1. Home
  2. People
  3. Kerzers: Nach der Postauto-Tragödie trauert die Schweiz und versucht, das Unfassbare zu fassen.
Die Chronik des Infernos

Die Schweiz trauert nach der Brand-Katastrophe in Kerzers

Nur 68 Tage nach dem verheerenden Brand in Crans-Montana VS zündet sich in Kerzers FR ein Mann im Postauto an und reisst fünf Menschen mit in den Tod. Die Schweiz trauert und versucht, das Unfassbare zu fassen.

Artikel teilen

<p>Die meisten Passagiere im hinteren Bereich des Postautos hatten keine Chance, dem Inferno zu entkommen.</p>

Die meisten Passagiere im hinteren Bereich des Postautos hatten keine Chance, dem Inferno zu entkommen.

keystone-sda.ch

Das Meer aus Blumen und Kerzen kontrastiert mit dem fröhlichen Blau des Himmels. Bei der Gedenkstätte im 5500-Seelen-Dorf Kerzers im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg trauern zahlreiche Menschen um die sechs Todesopfer des Postautobrands vom vergangenen Dienstagabend. Es sind Bilder, die unweigerlich die noch frischen Erinnerungen an das Unglück in Crans-Montana hervorrufen. Schon wieder muss die Schweiz eine Brandkatastrophe verarbeiten.

<p>Ein bisher schwarzes Jahr als Bundespräsident: Nach Crans-Montana war Guy Parmelin auch in Kerzers vor Ort, um den Opfern zu gedenken.</p>

Ein bisher schwarzes Jahr als Bundespräsident: Nach Crans-Montana war Guy Parmelin auch in Kerzers vor Ort, um den Opfern zu gedenken.

AFP

Die Tragödie beginnt um 13.02 Uhr mit einer Vermisstenmeldung bei der Kantonspolizei Bern. Ein Mann ist aus dem Spital Aarberg verschwun-den: 65 Jahre alt, psychisch instabil, Schweizer. Er war wegen eines körperlichen Gebrechens in Behandlung. Die Kantonspolizei Bern meldet den Vermissten dem internen und dem nationalen Fahndungssystem. Sie kennt ihn bereits wegen Betäubungsmittelmissbrauchs – von einer Gefahr für die Öffentlichkeit geht sie nicht aus.

Um 17.45 Uhr besteigt er das Postauto in Düdingen FR. Mit sich trägt er Säcke, wirkt nervös. Um 17.51 Uhr fährt das Postauto gemäss SBB-Fahrplan jeweils ab. Das Dieselfahrzeug begibt sich auf die 33-minütige Fahrt zum Bahnhof Kerzers. Doch diesen wird es nie erreichen. Kurz vor der Ankunft am Zielort geschieht, was für viele immer noch unbegreiflich ist: Der Mann übergiesst sich mit Benzin und zündet sich an.

<p>Die Gedenkstätte nur wenige Meter von der Brandstelle entfernt. Am Montag haben alle Postautos in der Schweiz angehalten und eine Schweigeminute eingelegt.</p>

Die Gedenkstätte nur wenige Meter von der Brandstelle entfernt. Am Montag haben alle Postautos in der Schweiz angehalten und eine Schweigeminute eingelegt.

keystone-sda.ch

Laut Arbi Berisha habe sich der Täter in der Mitte des Busses aufgehalten. Berishas Cousin sass im hinteren Teil des Postautos und ist den Flammen entkommen – wie, weiss sein Verwandter selber nicht mehr. Anfang Woche kommunizierte die Kantonspolizei, dass der Bus mit zwei Passagiertüren ausgestattet war. «Da das Feuer während der Fahrt ausbrach, konnten sich die Türen erst beim vollständigen Halt des Busses öffnen.»

Chauffeur kurz vor der Pension

Um 18.25 Uhr geht in der Notrufzentrale die erste Meldung ein. Polizei und Feuerwehr reagieren umgehend. Zehn Ambulanzen rücken aus, dazu ein Helikopter und Rettungspersonal. Trotz grossem Aufgebot am Dienstagabend die traurige Bilanz: Unter den Opfern sind Lara Baumgartner (26), Moderatorin bei Radio Energy Bern, der 16-jährige Fabian Keller, der 29-jährige Ramesh S., der bei einer Zweigstelle von Coop arbeitete, die 39-jährige Tatijana B., die bei der Universität Freiburg angestellt war, und Buschauffeur Albino R. Letzterer war auf der zweitletzten Fahrt seiner Schicht, und er freute sich auf seine Pensionierung.

<p>Albino R., fünffacher Grossvater, war der Postautochauffeur beim Unglück. Er öffnete Türen, statt selbst zu flüchten.</p>

Albino R., fünffacher Grossvater, war der Postautochauffeur beim Unglück. Er öffnete Türen, statt selbst zu flüchten.

zVg

Statt schnell zu flüchten und irgendwie rauszukommen, blieb Albino R. laut seinem Sohn Leandro G. im Bus. «Mein Vater starb als Held», sagt dieser zu «Blick». «Er war ein lebensfroher Mensch, immer für andere da, für die Familie, für die Enkelkinder.»

«Es herrschte grosse Solidarität»

Einen schweren Job hatten die Rettungskräfte. Eine der Ersten vor Ort war Notfallpsychologin Elodie Aubert, 38. Sie leitet das Care-Team mit rund 40 freiwilligen Mitgliedern. «Wir waren sehr schnell dort. Ein Café und eine Apotheke gegenüber hatten freundlicherweise ihre Türen geöffnet. Es herrschte grosse Solidarität.» Das Team begleitete über die letzten Tage 160 Menschen. Dazu gehören Zeugen, direkt Betroffene und die Rettungskräfte an vorderster Front. «Indem wir gemeinsam mit ihnen den Ablauf der Ereignisse nachzeichnen, helfen wir, das Erlebte zu verarbeiten.» So könne man die Situation beruhigen und Ressourcen aktivieren. «Die Rettungssanitäter kümmern sich um den Körper, wir um das Herz.»

<p>Benzindämpfe, brennbare Materialien und die Luftzufuhr durch zerschlagene Fenster führten im Bus zu einer Brandbeschleunigung.</p>

Benzindämpfe, brennbare Materialien und die Luftzufuhr durch zerschlagene Fenster führten im Bus zu einer Brandbeschleunigung.

Leserreporter

«Er hat viel zu jung gehen müssen», sagt Fabians Mutter Regula Keller (54) zu «Blick». Der begeisterte Skifahrer hatte gerade den zweiten Schnuppertag seiner Schreinerlehre in Courtepin FR absolviert. «Er hat noch per Videoanruf erzählt, dass alles gut gegangen sei und er in der kommenden Woche auf die Baustelle könne. Er hat so viel Freude gehabt.» Radio Energy widmet Lara Baumgartner eine Sondersendung und verabschiedet sich mit emotionalen Worten. «Lara war Fan von Menschen – am liebsten waren ihr solche mit Ecken und Kanten.»

Derweil wird die Strafuntersuchung fortgesetzt. Anders als die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana erhalten die Betroffenen in Kerzers keinen Solidaritätsbeitrag des Bundes. Für sie gälten die Bestimmungen des Opferhilfegesetzes, so Justizminister Beat Jans. Die Opferstellen in Kerzers hätten genug Ressourcen – das war bei Crans-Montana aufgrund der hohen Opferzahl nicht der Fall. Die Grünen fordern dennoch per Vorstoss eine Erweiterung des Solidaritätsbeitrags.

Jessica Pfister
Jessica PfisterMehr erfahren
Von Jessica Pfister am 21. März 2026 - 06:00 Uhr