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Corona-Hotspot Adria Tour

Das Djokovic-Desaster kam mit Ankündigung

Aus der guten Idee wird ein Fiasko: Fiebernde Fans und wilde Partys machen die Adria-Tennistour zum Corona-Hotspot. Organisator Novak Djokovic und seine Liebsten suchen die Schuld bei allen ausser bei sich. Nicht zum ersten Mal.

NOVAK DJOKOVIC tennis Adria tournament at tennis center Novak,Belgrade 14.06.2020. MarkoxMetlas PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY

Fatale Nähe: Djokovic (vorne Mitte) im Tennis Center Novak in Belgrad beim Turnierstart inmitten von jugendlichen Tennisspielerinnen und -spielern. In der Folge häufen sich die Covid-19-Infektionen.

imago images/Camera 4/Internatio

Novak Djokovic blickte in einer Lounge des mondänen Monte Carlo Country Club aufs Mittelmeer, an einem sanften Frühlingstag vor ein paar Jahren. Er war schon zum Weltstar geworden, hatte Roger Federer und Rafael Nadal in der Weltrangliste überholt, war die Nummer eins. Und nun knabberte der junge Mann aus Belgrad an der letzten Frage eines längeren Interviews. Er wisse nicht, sagte Djokovic damals mit verschmitztem Lächeln, ob er die Frage beantworten solle. Er tat es dann aber selbstverständlich doch, ganz Medienprofi, der er ist. Die Frage lautete: Wie würden Sie jemandem Novak Djokovic beschreiben, der noch nie von ihm gehört hat? Djokovics Antwort war durchaus erhellend: «Die schlechten Seiten? Er ist manchmal eifersüchtig, vielleicht ein wenig zu emotional. Das Gute: Er ist ein kommunikativer Mensch. Voller Energie, voller Leben. Er zeigt ganz offen seine Seele. Und er ist verantwortungsvoll und freundlich.»

Jegliche Verantwortung über den Haufen geworfen

Man könnte auch jetzt, in den aussergewöhnlichen Sommermonaten des Jahres 2020, einiges von dem unterschreiben, was Djokovic über Djokovic sagte. Nur eine längst nicht mehr unerhebliche Einschränkung gibt es. Denn in der Corona-Krise entpuppte sich der 33-Jährige zuletzt als Mann mit einer Art Allmachtsfantasie. Als einer, der jegliche Verantwortung über den Haufen warf und mit seiner missratenen Adria Tour nicht nur den Tenniszirkus, sondern gleich die grosse, weite Sportwelt gegen sich aufbrachte.

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Seine Schaukampf-Inszenierung in mehreren Städten auf dem Balkan, stets vor vollgepackten Zuschauertribünen, die Partyatmosphäre auf den Courts und erst recht in ausufernden Disconächten – alles folgte einem Motto, einer Idee, einer Ansage: Ich tue, was mir gefällt. Ein amerikanischer Profikollege lästerte in einer Whatsapp-Gruppe: «Es sieht so aus, als habe er dem Erdball den Mittelfinger zeigen wollen.»

Tennis players Novak Djokovic, Olga Danilovic and Donna Vekic enjoy on Zlatan Stipisic Gibonni concert during a Adria Tour tennis tournament in Zadar, Croatia on June 19, 2020. Photo: Marko Dimic/PIXSELL (FOTO: DUKAS/PA PHOTOS)

Support: Partygäste von Djokovic wie die Spielerinnen Olga Danilovic (M.) und Wawrinkas Ex-Freundin Donna Vekic sprechen den Tennisstar von jeglicher Mitschuld am Corona-Debakel frei.

Dukas

Der Schadensberg türmt sich nun allerdings zu beachtlicher Grösse auf, mit mehreren infizierten Profis, mit dem 17-fachen Grand-Slam-Gewinner Djokovic und Ehefrau Jelena als prominentesten Betroffenen. Und es stellen sich gleich mehrere Fragen, wenn irgendwann der Tennis-Restart vollzogen wird: Kann sich Djokovic von dem Desaster, das er mit seiner laxen, gefährlichen Eventnummer angerichtet hat, wieder erholen? Oder wird er als Geächteter die alten, neuen Kämpfe um Spiel, Satz und Sieg aufnehmen, gebrandmarkt als König des Leichtsinns und der Fahrlässigkeit?

