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«Die Jüngste war ein Bébé»

Besuch im Corona-Drive-in-Testzentrum in Bern

Sie kommt möglichen Corona-Infizierten ganz nah. Samariterin Astrid Müller testet im Drive-in-Center in Bern die Schweizer Bevölkerung auf das Virus. «Mein Sohn ist mega stolz auf mich.»

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Astrid Müller vor dem Drive-in-Testzentrum beim Berner Wankdorf. Seit dem 2. April ist es von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Remo Nägeli

Astrid Müller, 54, ist Samariterin durch und durch. «Schon mein Vater war im Verein, das Helfer-Gen liegt mir im Blut», sagt die Bernerin, die mit ihrem Mann in Aarberg das Hotel Krone führt. «Ich habe mich schon vor der temporären Schliessung unseres Betriebs durch den Bund als Helferin im Corona-Testcenter gemeldet», sagt sie und fügt schmunzelnd an: «Ich habe eben einen toleranten Mann.» Seit Eröffnung des Drive-in-Testcenters auf dem Expo-Gelände beim Berner Wankdorf vor zwei Wochen ist Müller jeden Tag im Schichtbetrieb im Einsatz. «Die ersten vier Tage war der Andrang riesig. Die Leute warteten bis zu vier Stunden im Auto.» «350 war das Maximum pro Tag. Man könnte bis 500 bewältigen.»

 

 
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Thomas Heiniger schaut den Samariterinnen Astrid Müller (r.) und Marietta Ramseier beim Testen zu.

Remo Nägeli
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Ruhiger sieht die Lage beim Besuch von Thomas Heiniger (siehe Interview unten) am Dienstagmorgen nach Ostern aus. Der Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) lässt sich von Müller das Testprozedere erklären. Das Projekt, welches das SRK im Auftrag des Kantons Bern zusammen mit dem Samariterbund und dem Militär-Sanitäts-Verband aufgebaut hat, ist einzigartig: Hier kann sich die Schweizer Bevölkerung auch ohne Arztüberweisung testen lassen. Bedingung ist, dass man einen Online-Fragebogen ausfüllt.

Das erste Auto rollt in eine von zwei Teststrassen. Der Mann mittleren Alters kurbelt die Scheibe runter, Müller begrüsst ihn, fragt nach dem Strichcode des Online-Tests – dann beginnt ihre Kollegin im Pischi («so nennen wir den Schutzanzug») mit dem Abstrich. Die rund 1000 Leute, die sich bisher testen liessen, waren altersmässig durchmischt. «Die Jüngste war ein Bébé.» Als Symptome gaben viele Halsweh, Husten und oder eine laufende Nase an. Der Grossteil von ihnen arbeitet laut Müller im Gesundheitswesen, aber auch auf dem Bau. «Die kamen mit dem Firmenwagen – der Arbeitgeber schickte sie.» Maximal zwei Tage dauerts bis zum Bescheid. Ist er negativ, kommt das Resultat per Mail, im positiven Fall ruft der Arzt an. Obwohl Müller nicht weiss, wie lange ihr Einsatz dauert – ihre Familie steht hinter ihr. «Mein 17-jähriger Sohn ist mega stolz.»

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Seit Juni 2019 im Amt als SRK-Präsident: Thomas Heiniger vor dem Drive-in-Testzentrum in Bern-Wankdorf.

Remo Nägeli

SRK-Präsident Thomas Heiniger: «Immunitätstests sind hilfreicher»

Herr Heiniger, sind Sie beruflich noch oft unterwegs?
Thomas Heiniger:
Nein, ich arbeite seit drei Wochen im Homeoffice. Sitzungen führen wir virtuell. Heute wollte ich mir aber vor Ort einen Eindruck von unserer Arbeit verschaffen. Natürlich gut geschützt.

Mit 62 gehören Sie noch nicht zur Risikogruppe.
Vom Alter her nicht, aber mir fehlt seit einem Töffunfall die Milz. Sie ist nicht lebensnotwendig, und doch bin ich anfälliger, leide häufiger an Erkältungen.

Sehen Sie Ihre Familie noch?
Ja, auf dem Bildschirm. Aus dem sonntäglichen Znacht wurde ein Videochat. Dort stossen ich und meine Frau mit unseren drei Kindern zum Apéro an. Und meine Enkeltochter, die am Ostermontag sechs Monate alt wurde, lächelt in die Kamera. Natürlich würde ich sie lieber in den Armen halten.

Wo sehen Sie die Rolle des Roten Kreuzes in diesen Krisenzeiten?
Das SRK steht für Solidarität, Menschlichkeit, Betreuung und Schutz. Jetzt können und müssen wir uns bewähren.

Wie?
Etwa mit diesem Testzentrum, das wir im Auftrag des Kantons Bern aufgebaut haben. Aber auch mit Lebensmitteltransporten oder der Telefonhilfe. Die finde ich besonders wichtig. Vielen allein lebenden und älteren Menschen, welche aufgrund von Corona zu Hause bleiben müssen, fehlen die sozialen Kontakte. Wir sind dort gefordert, wo es um die Verletzlichen, die Schwächsten und die Vergessenen geht.

