Karezza & Co. Slow-Motion im Bett - ein Plus in jeder Beziehung

Wenn es im Bett nicht mehr so läuft, werden Paare kreativ. Auf der Suche nach der sexuellen Erfüllung begegnen einem nicht selten Begriffe wie Tantra oder Karezza - der Geschlechtsverkehr soll mehr werden als reine Triebbefriedigung. Doch worum geht es dabei eigentlich? SI online hat mit Experten gesprochen.
«Gspürschmi-Fick» statt Penetration? Es führen viele Wege zum Höhepunkt - oder eben nicht.
© Getty Images «Gspürschmi-Fick» statt Penetration? Es führen viele Wege zum Höhepunkt - oder eben nicht.

Was macht eigentlich guten Sex aus? Lust? Penetration? Ein Orgasmus? Wie hält man das Sexleben in der Beziehung über die Jahre aufrecht? Was wäre, wenn es den Geschlechtsverkehr beim Akt gar nicht bräuchte? Wenn es in der Partnerschaft kriselt, beginnen wir, uns Fragen zu stellen. Und wir beginnen, nach Antworten zu suchen.

Partnerschaftsratgeber führen uns auf neue Wege zur Sinnlichkeit. Die schlüpfrigen «50 Shades»-Bücher lassen uns mit der Frage zurück, ob wir denn total verklemmt sind. Und dann besteht seit einiger Zeit ein mediales Interesse an Begriffen wie Tantra, Stilles Lieben oder Karezza - allesamt Techniken bei dem das Zusammengehörigkeitsgefühl über dem reinen Trieb steht. Für den etwas anderen Liebesakt haben die meisten bisher trotzdem nur ein müdes Lächeln übrig. Und ganz viele Vorurteile: Begriffe wie «Räucherstäbli-Sex», «Gspürschmi-Fick» oder «Alternativ-Beziehung» werden dem um die Ohren gehauen, der es wagt, in der Partnerschaft neue Wege zu gehen. 

VERLOREN AUF DER AUTOBAHN DER LUST
Wie viel Esoterik steckt aber tatsächlich in dieser Art der Erotik? Und haben wir das wirklich nötig? «Ja», findet Doris Christinger, seit 30 Jahren Sexual-, Paar- und Körpertherapeutin. Den 0815-Sex in einer Partnerschaft nennt sie «Reibungssex». Eine Art von «Liebe machen», die eben nichts mehr mit Liebe zu tun habe. «Man hat Fantasien im Kopf, meistens sogar enge Ablaufmuster für den Akt, eine echte Begegnung findet aber nicht mehr statt», meint sie. Lustvolle Wildheit werde nicht selten mit beindruckender Performance gleichgesetzt.

Wer sich also auf der Autobahn der Lust verliert, könnte früher oder später in einer Sackgasse enden. Da beginnt das wahre Problem gemäss Christinger aber erst. «Kriselt es in einer Beziehung gehen die Ursachen für beide Partner oft extrem auseinander.» Der Mann meint: «Hätten wir mehr Sex, wäre ich offener für tiefe, intensive Gespräche.» Die Frau hingegen sagt: «Wenn du präsenter und liebevoller wärst, hätte ich mehr Lust auf Sex.» Diese Diskrepanz versuchen Christinger und ihr Partner in Seminaren anzugehen - um das Zusammengehörigkeitsgefühl zweier Liebender wieder zu stärken. Stilles Lieben nennen sie es.

LIEBEN WILL GELERNT SEIN
«Nicht wie wir ‹heiss werden› steht im stillen Lieben im Vordergrund, nicht die Erektion oder der Orgasmus sondern die Stille selbst und das orgasmische Sein», beschreiben Christinger und ihr Partner Peter A. Schröter in ihrem Buch «Vom Nehmen und Genommen werden». Wer sich dem tantrischen Ansatz stellen will, der muss die Technik des Entschleunigens allerdings regelrecht erlernen. Und wohl auch bereit sein, sich seinen Ängsten zu stellen: Die Frau etwa setzt sich intensiv mit ihrem Frauenbild auseinander, der Mann erfährt, wie es ist, nicht nur als phallischer Liebhaber wahrgenommen zu werden. Es brauche zirka 30 Wiederholungen, bis der Körper entsprechend reagiere. Klar, «wer einmal eine Yoga-Stunde besucht, ist danach auch noch nicht weiter, es braucht eben Übung». 

Das geht in einem Seminar dann ungefähr so: Nach einer kurzen Theorie-Einführung sitzen sie und er sich gegenüber, schauen sich tief in die Augen. Oder sie küssen sich. Sie öffnen sich. Dann geht das Paar auf sein Zimmer mit der Aufgabe, sich zwei Stunden zu lieben. Vielleicht massieren sie sich, vielleicht stimulieren sie sich. Sobald jedoch zu viel «Hitze» entsteht, entschleunigen sie wieder.

Und sie zünden ein Räucherstäbli an. Oder?

Kristina Pfister schmunzelt dazu. Die Sexualberaterin und Körper-Sexualtherapeutin arbeitet seit 16 Jahren mit dem Thema Liebe, kennt sich aus mit Karezza und Co. - und sie kennt die Vorurteile der Leute. «Es geht doch einfach darum, entspannen zu können und aus dem Hamsterrad auszusteigen. Da können Hilfsmittel wie Musik, Kerzen oder auch Räucherstäbli hilfreich sein, nötig sind sie nicht», sagt sie. Es scheint sowieso, als hänge die Skepsis gegenüber diesen Ansätzen weniger mit dem esoterischen Touch der Sache zusammen, sondern vielmehr in der Begrifflichkeit selbst.

«DAS IST TOLL»
So sieht es zumindest Pfister. Auf die Frage, Karezza in einem Satz zu beschreiben, antwortet sie: «Es ist die stetige Umwandlung von Sex in Liebe – unmöglich, es in wenigen Worten zu beschreiben» Es sei aber definitiv weniger eine Technik, denn eine Philosophie, eine Haltung. Die beiden Profis sind sich einig: Wer in seiner Beziehung Sex nur zur Befriedigung nutzt, scheitert über kurz oder lang. Eine Sexualität, die hingegen der Zweisamkeit dient, der Verbundenheit, der Liebe, «die stärkt und stabilisiert die Partnerschaft», so Pfister.

Man stelle sich also ein Liebesleben ohne Angst und Stress vor und sucht wohl so früher oder später eine Ausfahrt von der Autobahn der Lust. Oder wie erklärt sich sonst, dass sowohl Christinger als auch Pfister eine Veränderung ihrer Klientel bemerken. Es interessieren sich immer mehr junge Leute für eine Erweiterung ihres sexuellen Horizonts und Paare mit Schwierigkeiten stellen sich schneller ihren Problemen. «Das ist toll, da kann man richtig nachhaltig arbeiten», freut sich Pfister. Und Christinger ergänzt: «In dieser Hinsicht ist die Gesellschaft offener und interessierter geworden.»

Fachliteratur zum Thema finden Sie im Buch «Vom Nehmen und Genommen werden – Für eine neue Beziehungserotik» von Doris Christinger & Peter A. Schröter

Oder: in «SexKiste der Liebe» von Kristina Pfister & Claude Jaermann - über 500 Fragen auf 46 Themenkarten sollen mehr Klarheit und Verständnis ins Liebesleben von Paaren bringen.

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