Generation 50+ Per Mausklick zum Liebesglück

565'000 Menschen in der Schweiz suchen monatlich in Inernet-Singlebörsen die grosse Liebe. Darunter immer mehr über 50-Jährige. In der aktuellen «Schweizer Illustrierten» sagen sie, was die Anbieter taugen.
50% aller Singles in der Schweiz suchen das Liebesglück in Online-Partnerbörsen. Jeder Siebte gibt an, dabei mindestens einmal erfolgreich gewesen zu sein.
© Getty Images 50% aller Singles in der Schweiz suchen das Liebesglück in Online-Partnerbörsen. Jeder Siebte gibt an, dabei mindestens einmal erfolgreich gewesen zu sein.

Nur einen Satz schrieb Ursula Haller, 63, vor vier Jahren in das Profil ihrer Online-Partnervermittlungsagentur: «Liebe Grüsse vom Thunersee.» Als landesweit bekannte Nationalrätin wollte sie nicht zu viel von sich preisgeben. Sie nannte weder ihren Namen, noch zeigte sie ein Bild von sich. Doch der eine Satz reichte, um die Neugierde von Reto Vannini, 63, zu wecken. Der Adjunkt in der Zürcher Bildungsdirektion schrieb der unbekannten Frau aus dem Berner Oberland ein Mail, sie schrieb zurück, schon bald treffen sie sich zum ersten Rendez-vous. «Und als wir uns das erste Mal begegneten, sagten beide spontan ‹Wow!›»

Auch Martina Sigrist*, 48, suchte ihr Liebesglück im Internet. Die Innerschweizerin ist seit acht Jahren geschieden, hat drei Kinder, ist kaufmännische Angestellte. Eine sportliche Frau, sie besucht gerne Konzerte. «Als ich mich bei einer Singlebörse angemeldet hatte, war ich wahnsinnig aufgeregt.» Sie klickte sich durch die Profile, schrieb Männer an und schaute ständig nach, ob sich jemand ihre Kartei angesehen hat. Doch je länger die Suche dauerte, desto mehr wich die Anfangseuphorie der Enttäuschung. Martina Sigrist hat es aufgegeben, im Netz nach einem Partner zu suchen: «Das Ganze ist anstrengend und frustrierend.»

Das Geschäft mit der Liebe boomt, vor allem im Internet. Früher suchte man in der Zeitung unter der Rubrik «Sie sucht ihn» oder «Er sucht sie» nach einem geeigneten Partner. Es gibt sie auch heute noch, diese kleinen Annoncen, in denen ein «kultivierter Er, 62, vielseitig interessiert, jemanden zum Ausgehen, Tanzen und Kuscheln» sucht. Doch der grösste Tummelplatz für partnersuchende Singles ist heute das Internet. Monatlich loggen sich rund 565 000 Menschen in der Schweiz in Singlebörsen ein. Hunderte Anbieter buhlen um deren Herzen, versprechen in ihrer Werbung ein Happy End. Wer hier sein Glück nicht findet, ist selber schuld …

Immer öfter nutzen auch die über 50-Jährigen die Angebote von Online-Partnervermittlungen. «Silver Surfer» werden sie genannt, in Anspielung auf die Haarfarbe in diesem Alter. Meist sind es Männer und Frauen, die Kinder, Scheidung und Altlasten hinter sich gelassen und keine Lust haben, die zweite Lebenshälfte allein zu verbringen.

Die über 50-Jährigen bilden in den meisten westlichen Staaten bereits die Mehrheit der Gesellschaft. «Es ist die Generation der Babyboomer, und die ist in den vergangenen Jahrzehnten immer auf den Wellen der Mode und des Erfolgs geschwommen», sagt Karin Frick, Leiterin der Research-Abteilung im Gottlieb Duttweiler Institute in Rüschlikon ZH. Sie hat für das GDI die Studie «Generation Gold» verfasst. «In ihrer Jugend haben die Babyboomer Autonomie im Denken, in der Kleidung, im Musikhören und in der Sexualität erkämpft. Nun erheben sie Anspruch, anders, besser und schöner alt zu werden als ihre Eltern.»

1998, nach 29 Ehejahren, liessen sich Ursula Haller und ihr damaliger Ehemann scheiden. Elf Jahre später war sie das Alleinsein müde. «War das alles?», fragte sie sich. Das Drängeln ihrer Tochter, es mit einer Partnervermittlung zu probieren, bewog Ursula Haller schliesslich, sich bei Parship anzumelden. «Ich musste allen Mut zusammennehmen. Aber was soll man in meinem Alter sonst tun, etwa in die Disco gehen?» Auch Reto Vannini hatte eine Scheidung hinter sich. «Eines Tages sagte mir meine Sekretärin, ich sähe nicht glücklich aus. Da wusste ich: Entweder ich unternehme jetzt etwas, oder es passiert gar nichts.» Auch er meldet sich auf Parship an.