Immer wieder Ärger mit den Djokovics

Was in jedem Fall zu befürchten ist: weitere Scharmützel zwischen der verschworenen Familie Djokovic und anderen Grössen der Tennis-Szene. Denn schon lange vor dem Ausnahmezustand in der Corona-Welt war es eher der Normal- und Regelfall, dass sich die Djokovics gern einmal mit der lieben Konkurrenz anlegten.

So wie es jüngst Vater Srdjan Djokovic tat, als er ohne Anlass Roger Federer mit markigen Worten aufforderte, doch endlich mit dem Tennisspielen aufzuhören, die «Kinder zu erziehen und Ski fahren zu gehen». Im Februar hatte Daddy Djokovic bereits gelästert, Federer gönne niemanden ausser sich selbst Erfolge: «Er ist ein herausragender Tennisspieler, aber das könnte ich über seine Menschlichkeit nicht sagen.»

Den letzten Aussetzer leistete sich der streitbare Senior dann später nach Bekanntwerden der Infektionen bei der Adria Tour: Schuld waren nach seiner höchstexklusiven Meinung keineswegs die Veranstalter, also seine Söhne Novak, Djordje und Marko, sondern der eingeladene Bulgare Grigor Dimitrow.

Marko Novak Dijana Djordje Srdjan Jelena Djokovic Family during the Adria Tour charity tournament against Serbia's Filip Krajinovic, in Belgrade, Serbia, June 13 -14, 2020.//MILOSAVLJEVIC_1718.108/2006241254/Credit:Pedja Milosavljevic/SIPA/2006241257 (FOTO: DUKAS/SIPA)

Familie Sorglos: Die Brüder Marko, Novak und Djordje mit Mama Dijana. Rechts Papa Srdjan mit Novaks Ehefrau Jelena Djokovic beim Start der Adria Tour in Belgrad.

Dukas

Wir gegen den Rest der Tenniswelt. Serbien gegen «den Westen». Dieser Plot schimmert beim ganz speziellen Djokovic-Seriendreh auf den weltweiten Centre-Courts stets durch. Und begann schon in Novaks Kindheit. Als Ende der Neunzigerjahre Bomben auf Serbien fallen, wohnt Novak mit seinen Brüdern zeitweise beim Grossvater ausserhalb Belgrads und muss sich viele Nächte lang im Keller in Sicherheit bringen. Die Eltern arbeiten derweil im vier Stunden entfernten Skigebiet von Kopaonik, um die Karriere des Sprösslings zu finanzieren. Entsprechend sind heute nicht nur die härtesten Rivalen des «Djokers» Zielscheiben von Kritik und Sticheleien durch die Djokovics, sondern auch all jene, die der märchenhaften Aufstiegsstory vom Kriegskind auf dem Balkan zum Dominator nicht genügend huldigen.

Hang zur Esoterik

Meist gelten die Attacken Federer, dem Liebling der Massen, welchem genau diese Fanliebe geneidet wird. Siegt Djokovic gegen den Maestro, sind dann auch schon mal übernatürliche Kräfte im Spiel. So erklärte sich Djokovics Mutter Dijana kurzerhand zur klammheimlichen Wegbereiterin des letztjährigen Wimbledon-Triumphs. Als Federer zwei Matchbälle im fünften Satz des Finalkrimis hatte, da habe sie um den Sieg des Sohnes gebetet. «Und dann hat Novak die Matchbälle abgewehrt und gewonnen. Er wurde von Gott gerettet», sagte die Mama, «auch Novak glaubt an Gott. Er fühlt sich auserwählt und trägt ein Kreuz, das ihm Frieden und Glück bringt.»

