Familie Freysinger «Papa ist ein miserabler Verlierer»

Die Schweiz kennt ihn als knallharten SVP-Politiker. Doch wie ist Oskar Freysinger als Vater? Und wie ticken seine Kinder? Ein Familiengespräch über Zucht und Ordnung, Werte und Ideen, Internet und Porno.

Auf der politischen Bühne sorgt Oskar Freysinger öfter und gern für rote Köpfe. Denn der Walliser SVP-Nationalrat provoziert und polarisiert, selbst in der eigenen Partei. Zu Hause in Savièse oberhalb von Sitten ist die Unterstützung für ihn bedingungslos. «Hier ist er nicht Politiker, sondern der beste Vater und Gatte, den man sich vorstellen kann», sind sich alle einig. Freysinger ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Autor mehrerer Bücher. Er wohnt zusammen mit seiner Frau Ghislaine, 48, und Tochter Laura, 17, die das Gymi besucht, im eigenen Haus. Die älteste Tochter, Fanny, 22, studiert in Lausanne. Yoann, 20, schliesst gerade seine Lehre als orthopädischer Schuhmacher ab, er wohnt mit seiner Freundin in Ried-Brig.

Schweizer Illustrierte: Die SVP steht für Zucht und Ordnung. Wie ist das bei Ihnen zu Hause?
Yoann: Papa ist furchtbar streng! Wenn ihm etwas nicht passt, zählt er auf drei. Das geht dann so: Eins, zwei, zwei ein Viertel, zweieinhalb … (Gelächter.) Im Ernst: Er ist konsequent, aber sehr fair.
Ghislaine: Glücklicherweise müssen wir nie besonders streng sein. Wir haben grosses Glück mit unseren Kindern, sie sind wunderbar. Oskar: Sie diskutieren untereinander mehr als mit uns!

Wie ist es, einen Vater als Nationalrat zu haben?
Yoann: Als Kind habe ich unter den Anfeindungen gelitten. Heute können die Leute sagen, was sie wollen. Für mich ist er mein Vater, nicht der Politiker. Aber wenn ich im Badminton ein Turnier gewinne, steht in der Zeitung jeweils, der Sohn vom Freysinger habe gesiegt, das nervt.
Laura: Ich leide manchmal darunter. Wenn wir zusammen an einen Sion-Match gehen, gibt es Leute, die Papa beschimpfen und sogar bedrohen. Ich stehe dann fassungslos daneben. Begreifen diese Menschen nicht, dass hier ein Vater mit seiner Tochter bloss ein Fussballspiel besucht? Sie sehen nur seine politische Tätigkeit.
Oskar: Und es ginge ja noch, wenn sie wenigstens meine Ideen kritisieren würden, dann könnte man diskutieren. Aber diese Leute kennen nur mein mediales Bild und mögen den Freysinger deshalb nicht. Als Gegenmassnahme habe ich irgendwann damit angefangen, solche Leute zu uns nach Hause einzuladen. Und so werden aus Feinden ab und zu sogar Freunde.

Wie war das in der Schule?
Fanny: Manche Kolleginnen und Kollegen kennen und mögen meinen Vater, die machen dann Komplimente. Probleme gab es aber mit Lehrern. Bei einigen merkte man es gleich, dass sie einen nicht mögen, weil man der Sohn vom Freysinger ist, das war schwer zu begreifen. Yoann: Und ausgerechnet diese Lehrer gaben jeweils Wahlempfehlungen ab, natürlich nie für die Rechten. Hätte das mein Vater nur einmal gemacht …

Herr Freysinger, dachten Sie je daran, der Familie wegen die Politik aufzugeben?
Oskar: Ja, einmal, das war im November 2002, nach dem Brandanschlag auf unser Haus. Aber Ghislaine sagte, das komme überhaupt nicht infrage.
Ghislaine: Dabei mag ich die Politik selber nicht. Mein Vater war CVP-Politiker und darum jahrelang immer abwesend. Aber ich wollte nicht, dass jemand uns Angst machen kann und so seine Ziele erreicht. Wir leben in einer Demokratie, und man hat das Recht, seine Meinung zu äussern.

Gilt das auch zu Hause?
Ghislaine: Unbedingt! Unser Heim soll wie ein Kokon sein, wo das Vertrauen regiert und man sich alles sagen kann. Ohne Tabus und ohne Ängste. Unsere Kinder sollen hier ihren Charakter und ihre Stärken entfalten können.
Oskar: Und wir haben immer viel zusammen unternommen, so ist dieses starke Familienband entstanden. Früher machten wir jedes Jahr Camping- oder Skiferien in kleinen Alphütten oder einmal gar einen Alpaufzug. Heute singen wir oft miteinander. Ghislaine produziert Musicals, ich schreibe Musik, zusammen üben wir Lieder ein. Im letzten Musical spielte Fanny die Hauptrolle, Laura und Yoann waren als Statisten dabei. In unserem Kulturzentrum hier in Savièse sind sie sechsmal vor 500 Leuten aufgetreten! Und so merken die Menschen auch, dass die Freysingers eine starke Familie sind. Da ist nicht bloss der Oskar, der Politik macht.
Yoann: Wir sind sehr geeint, das macht vieles einfacher. Man getraut sich auch, Fehler zu machen, weil der Rückhalt der Eltern da ist und man nicht zusammengestaucht wird. Mühsam ist Papa nur, wenn ich im Sport gegen ihn gewinne. Er ist ein miserabler Verlierer! (Gelächter.)