Via Mailverkehr kommen sich Haller und Vannini näher. Sie schreiben sich mal humorvoll, mal ernst, immer offen. Irgendwann habe sich das Kribbeln eingestellt, die gleiche Mischung aus Vorfreude und Unsicherheit wie bei der ersten Jugendliebe. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich noch einmal so verlieben könnte», sagt Ursula Haller. 2009 heiratet das Paar. Den Antrag macht er ihr am Filmfestival in Locarno, als sie während eines heftigen Gewitters Schutz unter einem kleinen Dach suchen müssen.

Menschen fühlen sich durchschnittlich zehn bis fünfzehn Jahre jünger, als sie sind, sagt die Forschung. Und sie schätzen die Jahre rund um sechzig als die besten ihres Lebens ein. Karin Frick vom GDI sieht das noch von einer anderen Seite: «Erfolgreich alt werden ist nicht nur eine Option, es ist eine Pflicht.» Senioren hätten heutzutage vital, leistungsfähig und gesund zu sein – so wie es die Werbung vorführe. Das bewirke, dass gebrechliche Alte weniger Mitleid erwarten könnten, so Frick.

Schon länger hat auch die Werbe-Industrie das Potenzial der sogenannten «Best Ager» erkannt. Markenexperten wie Dominique von Matt wissen, dass die heutigen Senioren konsumerfahren und neugierig sind. «Sie kaufen exklusive Sportwagen, die meisten Finanzprodukte, buchen aufwendige Reisen und leisten sich Designer-Kleider.»

«Ohne das Internet hätte ich kaum eine Chance gehabt, einen Mann kennenzulernen», sagt Anita Gibel, 54. «Und ich hätte dich nicht gefunden», sagt sie und schaut liebevoll zu ihrem Gatten François. Nach neunzehn Jahren war Anita Gibels erste Ehe am Ende, nach der Scheidung sorgte sie für die drei Kinder. In den Ausgang habe sie kaum mal gehen können. «Und dort haben mich meist verheiratete Männer angesprochen.» Auch François Gibel, 61, versucht es nach seiner Scheidung zuerst «in der freien Wildbahn», mit mässigem Erfolg: «Ich ging in Zürich in die Widder-Bar. Dort sassen vier andere Männer mit derselben Absicht. Jedenfalls zogen sie alle den Bauch ein, wenn eine Frau die Bar betrat. Und als ich mich dabei ertappte, wie ich dasselbe tat, brach ich die Übung ab.»

Beide melden sich bei einer Online-Partnervermittlung an. François ist drei Monate auf dem Portal, Anita gerade mal zweieinhalb Wochen, dann werden sie vom System einander vorgeschlagen. Für ihn ist sie die fünfte Bekanntschaft, für sie ist er die dritte. Als Anita beim ersten Treffen die Treppe hochkommt, denkt er: «Wieso um Gottes willen schickt diese Frau ihre Tochter?» Der Spruch sitzt, Anita ist gerührt. «Ehrlich, das ging mir wirklich durch den Kopf!», sagt François.

Sechs Jahre ist das her. Und obwohl sich beide sicher waren, nie wieder heiraten zu wollen, haben sich François und Anita Gibel vor knapp einem Jahr trauen lassen. «Wir sind zwar Occasion, aber unfallfrei», scherzen sie. Kurz darauf ziehen sie in Kreuzlingen TG in ihre Traumwohnung mit Blick auf den Bodensee. «Hier wollen wir alt werden und den Lebensabend geniessen.»

Die grossen Online-Partnervermittlungsagenturen geben an, dass sie nach wissenschaftlichen Kriterien für ihre Kunden arbeiten, um die richtigen Partner zu finden. In aller Regel machen diese zuerst einen Persönlichkeitstest und notieren die Wünsche, die sie haben – beispielsweise, dass er Nichtraucher oder Naturliebhaber sein soll.

Auf Grundlage dieser Daten erstellt das System ein Profil des Kunden und gleicht es mit anderen Singles ab. Bewertet wird die Übereinstimmung mit einer Punktzahl. Je höher diese «Matching Points» sind, desto besser. Wenn sich zwei Singles füreinander interessieren, können sie sich in einem internen Mail-System schreiben und besser kennenlernen; sie selber entscheiden, wann sie ihre Anonymität aufgeben wollen. Im besten Fall tauschen sie Fotos und die Telefonnummern aus oder verabreden sich zu einem Treffen. Wenn nicht, probieren sie es mit der nächsten Person.

