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Hinter den Kulissen bei Gotthard

Familientreffen mit Rock’n’Roll und Fleischkäse

Kaum eine Schweizer Bandgeschichte ist so von Höhen und Tiefen geprägt wie die von Gotthard. Im Jahr des zehnten Todestages von Sänger Steve Lee wagen die vier Männer einen Rück- und einen Ausblick.

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Leibliches Wohl: Die Gotthard-Bandmitglieder mögens bodenständig.

Kurt Reichenbach

Einen Moment lang ist es mucksmäuschenstill auf der Bühne des Kultur- und Kongresszentrums Zwei Raben in Einsiedeln SZ. Dann brechen Leo Leoni, 53, Freddy Scherer, 53, Marc Lynn, 55, und Nic Maeder, 48, in schallendes Gelächter aus. Eine Fasnachtsgesellschaft – noch dazu eine, die sich kaum um eine Rockband auf der Bühne schert – haben sie nicht erwartet an diesem trüben Tag Anfang März.

Fast 30 Jahre ist es her, seit Gotthard auf ihrer ersten Tour in diesem Saal spielten. Während die Fasnächtler weiterfeiern, sehen sich die vier Männer um. Auf ihrer nächsten Tour möchten sie erneut hier auftreten. Auch wenn sie inzwischen grössere Hallen gewohnt sind. «Wir wollen wieder zu den Leuten. Wir wissen, was wir unseren Fans schuldig sind», sagt Marc Lynn. Schliesslich sind sie es, die Gotthard zu einer der erfolgreichsten Schweizer Bands gemacht haben. Über drei Millionen verkaufte Alben, nach dem Debüt erreicht jedes Studioalbum auf Anhieb den Spitzenplatz in der Hitparade. So auch «Number 13», der aktuelle 13. Studio-Streich. Die Show geht weiter.

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Von vorne: Marc, Nic, Leo und Freddy (v. l.) vor dem Kloster Einsiedeln. Religion? Nicht ihr Thema. Schicksal? Daran glauben sie.

Kurt Reichenbach

«Gotthard», 1992. «Dial Hard», 1994. «G», 1996. Leo Leoni und Steve Lee lernen sich als Teenager in ihrer Heimat Lugano kennen, machen gemeinsam Musik. Marc Lynn treffen sie später an einem Open Air. Kurz darauf wird Krokus-Mastermind Chris von Rohr auf die junge Band aufmerksam. Er «schleppt» sie in die USA, wo sie Drummer Hena Habegger «rekrutieren» und ihren Erstling aufnehmen, den von Rohr produziert. Gotthard schlagen ein wie eine Bombe. Zwei Jahre später folgt die erste Headliner-Tour.

«Das war nicht hier, mit der Decke, oder?», fragt Leo grinsend. Marc schüttelt lachend den Kopf. «Zum Glück nicht.» Man habe zu jener Zeit öfter in fragwürdigen Locations gespielt. «Einmal sagte uns der Veranstalter, wir dürfen nur Balladen spielen, denn wenn alle anfangen rumzuspringen, komme die Decke runter! Mach das mal vor einem Rockerpublikum, dem du aber nichts erklären kannst, weil sonst Panik ausbricht!» Da dürfte ihnen das Open Air Huttwil, an dem sie im selben Jahr Stargast sind, in besserer Erinnerung sein. Ihre Vorband: Clean Dirt aus der Westschweiz. Deren Sänger: Nic Maeder. «Das war das erste Mal, dass wir uns trafen. Ich bin allerdings der Einzige, der sich daran erinnert», meint dieser schmunzelnd.

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Von hinten: Nic Maeder, Marc Lynn, Leo Leoni und Freddy Scherer (v. l.) im «Zwei Raben» in Einsiedeln.

Kurt Reichenbach

«Open», 1999. «Homerun», 2001. «Human Zoo», 2003. Mit Gotthard geschieht Unglaubliches. Die Verkaufszahlen explodieren, «Homerun» mit der Hitsingle «Heaven» wird mit Dreifach-Platin veredelt. Die Band füllt Hallen, tourt durch die ganze Welt. Und hebt trotzdem nicht ab. «Wir dürfen unseren Bubentraum leben, dafür sind wir alle dankbar», sagt Freddy Scherer, der 2004 zu Gotthard stösst.

«Ich stehe morgens nicht auf, schaue meine Goldenen Schallplatten an der Wand an und sage mir, was für ein geiler Siech ich bin», ergänzt jetzt Leo Leoni. Denn hinter dem glänzenden Gold steckt vor allem eines: harte Arbeit. Und das Wissen, dass von heute auf morgen alles ganz anders sein kann.

«Ich stehe morgens nicht auf, schaue meine Goldenen Schallplatten an und sage mir, was für ein geiler Siech ich bin»

Leo Leoni

«Lipservice», 2005. «Domino Effect», 2007. «Need to Believe», 2009. Im Zwei-Jahres-Rhythmus erscheinen die Alben. Es braucht eine Pause. Steve Lee und Marc Lynn machen sich mit Freunden auf zu einem lang erträumten Motorrad-Trip in den USA. Dann dieser 5. Oktober 2010, der sich immer noch anfühlt wie ein böser Traum. Ein Lastwagen gerät ausser Kontrolle, Lee wird von einem umfallenden Motorrad getroffen, ist auf der Stelle tot. Auf die Trauer – «nicht bloss um einen langjährigen Freund, sondern um ein Familienmitglied», sagt Marc – folgt die Existenzangst. Was nun? Aufhören? Weitermachen? Irgendwann ist klar: «Wir versuchens. Aber nur, wenn wir jemanden finden, der zu 100 Prozent in unsere Familie passt», so Leo.

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Karge Garderoben finden Gotthard zwar auch heute noch ab und zu vor. Aber die Decke hält zum Glück.

Kurt Reichenbach

«Firebirth», 2012. «Bang!», 2014. «Silver», 2017. «Was hast du mit dem Rest deines Lebens vor?», fragt Leo Nic Maeder am Telefon. Im australischen Melbourne, wo dieser damals wohnt, ist es zwei Uhr morgens, Maeder ist gerade vom Ausgang zurück. Er ist dieser Jemand. Das Puzzleteil, das passt. Als er der Öffentlichkeit vorgestellt wird, bricht das Interesse wie eine Flutwelle über den Mann aus Yverdon VD herein. «Aufregung, Freude, Angst – ich fühlte alles auf einmal», erzählt Nic. Umso wichtiger ist es, dass die Band ihn als das sieht, was sie gesucht hat: ein weiteres Familienmitglied. Nicht Steve Lees Ersatz.

«Number 13», 2020. Die Plattentaufe müssen Gotthard wegen des Coronavirus absagen. Sie spielen die geplante Show in ihrem Übungsraum und streamen sie live. Ihre Tour verschieben sie vom Frühling in den Herbst. Diese bringt eine Änderung: Gotthard sind nur noch zu viert. Hena Habegger, mittlerweile zweifacher Papi, möchte mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. «Zwei Familien – das geht nicht», sagt Leo. Sie alle verzichten für ihren Bubentraum auf ein privates Familienleben. Auch wenn die Sehnsucht danach sich vermehrt bemerkbar macht. So hat Leo kürzlich geheiratet, Nic hat mit seiner Partnerin ein Haus gebaut. Aber Gotthard bleiben Familie. Egal wann, egal wo. Auch 2020.

Von Sandra Casalini am 24.04.2020
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