Kontra:


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«Schweizer Illustrierte»-Autorin Stephanie Ringel über:

LAUTES BETTGEFLÜSTER, SEX UND DIE SEHNSUCHT NACH LIEBE

Das Interessanteste in der aufgeheizten Diskussion über den Bestseller «Shades Of Grey» sind nicht die Sexszenen, sondern die unterschiedlichen Meinungen darüber. Die Leserinnen (und vielleicht sogar Leser) verschlingen den Sommerroman selbstbewusst. Die Literaturkritik zerreisst ihn unter lautem Gestöhne. Was wohl so sein muss, denn die Aufgabe des Kritikers ist ja zu kritisieren, selbst wenn die Verkaufszahlen ein beeindruckendes Gegenargument sind: 15 Million Mal hat sich die Erotik-Trilogie «Shades Of Grey» bereits in den USA verkauft. Seit letzter Woche liegt die deutsche Übersetzung vor, die sofort Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste besetzte. Die erste Auflage von Band eins ist bereits vergriffen.

«Erotisch oder literarischer Müll?» fragt die «Bild»-Zeitung, «Harte Zweisamkeit» titelt «Die Zeit», «Das grosse Fesseln» stellt der «Tages-Anzeiger» fest - das Thema Sex wird durch die Zeitungsspalten gepeitscht. Es bleibt kein angenehmes Gefühl zurück, wenn man die soziologischen, gesellschafts- und literaturkritischen Aufsätze gelesen hat. Da ist von «Mummy-Porn» - also Hausfrauenporno - die Rede, von «Arztroman-Romantik» oder von «latenter Sehnsucht frustrierter Frauen» die in unserer übersexualisierten Zeit «nicht mehr wissen, wohin vor lauter Sehnsucht».

Wir haben es also mit 15 Millionen frustrierten Frauen zu tun? Einer Armee unbefriedigter Bürgerinnen und Biedermeier?

Sex und Sado-Maso-Phantasien haben Schriftsteller zu allen Zeiten literarisch ausgelebt. Lust, Leid, Begierde, Schmerz und Sehnsucht sind in Marquis de Sades «120 Tage von Sodom» oder in «Die Geschichte der O» von Anne Desclos beschrieben. Anatomisch genaue Körperbeschreibungen lieferte zuletzt Charlotte Roche mit «Feuchtgebiete».

Und «Shades Of Grey»? Die schottische Autorin Erika Leonard, 47, erzählt unter dem Pseudonym E.L. James die Beziehungsgeschichte zwischen dem Unternehmer und Milliardär Christian Grey, 28, und der 22-Jährigen Literaturstudentin Anastasia «Ana» Steele. Er führt die unerfahrene Frau, die noch nie Sex hatte, in seine Welt der Begierde ein. Und die besteht aus «ficken» - wie er stets betont - und einem Spielzimmer, in dem sich Ana freiwillig und selbstbewusst unterwirft, sich fesseln, schlagen oder peitschen lässt. Als Stilmittel wählt E.L. James eine lockere Folge von Selbstbetrachtungen durch Ana, die in innerer Zwiesprache ihre neu geweckte Lust zu verstehen versucht. Und gleichzeitig verwirrt ist, weil Christian zwar ständig mit ihr Sex hat, aber trotzdem keine nahe Liebesbeziehung möchte. Intensiv und ehrlich ist das Gespräch der beiden nur, wenn sie sich E-Mails schreiben und darin ihre Ängste offenbaren.

HOFFNUNG AUF EIN HAPPY END
Der Reiz des Buches liegt nicht in seiner literarischen Qualität oder der expliziten Beschreibung von Beischlafszenen. Es gibt besser geschriebene Liebesromane und womöglich lehrreichere Pornofilme. Stattdessen spiegelt der Schmöker auf schmerzlich-realistische Weise die Beziehungswelt des 21. Jahrhunderts. Sex ist längst kein Tabu mehr, also leben ihn die beiden phantasievoll in seinen extremen Facetten aus. Doch über all dem Gerammel und der postkoitalen Erschöpfung schwebt der Wunsch nach Zweisamkeit und das romantische Ideal von tiefer Sehnsucht nach dem Anderen. Wir leben in einer Zeit, in der dank Seitensprung-Portalen im Internet und Cyber-Sex per SMS alles möglich ist.

Wie tröstlich eine verbindliche Bindung sein kann, erleben Ana und Christian in den raren Momenten scheuer Nähe - wenn sie Arm-in-Arm einschlafen oder wenn sie zusammen Segelfliegen und berauscht vom Erlebnis Glück spüren. Wenn der fürsorgliche Christian seine Ana nervtötend oft daran erinnert, genug zu essen und die hartnäckige Ana nervtötend oft nach seinem Jugendtrauma fragt. Beide stellen Fragen, sie wollen etwas voneinander wissen.

Und genau das scheinen die Millionen Leser und Leserinnen so interessant zu finden, dass sie sich durch drei Bände flacher Handlung wühlen: Gefühle von Mann und Frau, die Hoffnung auf ein Happy End und damit die Sehnsucht nach verbindlicher Liebe in unserer schnelllebigen, entgrenzten Welt.

E.L. James, Shades Of Grey, Goldmann Verlag, 602 Seiten. Sie wollen sich Ihre eigene Meinung zu E.L. James' Werk bilden? Hier gehts zur Gratis-Leseprobe von «Fifty Shades Of Grey» - Band 1

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