Sandra Gabler ist Direktorin für Österreich und die Schweiz des Branchenleaders Parship. Für sie sind die Vorteile ihres Systems klar: «Man ist zeitlich flexibel und sucht dann, wenn man Zeit hat. Und im Gegensatz zu einem Club oder einer Disco tritt man bei uns nur mit Menschen in Kontakt, die einem passen und ebenfalls auf Partnersuche sind.»

«Wenns so einfach wäre», sagt Martina Sigrist und lächelt verbittert. Würde die Werbung der Vermittlungsagenturen das halten, was sie verspricht, wäre sie längst erfolgreich verkuppelt. Die 48-Jährige ist eine charmante Gesprächspartnerin, attraktiv, und sie hat Humor. Ein Jahr hat sie in die Online-Partnersuche investiert und in dieser Zeit mehrere Männer getroffen – jedes Mal war sie enttäuscht. Keine Schmetterlinge im Bauch, keine sehnsüchtigen Gefühle, schon gar keine Liebesbeziehungen. «Der Unterschied zum Mail-Kontakt war bei realen Treffen teilweise erschreckend.»

Einige entpuppten sich als Schürzenjäger, andere seien «wandelnde Problemhaufen» gewesen, mehr als einmal sei sie an verheiratete Männer geraten, die nur eine Affäre suchten. Endgültig zu viel wurde es ihr, als ein Mann nach einem Treffen ihre Absage nicht akzeptierte und sie wochenlang mit SMS und nächtlichen Anrufen belästigte. «Ich versuche es nun mit einer klassischen Vermittlungsagentur», sagt Sigrist.

Marc Hiltbrand führt zusammen mit seiner Frau Angela eine solche Agentur. Seit 34 Jahren sind sie im Geschäft, der Kundenzulauf ist grösser denn je.

«Vor dreissig Jahren gab kaum jemand zu, die Hilfe einer Vermittlungsagentur in Anspruch zu nehmen. Heute ist das kein Problem. Viele Singles kommen zu uns, nachdem sie im Internet erfolglos gewesen sind.» 1500 Singles haben die Hiltbrands in ihrer Kartei, sie kennen jede und jeden persönlich. Unvermittelbar sei kaum jemand. Allerdings würden viele Leute zu hohe Ansprüche haben. Der Service ist um ein Mehrfaches teurer als im Internet. «Ab 3000 Franken», sagt Hiltbrand. «Dafür haben wir eine Erfolgsquote von sechzig Prozent.»

Klaus Heer, der bekannte Psychologe und Paartherapeut, ärgert sich über die Versprechen der Online-Partnerbörsen. Der wissenschaftliche Anspruch der «Matching»-Regeln sei nur heisse Luft, sagt er. «Die dahinterliegenden Theorien werden nebulös formuliert und – werbewirksam – wie das Geheimrezept von Coca-Cola behandelt.» Heer missfällt auch, dass die geläufige Vorstellung genährt werde, für jeden Menschen gebe es jemanden, der für ihn bestimmt sei. «Eine Illusion, die platzen muss, sobald man es mit diesem Menschen im Alltag zu tun bekommt.» Positives kann er dem Single-Markt im Internet nur wenig abgewinnen: «Wer es aufregend findet, wie in einem dicken Versandhaus-Katalog nach Menschen zu schmökern, kommt voll auf seine Kosten. Und immerhin, die Menschen kommen sich zuerst schriftlich näher und beurteilen sich nicht nach Äusserlichkeiten. Allerdings nutzen die meisten die Möglichkeiten eines solchen Austausches viel zu wenig.»

Für Ursula Haller und Reto Vannini haben sich alle Wünsche erfüllt. In der Thuner Altstadt haben sie eine Wohnung, und Reto Vannini ist hier (als Zürcher!) für die BDP gar in den Stadtrat gewählt worden, Ursula Haller selber sitzt in der Thuner Stadt-Regierung. Sie ist froh, dass sie den Versuch mit der Singlebörse wagte. «Wieso soll man nicht auch in der zweiten Lebenshälfte richtig glücklich sein? Das Einzige, was man braucht, ist etwas Mut!»



Interview mit Birgit Kollmeyer, 46, leitet das Präventionstraining für Paare (www.paarlife.ch) an der Universität Zürich. Sie sagt: «Die Liebe ist kein Garant».

Schweizer Illustrierte: Birgit Kollmeyer, in der Werbung vermitteln Singlebörsen den Eindruck, dass die Partnersuche simpel ist und stets klappt. Entspricht das der Realität?
Birgit Kollmeyer: Solche Agenturen können helfen, einen Menschen zu finden, der zu uns passt. Das heisst aber noch lange nicht, dass es zwischen diesen Personen tatsächlich funkt. Wie jemand wirkt, merkt man erst, wenn man ihn trifft. Das verschweigt die Werbung.