Das SRK lebt von der Freiwilligenarbeit. Oft sind das Pensionäre, die heute zur Risikogruppe zählen. Haben Sie Personalengpässe?
Tatsächlich sind die über 65-Jährigen vorübergehend aus der Freiwilligenarbeit ausgeschieden. Dafür gab es eine riesige Solidaritätswelle von jüngeren Menschen, solche in Kurzarbeit oder gerade ohne Job. 4500 neue Freiwillige haben sich über unsere Online-Plattform Chatbot gemeldet, rund 53000 haben die App «Five up» runtergeladen. Das hat mich extrem gefreut.

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Interview mit Masken: «Weil mir die Milz fehlt, gehöre ich wohl auch zur Risikogruppe», sagt Heiniger im Gespräch mit SI-Redaktorin Jessica Pfister.

Remo Nägeli

Das SRK ist ja nicht nur im Inland tätig. An Ostern haben 110 humanitäre Organisationen von Bundesrat und Parlament gefordert, sich für eine Evakuierung von möglichst vielen Flüchtlingen aus Griechenland einzusetzen. Das SRK gehörte nicht dazu. Weshalb?
Auch wir sind in Kontakt mit unseren Partnern im Ausland, investieren in Freiwilligenarbeit, Aufklärung und Prävention. Das SRK prüft eine weitere Unterstützung des Griechischen Roten Kreuzes. Zudem setzen wir uns direkt beim Bundesrat dafür ein, dass die Schweiz mit den anderen europäischen Ländern Asylsuchende aus den griechischen Lagern aufnimmt, aktuell insbesondere unbegleitete Minderjährige.

Sie waren zwölf Jahre Gesundheitsdirektor des Kantons Zürich, präsidierten drei Jahre die kantonalen Gesundheitsdirektoren. Was geben Sie dem Bundesrat für ein Zeugnis?
(Lacht.) Es ist sicher nicht an mir, Noten zu verteilen. Aber ich finde, dass der Bundesrat überlegt, verantwortungsvoll und transparent handelt. Die Bevölkerung versteht, welche Kämpfe die Regierung austrägt, sie ist sehr nahbar.

Trotzdem: Wegen fehlender Schutzmasken muss der Bund viel Kritik einstecken. Zu Recht?
Die letzten Jahre hat die Politik andere Prioritäten gesetzt: Effizienz und Wirtschaftlichkeit standen im Zentrum.

Im Gesundheitswesen wurde gespart, auch der Kanton Zürich hat Spitalbetten gestrichen. Ein Fehler?
Aus heutiger Sicht frühere Entscheide zu kritisieren, ist einfach – hilft uns aber nicht. Heute haben wir die Situation, dass einige Spitäler überlastet sind und andere Kurzarbeit anmelden müssen. Das ist auch nicht gesund. Hinter all den aufgeschobenen Operationen stehen ebenfalls Schicksale. In der Krise braucht es eine ständige Neubeurteilung. Aber klar ist: Corona wird das Gesundheitssystem und unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Es braucht eine gute Pandemievorsorge – die aber finanziell vertretbar ist.

Nochmals zu den Masken: Kann das SRK beim Engpass aushelfen?
Unsere Logistik hat in Absprache mit dem Bund grosse Mengen an Tests sowie Masken, Schutzbekleidung und -brillen beschafft respektive bestellt.

Wie hat sie das gemacht?
Indem wir unser Netzwerk und unsere Expertise nutzen, die wir dank langjähriger Erfahrung bei der Katastrophenhilfe im Ausland haben – etwa
bei Ebola. Als Teil der internationalen Rotkreuzbewegung kann die Logistik-Einheit auf diese Kontakte wie aktuell in China oder Korea zurückgreifen.

Das Testzentrum in Bern steht allen offen. Dementsprechend gross ist die Quote an negativen Tests – rund 96 Prozent. Lohnt sich das überhaupt?
Es lohnt sich, weil die positiv Getesteten die Isolation ernst nehmen und keine weiteren Menschen anstecken und die anderen beruhigt sind.

Allerdings kann ein Test, der heute negativ war, morgen positiv sein.
Ja, die heutigen Tests sind nur eine Momentaufnahme. Deshalb finde ich die Immunitätstests hilfreicher. Diese Bluttests zeigen, ob man die Corona-Infektion bereits hinter sich hat.

Noch weiss man aber gar nicht, wie lange die Immunität anhält!
Ja, aber unsere Experten untersuchen derzeit eine Auswahl der Tests, auch am Berner Inselspital. Sobald diese medizinisch abgesegnet sind, wollen wir sie auch hier am Testcenter einsetzen. Nur so können wir mittel- und langfristig das soziale Leben und die Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Von Jessica Pfister am 16.04.2020
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