Allerdings vertraut Djokovic eher mehreren Göttern. Oder Götzen. Denn bei aller Vernunft und Kühle, die Djokovics Spiel prägen, ist doch eins verwunderlich: sein Hang zur Esoterik, zur Pseudowissenschaft, zu sehr alternative Medizin. Seine Nähe zu Scharlatanen oder Gurus, die wie der Spanier Felipe Imaz ein merkwürdiges Peace-and-Love-Mantra predigen. Als Djokovic sich einst den Parolen des Spaniers zuwandte, verliess ihn bald Erfolgstrainer Boris Becker. Später schasste Djokovic den Rest seines langjährigen Serviceteams, nur um es bald reumütig zurückzuholen. Und kleinlaut zu bekennen, er sei temporär «vom Weg abgekommen», habe nicht mehr gesehen, «wer wichtig ist für mich».

Bei seinem verzehrenden Ehrgeiz, alles und jeden in der Tenniswelt hinter sich zu lassen, sorgt der zweifache Familienvater immer mal wieder für Irritationen. Beim Australian-Open-Sieg im Januar wich er ungehalten Fragen aus, die sich mit der Einnahme eines mysteriösen Pulvers während des Endspiels beschäftigten. Kurz nachdem er sich dann in der Corona-Krise als Impfgegner geoutet hatte, präsentierte er sich als Fan einer bizarren Theorie. In einem Gespräch mit seinem vermeintlichen «Bruder» Chervin Jafarieh, einem ehemaligen iranischen Immobilienmakler, stellte er die Behauptung auf, Menschen könnten mit purer Gedankenkraft die Moleküle verschmutzten Wassers reinigen.

 18.06.2020., Zadar, Croatia - Kids' Day of the tennis mega-spectacle Adria Tour held on Zadar Forum with famous tennis players.The Adria Tour is a series of tournaments being organised by world number one Novak Djokovic. Zadar will host on 19 – 21 June with the tournament set to feature Djokovic and Croatian aces Borna Coric and Marin Cilic.Novak Djokovic.Photo: Dino Stanin/PixSell  (FOTO: DUKAS/PA PHOTOS)

Nur gut gemeint statt gut: Djokovic am Kids Day des Turniers von Zadar (Kro) am 18. Juni. Kurz darauf werden die ersten Corona-Fälle im Turnier-Umfeld bekannt.

Dukas

Die ambitionierte Ehefrau Jelena ihrerseits verstörte mit der Weiterverbreitung eines dubiosen Instagram-Beitrags, in dem nebenbei die Corona-Pandemie als Folge der neuen 5G-Technologie erklärt wurde. Er und Jelena, sagt Djokovic, seien «Seelenverwandte». Man habe Probleme in der Beziehung überstanden, sei in Harmonie verbunden, konterte Djokovic alle aufgekommenen Scheidungsgerüchte: «Sie ist der perfekteste Mensch, den ich kenne. Ich wachse mit ihr.»

Djokovic ist in der Tenniswelt bekannt dafür, seinem Tun und Handeln stets einen wortreichen philosophischen Überbau zu verleihen, das banale Analysieren von Taktik, Strategie, Schlägen ist ihm nicht mehr genug. Er kann sehr einnehmend sein, charmant, offenherzig, humorvoll. So wie in seinen wilden Frühzeiten im Circuit, als er bühnenreife Imitationen der Mitstreiter zum Besten gab. Als Wohltäter kümmert er sich mit seiner Stiftung um benachteiligte Kinder, vor allem in der Heimat. Viel habe er indes kaputtgemacht in den letzten Wochen und Monaten, sagen selbst Bekannte und Freunde. Fraglich, ob er als Präsident des Spielerrats der Profigewerkschaft ATP weitermacht – weitermachen darf.

Novak Djokovics Eskapaden erinnern an eine Mahnung, die einst der gewiefte Grossmanager Ion Tiriac seinem Teenager-Schützling Boris Becker mit auf den Weg gab. Man könne sich über Jahre Hochachtung, Respekt und Anerkennung aufbauen, sagte Tiriac, «aber du kannst alles mit einem Fehler zerstören. An einem Tag.»

Von Jörg Allmeroth am 04.07.2020
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