Aber erhöhen Partnervermittler die Chancen aufs grosse Liebesglück?
Sofern die Vermittlungsagentur seriös arbeitet, ja. Einige arbeiten auf wissenschaftlicher Basis und bringen Menschen zusammen, die viele Ähnlichkeiten besitzen. Das sind gute Voraussetzungen für eine Beziehung.

Sind es nicht Gegensätze, die sich anziehen?
Nein. Die Paarforschung zeigt, dass es besser ist, wenn die Partner ähnliche Werte, Wünsche, Ziele und Einstellungen haben. Gegensätze mögen anfangs sehr spannend sein, langfristig aber ist das Konfliktpotenzial in solchen Beziehungen grösser.

Wird die Liebe so nicht zu einer Ware? Wenn es nicht mehr passt, sucht man sich im Internet halt einen neuen Partner!
Diese Mentalität ist bei vielen Menschen leider vorhanden. Doch ob das einen Zusammenhang mit dem Internet hat, wissen wir nicht. Wir stellen aber fest, dass viele Menschen aufgeben, wenn es mit dem Partner schwierig wird, und sich neu orientieren, statt die Probleme gemeinsam anzupacken.

Über die Hälfte der Ehen in der Schweiz wird geschieden, im Durchschnitt nach 14,5 Jahren. Woran scheitern sie?
Frauen bemängeln oftmals die unzureichende Fähigkeit der Männer zu kommunizieren. Und Männer sagen oft, dass man sich unterschiedlich entwickelt habe. Entscheidend ist meist, dass sich die Ehepartner emotional voneinander distanziert haben.

Was kann man dagegen tun?
Wichtig ist, dass man sich austauscht und sich auf dem Laufenden hält. Man nennt das «emotionales Updating». Es bedeutet, dass Partner regelmässig darüber sprechen, wo sie stehen und was sie denken, was ihre Ziele und Wünsche sind. So entsteht Nähe und Verbundenheit. Wenn man nicht mitverfolgt, wohin sich das Gegenüber entwickelt, ist die Beziehung gefährdet.

Sind Kinder eine Belastung für die Beziehung?
Eine US-Studie hat gezeigt, dass kinderlose Ehen eher geschieden werden als solche mit Kindern. Insofern sind sie ein Stabilisator. Die Forschung zeigt aber auch, dass mit Kindern die Zufriedenheit in der Partnerschaft sinkt.

Viele Beziehungen schlittern in eine Krise, wenn die Kinder älter werden und nicht mehr im Mittelpunkt stehen.
Ja, aber die Probleme sind meist vorher schon da. Sie werden nur weniger wahrgenommen, weil sich die Ehepartner stark auf die Kinder konzentrieren oder im Extremfall die Beziehung nur ihretwegen aufrechterhalten. Wenn die Kinder dann ausziehen oder selbstständig werden, spüren die Ehepartner die Probleme stärker.

In der zweiten Lebenshälfte finden viele Menschen nach einer Trennung oder Scheidung ein neues Liebesglück. Stehen die Chancen in der neuen Beziehung besser?
Das hängt wesentlich davon ab, ob man aus der gescheiterten Beziehung die richtigen Lehren zieht. Das ist zum Glück möglich. Probleme bereitet älteren Menschen oft, dass sie ausgeprägte Verhaltensmuster haben und diese nicht ablegen können oder wollen. Wenn das erste Feuer erloschen ist, fallen sie oft in die alten Muster zurück.

Ist der Mensch überhaupt dafür geschaffen, ein ganzes Leben mit derselben Person zu verbringen?
Es ist auf jeden Fall ein hoher Anspruch. Die Hälfte aller Paare muss sich im Laufe einer Beziehung mit der Untreue eines Partners beschäftigen. Selbst die Liebe ist kein Garant fürs Zusammenbleiben. Es lassen sich auch Paare scheiden, die sich noch immer lieben.

Was braucht es noch?

Man muss sich für die Beziehung engagieren, daran arbeiten und bereit sein, Krisen zu überwinden. Und wie wir mit Stress umgehen, spielt eine entscheidende Rolle.

Inwiefern?
Stress ist ein Beziehungskiller. Die Fähigkeit von uns Menschen zu kommunizieren, sich auf andere einzustellen, sinkt unter Stress um sechzig Prozent! Gestresst kommunizieren wir schlechter, tauschen uns dann deswegen weniger aus und verlieren so die Nähe zum Partner. Ein Teufelskreis.

Was ist eigentlich Liebe?
(Lacht.) Für jeden Menschen etwas anderes! Für mich bedeutet es Nähe, füreinander da sein und etwas für die Beziehung tun.

 

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