Ist die Politik am Familientisch ein Thema?
Yoann: Eher selten.
Oskar: Es ist nicht so, dass wir politische Themen in der familiären Domäne vermeiden. Aber wir haben ganz einfach andere gemeinsame Interessen.

Wählen hier alle die SVP?
Yoann: Ja.
Fanny: Ich gehe dann an die Urne, wenn mich eine Abstimmung wirklich interessiert oder betrifft. Natürlich wähle ich meinen Vater, aber in Sachfragen kann ich durchaus auch mal mit den Linken sein.
Ghislaine: Ich halte es wie Fanny.

Das Haus der Freysingers steht nicht nur für die Kinder jederzeit offen. Seit sechs Jahren wohnt mit ihnen eine ehemalige Schülerin Freysingers. «Ihre Familie kümmerte sich nicht um sie, also nahmen wir sie auf.» Ein halbes Jahr lang fand auch eine Rumänin mit ihrer Tochter bei den Freysingers Zuflucht, sie wurde von ihrem Mann bedroht. Und ein junges Ehepaar, das auf der Strasse gelandet war, lebte ebenfalls einige Monate mit ihnen. «Man muss nicht nur sozial reden, sondern handeln!», sagt Freysinger.

Herr Freysinger, als Vater möchte man seine Werte und Ideen weitergeben. Auch die politischen?
Oskar: Nein, nicht unbedingt. In der Erziehung vermittelt man die Werte über das eigene Beispiel. Ich versuche, einfache Lebensprinzipien weiterzugeben, die bleiben eher hängen. Und ich hoffe, unsere Kinder erkennen, dass ich zu meinem Wort stehe und zu Ende führe, was ich angefangen habe. Wenn ich sehe, wie meine Kinder sich durchkämpfen und hocharbeiten, bin ich sehr stolz.

Was tun Sie, wenn eines Ihrer Kinder eine halbe Stunde zu spät vom Ausgang nach Hause kommt?
Oskar: Das machen sie nicht, das ist es ja! Sie hatten auch nie einen grossen Drang, auszugehen. Im Gegenteil, sehr oft kommen sie mit ihren Freunden hierher und sitzen bis um drei Uhr morgens im Wintergarten, weil sie es hier gut haben.

Wie setzen Sie Regeln durch, wenn es sein muss?
Fanny: Er sagt: Eins, zwei, zwei ein Viertel, zweieinhalb … (Gelächter.)
Ghislaine: Man muss Grenzen setzen und Stopp sagen können. Das gehört zur Erziehung. Und natürlich hatte ich anfangs Ängste und Zweifel, wenn sie in den Ausgang gingen. Aber dann schrieb ich ein SMS und erhielt jeweils prompt eine Antwort. Einmal, da war ich allerdings überfordert. Das war, als Yoann mit sechzehn Jahren an einem Abend spät zum ersten Mal ein Mädchen mit nach Hause genommen hat.
Oskar: Ghislaine kam zu mir und fragte mich im Flüsterton, was die im Zimmer wohl tun würden? «Na, was wohl? Kaffee trinken», sagte ich.

Und, was habt ihr tatsächlich getan, Yoann?
Yoann: (Lacht.) Kaffee getrunken!

Was möchten Sie als Eltern Ihren Kindern vermitteln?
Oskar: Jedes Kind hat einen ganz anderen Charakter, nach meinem Ideal jemanden formen kann ich bestimmt nicht. Wie gesagt, ich versuche, mit dem guten Beispiel voranzugehen, und hoffe, sie nehmen das Beste von uns und passen es auf ihren Charakter und ihre Lebensumstände an.
Ghislaine: Wenn man einem Kind eine Idee aufzwingen möchte und Druck ausübt, wird es ziemlich sicher genau das Gegenteil machen.

Wie gehen Sie mit dem Internet um?

Oskar: Unsere Kinder sind erwachsen genug. Man muss sich da nichts vormachen, Kinder finden immer einen Weg, um an ihr Ziel zu kommen.

Es gibt Millionen von Seiten voll von Pornografie oder roher Gewalt.
Oskar: Wenn das Werte- und Weltverständnis eines Kindes intakt ist, und das ist bei unseren Kindern der Fall, dann haben sie so etwas wie Antikörper gegen den ganzen Schrott, der im Internet zu sehen ist. Und was all die Pornoseiten betrifft: Es gibt Klügeres. Aber Sexualität ist der Ursprung und die Basis jedes Lebens, da ist nichts Schlechtes daran. Sexualität und Zärtlichkeit gehören zum menschlichen Dasein. Auch das muss man in der Erziehung vermitteln. Meine Frau und ich sind seit 24 Jahren zusammen und lieben uns wie am ersten Tag.

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