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Zoo-Zürich-Direktor Severin Dressen zum Tod der kleinen Elefanten

«Wir sind täglich mit dem Tod konfrontiert»

Im Zoo Zürich sind kurz nacheinander zwei Elefanten gestorben. Ihr Verlust bewegt Menschen von nah und fern. Zoodirektor Severin Dressen versteht die Trauer. Aber er sagt auch: «Wir sind nicht nur eine Wohlfühloase.»

Umesh und Omysha im Zoo Zürich. Copyright: Zoo Zürich, Enzo Franchini

Aus glücklichen Tagen: die Geschwister Umesh (l.) und Omysha beim Herumalbern im Elefantenpark.

Enzo Franchini

Es ist die letzte Woche vor den Sommerferien, diese Tage, wo niemand mehr mag und doch noch alle müssen. Dann kommt ein Besuch im Zoo gerade recht. Eine Schulklasse nach der anderen passiert die Eingangsschleuse. Nur einer ist an diesem Morgen nicht in Ferienstimmung: Zoodirektor Severin Dressen, 34. In seiner Anlage sind kürzlich zwei Asiatische Elefanten am Herpesvirus verstorben: die Geschwister Umesh, 2, und Omysha, 8. Nun hat er alle Hände voll zu tun.

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David Biedert

Severin Dressen, es gibt Besucher, die sich eine Grabstätte für Umesh und Omysha wünschen …
Spätestens hier sage ich Nein. Das würde zu weit führen. Weil wir dann konsequenterweise für jedes Tier eine Gedenkstätte errichten müssten. Und was man nicht vergessen darf: Als Zoo haben wir einen wissenschaftlichen Anspruch. Es geht uns primär um die Erhaltung von bedrohten Tierarten. Aber ich finde es vollkommen legitim, wenn jemand für sein Haustier einen Gedenkort errichtet.

Haben Zoo-Mitarbeitende ein entspannteres Verhältnis zum Tod ?
Ja, weil sie täglich damit konfrontiert sind. Die meisten unserer Tierpflegerinnen und Tierpfleger haben mit fleischfressenden Tieren zu tun. Diesen verfüttern sie keine abstrakten Fleischstücke, sondern oft ganze Tiere, ein Huhn etwa oder eine Maus. Im Zoo ist der Tod allgegenwärtig.

Sie haben den übrigen Elefanten Zeit gegeben, sich von ihren verstorbenen Artgenossen zu verabschieden. Trauern Elefanten?
In unserer Gesellschaft tendieren wir dazu, Tiere zu vermenschlichen. Wir schreiben ihnen Charaktereigenschaften zu, die nur wir Menschen haben. Darum bin ich vorsichtig damit. Trauern geht über die reine Verlusterfahrung hinaus. Sie bedingt, dass wir uns an positive Erfahrungen in der Vergangenheit erinnern, die wir in der Zukunft vermissen werden.

Dann beschreiben Sie doch mal ganz rational, was beim Verabschieden passiert.
Bei Omysha sind die anderen Elefanten an sie herangetreten, haben sie berührt und an ihr gerochen. Das ist wichtig, damit sie verstehen, dass das Tier tot ist. Ansonsten würden sie wohl lange nach ihr suchen.

Wenn ein Elefantenbaby zur Welt kommt, feiert der Zoo das gross. Wie offensiv kommunizieren Sie den Tod?
Ich finde, man kann nicht transparent genug sein. Wir müssen doch zeigen, dass das Leben nicht nur schön ist. In unserer Gesellschaft neigen wir dazu, alles Negative auszublenden. Aber in der Natur gehören das Verletztsein, das Sterben und der Tod dazu. Wir sind keine Wohlfühloase, wo alles immer gut ist.

Wo setzen Sie Grenzen?
Es geht uns immer um die Sache – nie um Effekthascherei. Darum stellen wir zum Beispiel keine Bilder zur Verfügung, die ein verletztes Tier beim Sterben zeigen. Das bringt keinen Mehrwert.

Omysha und Umesh sind an einer Herpesvirus-Erkrankung gestorben. Was macht das Virus so gefährlich?
Er sorgt dafür, dass die Blutgerinnung nicht mehr funktioniert. In der Folge kommt es zu inneren Blutungen und Organversagen. Leider kann man Viren sehr schlecht mit Medikamenten behandeln. Und eine Impfung gibt es bisher noch nicht.

Welche Möglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung?
Wir können erkrankten Tieren antivirale Medikamente geben und sie mit Bluttransfusionen behandeln – im Idealfall enthält dieses Blut Antikörper gegen das Virus.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist das Herpesvirus in fast allen Elefanten latent vorhanden. Werden noch weitere Tiere sterben?
Das können wir nicht ausschliessen. Wir wissen nicht, warum das Virus bei einem Tier ausbricht und beim anderen nicht. Aber klar ist: Wenn es ausbricht und die Tiere noch keine Antikörper haben, dann haben sie sehr schlechte Überlebenschancen.

Was geschieht mit den verstorbenen Tieren?
Sie werden wie alle toten Tiere im Zoo von Pathologen untersucht. Diese entnehmen Proben, damit wir im Idealfall der Forschung helfen können.

Wann kommt die Herpes-Impfung?
Das Problem ist, dass bei dieser Forschung keine Roche oder Novartis mit Milliarden dahintersteht. Das ist kommerziell zu wenig interessant. Es gibt Fortschritte, aber von einer fertigen Impfung sind wir noch weit weg.

Nach dem Tod von Umesh und Omysha leben noch sechs Elefanten im Zürcher Elefantenpark. Planen Sie Zuwachs?
Das wäre nur durch die Zeugung von Nachwuchs möglich. Aber da müssen wir in Absprache mit dem europäischen Zuchtprogramm für Asiatische Elefanten zuerst herausfinden, ob, und wenn ja, wie wir züchten dürfen.

Von Michelle Schwarzenbach am 16. Juli 2022 - 08:06 Uhr
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